Porsche Taycan – volles Rohr, der Elektro-Porsche startet durch


Sie waren vielleicht nicht die Ersten bei Porsche, aber jetzt gehören sie garantiert zu den Schnellsten in Sachen Elektromobilität. Jedenfalls kann man leicht diesen Eindruck gewinnen, wenn man die Chance hat, in einem der Taycan-Prototypen die legendäre „Weissach-Runde“ rund um das Porsche-Entwicklungszentrum in der Nähe von Stuttgart zu erleben. Im Beifahrersitz, wohlgemerkt, die kostbaren Erprobungsfahrzeuge gibt Porsche vor dem Serienstart nur höchst ungern aus der Hand. Sobald der Taycan losgelassen wird, versteht man auch, warum.

Wenn Bernd Propfe, einer der verantwortlichen Ingenieure, so richtig Gas bzw. Strom gibt, entlädt sich die Urgewalt des Elektrozeitalters. Der Taycan beschleunigt wie ein Supersportwagen und fliegt durch die Kurven, als ginge es darum, einen neuen Rekord auf dem Nürburgring aufzustellen. Was übrigens kürzlich geschehen ist. Den Rundenrekord für elektrisch betriebene Viertürer auf der berühmt-berüchtigten Nordschleife hält jetzt mit 7 Minuten und 42 Sekunden ein Taycan mit Testfahrer Lars Kern am Steuer. Man muss allerdings zugeben, dass es in dieser Kategorie wenig ernsthafte Konkurrenz gibt. Zahlen nennt Porsche offiziell noch nicht, aber man kann getrost von ungefähr 450 kW Leistung der beiden kombinierten Elektromotoren ausgehen. Das entspricht mindestens 600 PS. Wobei der Begriff „Pferdestärken“ wirklich aus einer anderen Zeit kommt.

Leistung eines Supersportwagen

Mit einem kleinen Seitenblick checkt Bernd Propfe die Wirkung der Beschleunigungskräfte auf seinen Passagier. Ein kleines Schmunzeln kann sich der Porsche-Ingenieur dabei nicht verkneifen. Es ist nicht nur die Wucht der Längs- und Querbeschleunigung, die wirklich atemberaubend ist, es ist auch die Art und Weise, wie der E-Sportler seine Kräfte mobilisiert – kontinuierlich, ohne Schaltpausen, buchstäblich wie an der Schnur gezogen. Bei (nicht-offiziellen) Tests beschleunigte der Taycan aus dem Stand in knapp zehn Sekunden auf 200 km/h. Und das nicht nur einmal. Die Batteriekapazitäten sollen für rund zwei Dutzend dieser rennmäßigen Starts gut sein.

Beschleunigungsfahrt auf dem Deck eines Flugzeugträgers.

Beschleunigungsfahrt auf dem Deck eines Flugzeugträgers.

Propfe begleitete das ursprünglich „Mission E“ genannte Projekt von Stunde Null an als Projektleiter für die Plattformen der elektrisch betriebenen Fahrzeuge. Am Anfang, so hört man, hätten die Kollegen von der Hardcore-Verbrennerfraktion noch milde über die „Stromer“ gelächelt. Das hat sich inzwischen gerändert. Wer zuletzt lacht, lacht bekanntlich am besten.

Denn sie meinen es wirklich Ernst bei Porsche. Am 4. September ist die Weltpremiere des Taycan, und zwar – Achtung! – zeitgleich in drei Kontinenten. „Die Premierenorte stehen stellvertretend für drei Wege der nachhaltigen Energiewirtschaft und liegen in den wichtigsten Absatzmärkten des neuen Elektro-Sportwagens“, teilt der Sportwagenbauer mit. Schauplätze des live gestreamten Spektakels werden die Niagarafälle an der Grenze zwischen Kanada und USA als Symbol für Wasserkraft sein, der Solarpark in Neuhardenberg bei Berlin sowie der Windpark auf der chinesischen Insel Pingtan. Vorausgegangen war in den vergangenen Wochen eine Art Welttournee des noch getarnten Prototypen bei großen Porsche- und Motorsportveranstaltungen. Performance, Leistung und Beschleunigungsvermögen standen dabei im Vordergrund. Schließlich will man beweisen, dass auch ein E-Porsche ein echter Porsche ist.

Mustang-Fahrer blamiert sich - und rast in Zuschauer

30.000 Vorbestellungen

Am 9. September schließlich werden am Stammsitz in Stuttgart-Zuffenhausen die völlig neu errichteten Werkshallen für den Taycan eröffnet, für den schon 30.000 Interessenten eine Anzahlung geleistet haben. Damit wurden die Erwartungen des Herstellers weit übertroffen. Ursprünglich hatte man mit 20.000 verkauften Exemplaren pro Jahr gerechnet. „Wir denken bereits jetzt darüber nach, wie wir die Produktionszahlen steigern können, zum Beispiel über die Arbeitsorganisation oder über Schichtsysteme“, erklärt Albrecht Reimold, der für Produktion und Logistik zuständige Porsche-Vorstand, „um die Wünsche unserer Kunden ohne lange Wartezeiten zu erfüllen.“

Der Bau der neuen Anlagen in Stuttgart war ein gewaltiger Kraftakt. Aus dem einstigen Arbeiterquartier Zuffenhausen ist längst Porschehausen geworden. In den vergangenen siebzig Jahren expandierte der Sportwagenbauer unaufhaltsam, auch räumlich, und kaufte vermutlich jedes erhältliche Stück Land rund um den Traditionssitz. Nur so ließen sich die ausgedehnten Neubaupläne überhaupt verwirklichen. Die vier neuen, gigantischen Werkshallen entstanden inmitten der laufenden Produktion der klassischen Sportwagen auf dem verschachtelten Zuffenhausener Firmengelände.

Rund sechs Milliarden investiert das Unternehmen in den Aufbruch in das Elektrozeitalter, davon allein rund eine Milliarde in die neue Zuffenhausener Fabrik. Das Neubauprojekt rund um das alte Backsteingebäude, in dem noch Patriarch Ferdinand Porsche und Sohn Ferry Porsche residierten, ist das Basislager für diesen Aufbruch in die Zukunft ohne Motorenlärm und Abgase.

Besonders stolz ist Produktionsvorstand Reimold darauf, dass es gelungen ist, den knapp kalkulierten Zeitplan einzuhalten. Bis zu 3.000 Beschäftigte waren zeitweise auf der Baustelle tätig, mit dem entsprechenden LKW-Verkehr und den Beeinträchtigungen durch Lärm und Schmutz. „Porsche wäre nicht Porsche, wenn wir nicht sportlich unterwegs wären“, so Reimold, „wir brauchen anspruchsvolle Zielsetzungen, um jeden Tag besser zu werden. So wie im Rennsport auch.“ Man würde den Managern von „Stuttgart 21“ oder des Berliner Flughafens gern eine Führung durch die neuen Werkshallen und eine Schulung in Sachen Baustellenmanagement empfehlen.

Es ist das ehrgeizigste und wohl riskanteste Projekt in der Geschichte von Porsche. Ein Neubau irgendwo außerhalb auf der grünen Wiese kam nicht infrage. „Solche Dinge werden nie nur betriebswirtschaftlich entschieden“, sagt Reimold, „sondern Zuffenhausen ist einfach Herz und Seele des Unternehmens. Hier sind die Ikonen entstanden, der Porsche 356 in den 1950er-Jahren und natürlich der 911.“ Und er sei sich sicher, meint Reimold, dass der Taycan zu einer „neuen Porsche-Ikone“ werde.

Mit den Mitarbeitern wurde ein Standortvertrag geschlossen, mit dem alle, auch die Vorstandsmitglieder, durch Gehaltsverzicht einen „Zukunftsbeitrag“ für die Investitionen in das neue Werk leisten. Im Gegenzug entstehen mehr als 1.200 zusätzliche Arbeitsplätze mit teilweise neuen Qualifikationen. Darüber hinaus legte Porsche ein Effizienzprogramm auf, mit dem ab 2025 jährlich rund eine Milliarde eingespart werden soll. Damit will man die gigantischen Investitionen und steigende Herstellungskosten abfedern. „Das ist angesichts der gegenwärtigen Gewinne schwer zu verstehen“, räumt Albrecht Reimold ein, „aber es ist auch unsere Aufgabe als Vorstand, strategisch die Weichen zu stellen und den Mitarbeitern zu erklären, dass wir uns auch auf der Kostenseite für die Zukunft der Elektromobilität rüsten müssen.“

Elektroautos brauchen keine komplizierten Verbrennungsmotoren mehr, wie man sie bisher bei Porsche mit Hingabe baute, keine Abgassysteme oder herkömmlichen Achsen, auch die traditionellen Karosseriestrukturen haben ausgedient. Die neue Technik erfordert völlig neue Produktionsmethoden. Porsche nutzt die Chance, in den neu gebauten Hallen für Motoren- und Fahrwerkskomponenten, Karosseriebau, Lackiererei und Montage „die „Abläufe zu optimieren“, wie Albrecht Reimold erklärt: „Wir nennen das Porsche Produktion 4.0.“ Dabei geht es ihm nicht nur um fahrerlose Transportsysteme und vernetzte Maschinen in den Fabrikhallen, sondern auch um eine „sich ständig verbessernde Umweltbilanz“.

Es grünt bei Porsche

Sogar der grüne baden-württembergische Landesvater Winfried Kretschmann und der grüne Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn unterstützen das Projekt, weil Nachhaltigkeit eines der großen Ziele war. Die Politik und die Behörden hätten dafür einige Auflagen gemacht, beispielsweise die Begrünung von Dächern oder die Nutzung von Strom aus regenerativen Quellen. „Wir haben uns bewusst für Maßnahmen entschieden, die auf das Thema Umwelt und Nachhaltigkeit einzahlen“, berichtet Porsche-Vorstand Albrecht Reimold. So werde beispielsweise der Strom teilweise aus einem städtischen Bio-Kraftwerk bezogen, und eine Fassade an einer Werkshalle sei in der Lage, Stickoxide zu verarbeiten. Die installierten 150 Quadratmeter Fläche wirkten so, als würde man zehn Bäume pflanzen. Immerhin.

Ziel ist die Fabrik ohne Umweltbelastungen

„Im ersten Schritt sagen wir: Die Produktion in Zuffenhausen ist CO2-neutral“, so Reimold. Das klare Ziel aber sei die „Zero Impact Factory“, sagt der Porsche-Vorstand, eine Produktion ohne Umweltauswirkungen. Das sei seine Vision für das Jahr 2025.

Es grünt bei Porsche, ausgerechnet bei einem Sportwagen-Hersteller, bei dem man es vor kurzem noch am wenigsten vermutet hätte. Der Einstieg in die Formel E-Rennserie wurde vor kurzem mit dem 99X Electric zelebriert, und der Taycan wird bald rein elektrisch betriebene Geschwister bekommen. Begonnen hat der Einstieg ins Elektrozeitalter mit der Hybridversion der Sportlimousine Panamera, deren Anteil an den Verkäufen der Baureihe inzwischen bei rund 60 Prozent liegt. Selbst der altehrwürdige 911, dessen Sechszylinder-Boxermotor bisher als eine Art Heiligtum gilt, ist vor Elektrifizierung nicht mehr sicher.

Aber jetzt sind erstmal alle Augen auf den Taycan gerichtet, der mit der Weltpremiere endlich auch sein hässliches Tarnkleid verliert. Es scheint fast, als ob die Entwickler mit aufgemalten, übergroßen Scheinwerfern und Rückleuchten ihr neuestes Baby bewusst verunstalten wollten, nur um es jetzt umso leuchtender zu präsentieren. Für Porsche-Chefdesigner Michael Mauer war vor allem wichtig, dass „auch dieses neue Modell auf den ersten Blick als Porsche erkennbar ist“, wie er erklärt. Er schwärmt vor allem von den Proportionen des Taycan, die für ein rein elektrisch betriebenes Fahrzeug „einzigartig“ seien. „Ein Sportwagen hat ein dramatischeres Breiten-Höhen-Verhältnis als andere Fahrzeuge“, so der Designer, „und ich wage zu behaupten, dass wir die Architektur rein elektrisch betriebener Fahrzeuge ein Stück weit neu definiert haben.“

Vorstand Albrecht Reimold ist sehr zufrieden mit der Zahl Vorbestellungen.

Vorstand Albrecht Reimold ist sehr zufrieden mit der Zahl Vorbestellungen.

Der Unterschied: Normalerweise seien rein elektrisch betriebene Fahrzeuge höher als konventionelle, weil die relativ schweren und großen Batterien im Wagenboden untergebracht sind, und die Menschen darüber sitzen. „Damit wollten wir uns nicht abfinden“, sagt Mauer. Deshalb erfand man die sogenannten „Fußgaragen“ –Ausschachtungen in den Batterien, in denen die Beine der vier Passagiere Platz finden. „Sie ermöglichen auch bei einer sportlichen Fahrzeughöhe eine komfortable Sitzposition.“

Der tiefe Schwerpunkt von Batterien und Passagieren macht sich auch bei der schnellen „Weissach-Runde“ mit Entwickler Bernd Propfe bemerkbar. Mit mehreren Dutzend Prototypen des neuen E-Porsche legten die Ingenieure in den vergangenen Jahren rund sechs Millionen Kilometer zurück, bevor er jetzt an die ersten Kunden ausgeliefert wird. Sie werden alles finden, was sie an einem Porsche schätzen, inklusive Allradantrieb, Luftfederung und Klimaautomatik. Das Armaturenbrett ist beim Protypen noch mit Decken verhüllt, allein das gebogene Display mit den elektronischen Rundinstrumenten verrät markentypisches Flair. Man spürt: auf Leichtbau wird ebenso viel Wert gelegt wie auf gute Aerodynamik der Außenhaut, denn beides wirkt sich entscheidend auf die Reichweite des Elektromobils aus. Und die ist besonders wichtig fürs Fahren im Alltag. Offizielle Zahlen gibt es noch nicht, doch für rund 500 Kilometer sollen die Akkukapazitäten reichen, und dank 800-Volt-Technik an Bord soll das minutenschnelle Aufladen problemlos funktionieren.

Nicht einmal auf den typischen Porsche-Sound müssen Taycan-Fahrer verzichten. Im sogenannten Sport-Modus wird der elektronisch simuliert. So schnell will man sich in Zuffenhausen von liebgewordenen Traditionen dann doch nicht verabschieden.



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