Rekordabgang von Öhman und Waltz: Warum die Doppelspitze beim Staatsballett gescheitert ist

Johannes Öhman und Sasha Waltz schlug anfangs Ablehnung entgegen.FOTO: REINER ZENSEN/IMAGO IMAGES

[ad_1]Das Ende kam dann sehr schnell. Johannes Öhman und Sasha Waltz beenden ihre gemeinsame Intendanz des Staatsballetts Berlin zum Ende des Jahres 2020. Das teilte die Senatsverwaltung für Kultur und Europa am Mittwochmorgen mit. Die Doppelspitze hat damit noch nicht mal ein halbes Jahr durchgehalten – das ist schon rekordverdächtig.

Die Berliner Choreografin und der schwedische Tänzer und Kulturmanager waren erst zum 1. August 2019 als Co-Intendanten berufen worden. Weil der glücklose Vorgänger Nacho Duato das Staatsballett aber schon ein Jahr vor dem Vertragsende verlassen hatte, sprang Johannes Öhman ein und übernahm für die Spielzeit 2018/19 allein die Leitung der Compagnie. Sasha Waltz wollte sich noch ganz ihrem Ensemble Sasha Waltz & Guests widmen, das damals sein 25-jähriges Jubiläum feierte.

Hinter den Kulissen soll es in letzter Zeit gekracht haben

Überraschend kommt die Nachricht vom vorzeitigen Aus hingegen nicht. Hinter den Kulissen soll es in letzter Zeit gekracht haben, war aus informierten Kreisen zu hören. Für die Tänzer des Staatsballetts, der größten Ballettcompagnie Deutschlands, ist die Nachricht demotivierend. Aber zu dem Schock kommt auch Erleichterung. Die nicht wenigen Gegner der Berufung von Waltz und Öhman dürften sich nun bestätigt fühlen.

Der Protest kulminierte seinerzeit in der Online-Petition „Rettet das Staatsballett!“ mit fast 20.000 Unterschriften. Vor allem gegen Sasha Waltz richtete sich der wütende Protest. Als Choreografin mit einer dezidiert zeitgenössischen Bewegungssprache wurde ihr von den Tänzern die Fähigkeit abgesprochen, eine klassische Compagnie zu leiten. Aber natürlich waren die Staatsballett-Tänzer auch auf die Politik sauer: Es war der damalige Staatssekretär Tim Renner, der die Berufung durchgesetzt hat – gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller, damals zugleich Kultursenator.

Öhman folgt einem Ruf in seine Heimatstadt Stockholm

„Der Grund für den Leitungswechsel“, so heißt es in der Pressemitteilung des Staatsballetts, „ist die Entscheidung von Johannes Öhman, dem Ruf an seine Heimatstadt Stockholm zu folgen, um dort das Angebot der Position des Künstlerischen Leiters und Managing Directors am renommierten ,Dansenhus’ – dem Schwedischen Haus für Tanz – anzunehmen.“ Waltz habe sich daraufhin entschieden, die Intendanz ebenfalls zu beenden, weil sie das gemeinsame Projekt nicht allein fortsetzen möchte. Sie werde sich nach ihrer Tätigkeit als Intendantin und nach Jahren der konzeptionellen Arbeit für das Staatsballett ab 2021/22 wieder voll und ganz auf ihre künstlerische Arbeit als Choreografin konzentrieren.

Waltz‘ erste Staatsopern-Premiere wird stattfinden

Eine Pressekonferenz mit Sasha Waltz und Johannes Öhman wird es nicht geben. Dafür kündigte das Staatsballett an, im März über die Programmplanung für die kommende Spielzeit zu informieren. Die für April angesetzte Premiere von „Sym-phonie 2020“, Waltz’ erster Kreation für das Staatsballett Berlin zu einer Komposition von Georg Friedrich Haas, soll wie geplant stattfinden.

Die Doppelspitze war angetreten, das Staatsballett ästhetisch weiterzuentwickeln. Sie wollten eine Brücke schlagen zwischen dem klassischen Ballett und dem zeitgenössischen Tanz. Öhman und Waltz kündigten einen ausgewogenen Spielplan an, der zu fünfzig Prozent aus klassischen Produktionen und zur anderen Hälfte aus zeitgenössischen Werken bestehen sollte. So wie sie sich in der Öffentlichkeit präsentierten, ging es beiden nicht um einen Umsturz, um das Killen der Klassik, sondern um einen Ausgleich.

Der Start mit „Half Life“ war fulminant

Anfangs schien es, als seien die Tänzer auf ihrer Seite. Die Protestaktionen hörten auf. Und der Start war fulminant: „Half Life“ von Sharon Eyal und Gai Behar entwickelte sich zu einem Renner. Die Ballettpremieren in der ersten Spielzeit – „La Bayadère“ und „La Sylphide“ – waren Rekonstruktionen von historischen Choreografien. Solide zwar, aber auch etwas langweilig. „La Bayadère“ mit seiner opulenten Ausstattung hat zudem viel Geld verschlungen. Das war wohl der Grund, warum die einzige Ballett-Neuproduktion in dieser Spielzeit, Marcia Haydées „Dornröschen“, verschoben werden musste.

Johannes Öhman war immer ein glühender Verfechter des Doppelspitzen-Modells: „Alle künstlerischen Entscheidungen werden von uns beiden getroffen“, betonte er stets. Von dem fruchtbaren Dialog mit Waltz hat er immer wieder geschwärmt. Dass das Duo nicht so gut harmoniert, war allerdings schon bei der Premierenfeier von „Plateau Effect“ im September zu beobachten. Man spürte deutlich, dass Sasha Waltz, kaum war sie im Boot, den Hut aufhatte. Johannes Öhman wirkte wie ein blasser Sidekick. Womöglich kam es schnell zu einer Schieflage, zu einem Machtgefälle zwischen Waltz und Öhman.

Das Aus beschädigt vor allem Sasha Waltz

Dass das Staatsballett Berlin bei der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Tanz“ letzten Sommer zur „Kompanie des Jahres“ gekürt wurde, trägt nun einen fast ironischen Zug. Es zeigt aber auch, mit welchen Hoffnungen der Neustart verbunden war. Ist das Staatsballett Berlin noch zu retten?, fragen sich jetzt viele. Waltz und Öhman wollten es zu neuen Ufern führen. Werden sie nun zu Totengräbern der Compagnie? Ist es überhaupt eine Art, nach so kurzer Zeit das Handtuch zu schmeißen?

Das Aus beschädigt nicht nur die Compagnie. Es beschädigt vor allem Sasha Waltz. Sie wollte diese Leitungsposition unbedingt – und hatte Öhman selbst vorgeschlagen. Auf Kultursenator Klaus Lederer wartet nun eine schwere Aufgabe. Geeignete Kandidaten für diesen Chefposten gibt es nicht viele. Man kann nur hoffen, dass Lederer umsichtiger vorgeht als seine Vorgänger und eine Expertenkommission beruft. Und dass er auch die Wünsche der Tänzer und Tänzerinnen des Staatsballetts ernst nimmt.[ad_2]

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