Rafik Schami im Porträt: Die erstickte Freiheit – Kultur



Er ist so etwas wie das immaterielle Kulturerbe von Damaskus. Niemand versteht es so, durch die Kraft der Poesie die Atmosphäre der Altstadt zum Leben zu erwecken, den Duft von Kaffee und Gewürzen, den Trubel des Basars, das Leben in den engen Gassen. Rafik Schamis Geschichten und Romane über die syrische Hauptstadt waren für viele Deutsche ein Grund, ein Touristenvisum für das Land zu beantragen. So hat es ihm in besseren Zeiten einmal ein syrischer Botschafter erzählt.

Schami begann früh zu schreiben, aber unter Assad war an Publikationen nicht zu denken – daher sein Künstlername, „der Damaszener Freund“. „So war ich geschützt und dem Zugriff der Geheimdienste erst einmal entzogen. Wenn ich Schande über mich bringen sollte, dann trifft es nur mich und nicht meine Familie.“ Sein richtiger Name bedeutet „der Tugendhafte“, fügt er hinzu, aber so tugendhaft sei er nie gewesen. „Schami ist meine zweite Seele.“ Und die Seele leidet bei jeder Nachricht aus Syrien.

Er kehrte nie in die Heimat zurück

Rafik Schami, 1946 geboren, lebt seit 1971 in Deutschland, seine unveröffentlichten Manuskripte nahm er damals mit. Der promovierte Chemiker sollte bei einem großen Pharmakonzern als Gebietsleiter Nordafrika arbeiten, doch er kündigte und entschied sich für die Literatur. „Wenn ich nach Nordafrika gegangen wäre, hätte ich nicht mehr schreiben können. Zwei Wassermelonen kann man nicht in einer Hand tragen.“ Es sei nicht leicht gewesen, aber er nach und nach gewann er ein großes Publikum. „Ich bin einmal mit einem wackligen VW-Käfer von Heidelberg nach Hannover zu einer Lesung gefahren, da kamen nur fünf Leute. Sie können nichts dafür, dass die anderen wegblieben.“ Heute füllt Schami große Säle. Es sprach sich herum, dass er gut Geschichten erzählen kann – in bester arabischer Tradition.

Rafik Schami wuchs damit auf, er erlebte, „wie wunderschön auf der Straße erzählt wurde, wie Männer und Frauen weinten und lachten. Heute geht das in Syrien nicht mehr“, sagt der Schriftsteller mit Bedauern. Die Jahrhunderte der Unterdrückung durch die Osmanen, gefolgt vom europäischen Kolonialismus hätten viel zerstört, oft wurde die Tradition auf Folklore reduziert. Dann kam die Diktatur und es war vorbei mit jeder kleinen Andeutung von Satire, Kritik oder Erotik.


Seit seiner Ausreise war er nie wieder in seiner Heimat. „Der Einfluss der friedlichen aber kritischen Literatur auf Menschen ist gefährlich für die Diktatur, deshalb hassen mich alle Diktaturen, weil meine Geschichten ans Herz gehen“, sagt er. In Deutschland fühlt er sich frei. Um ein Gefühl für die Sprache zu bekommen, hat er die „Buddenbrooks“ von Hand abgeschrieben – komplett. Man stelle sich den umgekehrten Fall vor! Davon erzählt er in seinem Buch „Ich wollte nur Geschichten erzählen“, mit dem er nun auf Reisen geht und jetzt in Berlin auftritt.

Schami sieht keine Perspektive für Syrien

Was die aktuelle Lage in Syrien betrifft, ist Schami bestens informiert. Seinem jüngsten Roman „Sami und der Wunsch nach Freiheit“ merkt man nicht an, dass er Damaskus seit den Siebzigern nicht mehr gesehen hat. Er hält Kontakt zur Familie und zu Freunden, informiert sich über oppositionelle Websites wie über Pro-Regime-Seiten. „Ich war für die Würde und den zivilen Ungehorsam, aber das wurde von beiden Seiten erstickt, von den Dschihadisten und vom Regime, das keine Gnade kennt.“ Es schmerzt ihn sehr.

Eine Perspektive für Syrien sieht er nicht. „Das Land ist eine Kampfarena fremder Mächte geworden. Assad scheint der Sieger zu sein, aber in Wirklichkeit ist er ein gebrochener Mann. Er ist der Herrscher und gleichzeitig Gefangener der 15 Geheimdienste, die er vom Vater übernommen hat. Er kann sie nicht einfach auflösen, dann fällt er am nächsten Tag vom Balkon und ist tot.“ In seinen Augen ist Baschar al Assad der Unerfahrene, der sich selbst getäuscht hat. Nach dessen Machtantritt habe es zunächst offene Dialogzirkel mit der Opposition gegeben, doch die wurden bald geschlossen.

Rafik Schami erinnert an die mutigen Kinder von Deraa, die 2011 gegen ihren Bürgermeister demonstrierten und sich Hilfe vom Präsidenten versprachen. „Der Arabische Frühling wollte Reformen, keine Revolution. Aber die Waffen erstickten den Ungehorsam und es folgte eine Brutalisierung der Auseinandersetzung auf beiden Seiten.“ Rafik Schami möchte dagegen an die Kultur der Redlichkeit und der Gastfreundschaft der Syrer erinnern, sie bewahren, indem er davon erzählt.

Nächster Roman im Spätsommer

In „Ich wollte nur Geschichten erzählen“ berichtet Schami von seinen Reisen, von Kritikern und Syrien-Verstehern, vom Glück, in Freiheit schreiben zu können. In Deutschland kommen inzwischen auch Syrer zu seinen Lesungen, auch wenn sie nicht alles verstehen. Aber sie lassen sich ihre arabischen Übersetzungen von Schami signieren. Fünf seiner Romane werden immerhin auf Arabisch verlegt, in Beirut, sie finden ihren Weg in die arabische Welt. Das freut ihn sehr, denn langte traute sich kein Verlag.

Rafik Schamis nächster Roman erscheint im Spätsommer. Eigentlich redet er nicht gern über seine Bücher, bevor sie erschienen sind, nur so viel: „ ,Die geheime Mission des Kardinals beginnt damit, dass ein Kardinal ermordet wird, aber es ist kein Krimi“. Es gehe um den Aberglauben, der zur Epidemie geworden ist. „In einer unterdrückten Gesellschaft ist der Aberglaube wie ein Spinnenfaden, in dem man das Stahlseil sieht, das einen rettet. Man geht dann nicht mehr zum Arzt. In einer übersättigten Gesellschaft wiederum entsteht eine Leere, man sucht das Reizvolle – und daraus machen andere ein Geschäft.“ Ein syrischer und ein italienischer Kommissar führen die Ermittlungen und kommen ins Gespräch. Mehr soll nicht verraten sein.

Rafik Schami erzählt an diesem Dienstag um 20 Uhr im Centre Français, Wedding aus seinem Buch „Ich wollte nur Geschichten erzählen“ (Verlag Hans Schiller, 2017). Die Veranstaltung ist ausverkauft.



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