Psychologie – Vögel bringen Glück – Gesundheit

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Älteren und pflegebedürftigen Menschen geht es offenbar besser, wenn sie Kontakt mit wild lebenden Tieren haben.

Die Bühne ist bereitet. Inmitten eines schmucklosen Innenhofs ist ein kleines Häuschen aufgebaut. Das Publikum, manche mit Rollator oder im Rollstuhl, besetzt die besten Plätze an Fenster und Galerie. Dann folgt das Spektakel. Es dauert nur kurz. Nach wenigen Sekunden fliegen die Hauptdarsteller wieder davon. Kräftiger Applaus und helle Begeisterung ist ihnen trotzdem sicher. Die Bewunderung gilt zwei Kohlmeisen. Das Publikum sind die Bewohner eines Altenheims in Bayern, und die Bühne ist ein vor dem Fenster angebrachtes Vogelfutterhaus.

Das Schauspiel bietet sich seit einiger Zeit so oder ähnlich in vielen Pflegeheimen in Bayern. „Alle Vögel sind schon da – Vogelbeobachtung in vollstationären Einrichtungen“, heißt das Projekt, mit dem der Landesbund für Vogelschutz (LBV) in mehr als 40 Pflegeeinrichtungen Vogelfutterhäuschen installiert und die Heimbewohner über Grünfink, Spatz und Co. aufklärt. „Es geht darum, Naturerlebnisse zu schaffen und damit dem Verlust von Lebensqualität entgegenzuwirken“, sagt LBV-Projektmanagerin Kathrin Lichtenauer.

Vogelbeobachten als aktive Gesundheitsprävention, lautet die Idee hinter dem Projekt, das von mehreren Pflegekassen mitfinanziert wird. Auch Wissenschaftler interessieren sich dafür. Kann Vogelbeobachtung – neudeutsch: Birdwatching – die psychosoziale Gesundheit, die Mobilität und die geistige Leistungsfähigkeit von Menschen in Pflegeheimen fördern und zu einem besseren Wohlbefinden und mehr Lebensqualität beitragen? So lautet die Fragestellung an ein Forscherteam um die Sozialpsychologin Elisabeth Kals von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Es ist die erste Studie weltweit, die erforscht, ob das Beobachten von Vögeln Menschen in Pflegeheimen gesünder und zufriedener machen kann.

Die positive Wirkung von Natur generell ist wissenschaftlich bereits vielfach belegt. So wies die US-Forscherin Mary Carol Hunter von der Uni Michigan nach, dass schon wenige jeweils 20- bis 30-minütige Naturaufenthalte pro Woche die Stresspegel um mehr als 20 Prozent senken. Die Studienautorin spricht von einem Aufenthalt im Grünen sogar als „Naturpille“. Doch ausgerechnet zum Beitrag von Vögeln, den häufig sichtbarsten Verkörperungen der Natur – vor allem in Großstädten – gibt es bislang nur wenige Untersuchungen. Konkret zur Vogelbeobachtung ist der bayerische Versuch nach Auskunft der Autoren sogar weltweit der erste. Nach eineinhalb Jahren Begleitforschung haben die Wissenschaftler einen Zwischenbericht vorgelegt, in dem sie zum Ergebnis kommen: „Die Annahme, dass Vogelbeobachtung das Potenzial hat, Menschen gesünder und glücklicher zu machen, ist völlig richtig“, resümiert Elisabeth Kals.

Die psychosoziale Gesundheit sei durch Vogelbeobachtung deutlich positiv beeinflusst worden, heißt es in einem 33-seitigen Bericht der Forscher. „Durch das Angebot der Vogelbeobachtung, der Anregung zur Bewegung und zum Nachdenken über die beobachteten Vögel kann das soziale Wohlbefinden direkt gesteigert werden.“ Auch wurde die mentale Leistungsfähigkeit der betagten Bewohner gestärkt.

Endgültige Aussagen seien allerdings erst nach Studienende im kommenden Jahr möglich. „Menschen sind nach wie vor ein Teil der Natur, wenn auch ein entfremdeter“, erklärt die Professorin die positive Wirkung des Kontakts zu wilden Vögeln. „Wir fühlen uns deshalb Flora und Fauna tief emotional verbunden. Diese Nähe ist heilend und wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus.“ Mit Haustieren ließe sich nach ihrer Meinung ein ähnliches Ergebnis nicht erzielen. Das Vogelbeobachten entfalte seine Wirkung aber womöglich gerade, weil wild lebende Tiere freiwillig eine kurze Bindung zum Menschen eingingen. „Das ermöglicht uns viele Projektionsmöglichkeiten.“

Die Reaktionen der Bewohner reichten von Tränen der Rührung bis zu Ablehnung

Auch der britische Biologe Daniel Cox erforscht, ob Vögel einen positiven Einfluss auf die psychosoziale Gesundheit von Menschen haben. Er kommt in seinen Studien mit Stadtbewohnern zu ähnlichen Ergebnissen wie die bayerischen Forscher mit Bewohnern von Pflegeheimen. Er fand heraus, dass sich Menschen beim Vogelbeobachten am Futterhaus entspannt und mit der Natur verbunden fühlten, zwei wichtige Parameter zum Stressabbau. „Die Begegnung mit frei lebenden Vögeln ist sehr wichtig, aber wir stehen noch ganz am Anfang, zu verstehen, wie bedeutsam sie ist“, sagt der Forscher am Zentrum für Nachhaltigkeitsstudien der Universität Exeter.

In einer 2017 publizierten Studie belegte Cox einen Zusammenhang zwischen Vogelhäufigkeit und psychischen Erkrankungen von Menschen in südenglischen Städten. „Es gibt eine klare Korrelation zwischen der Anzahl der Vögel, die Menschen in ihrem Viertel erleben können, und der Wahrscheinlichkeit von Depression, Angststörungen und Stress“, sagt Cox. Angesichts einer vergleichsweise geringen Zahl von 270 Probanden in seiner Untersuchung will er nicht von zwingenden Beweisen sprechen. „Wir können aber bisher sagen, dass dort, wo mehr Vögel anwesend sind und dort, wo die Menschen die Chance haben, ihnen auch zu begegnen, das Ausmaß psychischer Erkrankungen geringer ist.“

Klar sei, dass Vögeln ebenso wie Grünflächen als sichtbarste Komponenten von Natur in der Stadtplanung eine größere Bedeutung zukommen sollte. Der Kontakt mit Vögeln sei zwar keine Wunderwaffe zur Vorbeugung oder Behandlung psychischer Probleme. Aber angesichts der zunehmenden psychischen Erkrankungen in Ballungsräumen ein Mittel zur Verbesserung des sozialen Klimas und der emotionalen Stabilität seiner Bewohner.

Das erlebt auch die LBV-Projektmanagerin Lichtenauer bei ihren Besuchen in den Pflegeheimen. Die Reaktionen der Bewohner reichten von Tränen der Rührung bis zu Ablehnung. Das sei langweilig, habe sie allerdings auch schon gehört. „Demenzkranke folgen nicht unbedingt den Regeln der Höflichkeit, aber es gibt sehr viele berührende Momente“, sagt Kathrin Lichtenauer. Etwa mit jener Dame im Alter von nahezu 100 Jahren, die sich kaum noch aus ihrem Zimmer bewegte. Seit es im Erdgeschoss ihres Pflegeheims das „Vogelfenster“ mit Blick auf das Futterhäuschen draußen gibt, macht sich die Hochbetagte jedoch wieder öfter auf den beschwerlichen Weg.



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