Rapperin Akua Naru im Porträt: Die schwarze Freude – Kultur



Es ist ein süßes Dilemma: Am bekanntesten ist die Sängerin und Komponistin Akua Naru bis heute für ein Lied, das für sie und ihre Musik wohl am untypischsten ist. Über fünf Millionen Mal haben sich Youtube-Nutzer angesehen, wie sie barfuß auf einem Teppich mit geschlossen Augen „How Does It Feel?“ rappt, eine Ode an einen Liebhaber. Ganz in sich versunken steht sie dort vor Händchen haltenden Pärchen im Publikum. Kein Zweifel, die US-Amerikanerin, die seit zehn Jahren in Köln lebt, hat eine starke Bühnenpräsenz. Eine Unterhalterin für kuschlige Abende zu zweit ist sie trotz der sanften Töne aber nicht.

Denn bei Naru spielen Politik, Gender und Hautfarbe eine entscheidende Rolle. „Politisch, progressiv und poetisch“ – so beschreibt sie selbst ihre Musik. Als Nasir Jones Fellow forscht sie an der Harvard University zu Rap und hält Vorträge. Über Rassismuserfahrungen in Deutschland will sie nicht reden. Lieber über Trump, dessen Wahl sie nicht überraschte.

„Seit zwei Jahren schaltet man den Fernseher an und hofft, dass es eine Reality-TV-Show ist und bald aufhört“, beschreibt sie beim Telefongespräch ihre Gefühle. Eigentlich müsste man sich mal zum Tee treffen, sie könnte sich stundenlang über das Thema aufregen, sagt sie mit ihrer sanften Stimme, die trotz des Reizthemas von tiefer Entspanntheit zeugt, wenn sie erklärt: „Ich kann es mir bis heute nicht erklären, aber es kommt ja irgendwoher. Die USA sind einfach ein fürchterlich rassistisches Land.“

Wut klang noch nie so mild wie bei Akua Naru. Im Abstand von zwei Zeilen trifft in ihren Songs die Ankunft ihrer Vorfahren als Sklaven in den USA auf Kindheitserinnerungen und Mutterliebe, lockere Reime werden von Streichern aufgefangen. Gebettet auf sanften Pianoakkorden erzählt Narus tiefe Stimme von afroamerikanischen Autoren wie James Baldwin, dem sie in „Baldwin’s Crown“ huldigt. Sie spricht von Serena und Venus Williams, von Bürgerrechtsbewegung und modernem Pop, webt Klangfäden zwischen verschiedensten Persönlichkeiten der schwarzen Geschichte, zwischen Vergangenheit und Gegenwart.


„The Blackest Joy“: Sprachschnipsel aus Lesotho, Togo und Uganda

Im Video zu „The Offering“ steht sie an einer Kreuzung: Man könnte darin auch all die Einflüsse sehen, die sich in ihrer Musik treffen, und doch klingt bei Akua Naru alles wie aus einem Guss. Innerhalb eines einzigen Songs gelangt man von einer Kohlenmine vor 300 Jahren geradewegs in einen Hinterhof-Hip-Hop-Jam. Dort liegen Narus Wurzeln: Sie sang in ihrem Geburtsort New Haven, Connecticut, im Gospelchor ihrer Pfingstlergemeinde, rappte aber auch auf der Straße. „Unsere Kultur ist sehr musikalisch, den Gottesdienst ohne Musik konnte man sich nicht vorstellen“, erinnert sich Naru, „und Hip Hop war einfach überall.“

Vor der Musik aber war sie Dichterin. Die Verse der afroamerikanischen Dichter Langston Hughes und Phillis Wheatley inspirierten sie ebenso wie die Bücher der Bürgerrechtlerin Maya Angelou. Schon als Kind begann sie, selbst Gedichte zu schreiben, nach eleganten Reimen zu suchen, die sie dann bei Festen in der Nachbarschaft vortrug. Gospel und Rap führte sie später mit Jazz und Soul zusammen, den sie in ihrer Zeit in Philadelphia kennenlernte. „Schwarze Musik“ nennt sie ihren Stil oder „Hip-Hop, der sich viel beim Jazz bedient“.

Damit ist es aber nicht vorbei mit den Einflüssen: Seit Jahren ist die Musik-Autodidaktin unterwegs in Asien, Afrika und Nord- und Südamerika. „Es ist alles eine einzige Reise“, sagt sie und erklärt damit die Wirkung ihrer Lieder. Akua Naru nimmt ihre Zuhörer auf einen Trip mit. Besonders beeindruckt hat sie Brasilien. Während ihr Heimatland versuche, die afrikanischen Wurzeln ihrer schwarzen Bevölkerung zu unterdrücken und die schwarze Community unsichtbar zu machen, sei die afrobrasilianische Kultur umso lebendiger.

Auf der Bühne wirkt Naru wie eine Hohepriesterin

Auch Reisen nach Afrika – für sie schlicht „der Kontinent“ – haben sie beeindruckt. Auf „The Blackest Joy“ hört man Sprachschnipsel aus Lesotho, Togo und Uganda. „Ich versuche, die Elemente herauszustellen, die uns verbinden, von New York über Bahia nach Kingston bis Lagos“.

Während sie schon immer mit panafrikanischen Elementen spielte, hat sich ihr Stil über die Zeit von verspielt über nachdenklich zu meditativ gewandelt. „Als ich ,The Miner’s Canary’ aufnahm, war meine Stimmung etwas dunkler, ich versuchte, mich zu orientieren, wo ich stehe“, sagt sie über ihr zweites Album, das 2015 erschien. „’The Blackest Joy’ dagegen versucht, meinen Standpunkt zu erfassen und in die Zukunft zu schauen.“

Narus Musik kann auch überwältigen, so ungefiltert sprudeln ihre Assoziationen aus ihr heraus, in solch einem Tempo reiht sie Wort an Wort. „Ich mache Musik, weil ich ein Ventil brauche“, sagt sie. Heilsam sei das, häufig verarbeitet sie Verletzungen und Traumata in ihren Liedern, kollektive wie individuelle. Sie selbst habe dunkle Zeiten durchgemacht, die Musik aber habe sie immer wieder gerettet und geheilt.

Auf der Bühne wirkt Naru manchmal wie eine Hohepriesterin, die ihre Worte wie einen heilenden Segen verteilt und das Publikum in Trance versetzt. Vielleicht ist es von daher doch nicht völlig unerklärlich, dass mit „How Does It Feel?“ ausgerechnet ein kitschiges Liebeslied ihr bekanntester Song wurde. „Wenn Liebe einen Klang hätte, dann wäre dies ihr Klang“, sagt sie ganz selbstbewusst am Ende. Damit könnte sie Recht haben.

Konzert: 17.12., 20 Uhr, SO36



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