Rennsport-CEO Alejandro Agag: „Es ist nicht bewiesen, dass Männer schneller fahren können“

In der innovativen neuen Rennserie Extreme E werden sich Männer und Frauen in Kopf an Kopf Rennen messen können  ©Extreme E

Auf die Frage, was er sich für die Zukunft seines Sportes wünschen würde, sagte Lewis Hamilton einst: „Es sind einfach zu viele Kerle im Fahrerlager“. Was der sechsfache Formel-1-Weltmeister jovial anführt, ist, wenn man sich die Statistik der letzten Jahrzehnte im Motorsport anschaut, ein erschreckender Trend. In der Geschichte der Formel 1 gibt es exakt fünf Frauen, die je ihr Können in einem Rennen zeigten. Nur eine von ihnen sammelte Punkte in der Meisterschaft – und das ist mehr als 40 Jahre her. Auch in anderen Rennserien herrscht in Auflistungen vergangener Fahrerinnen häufig gähnende Leere.

Doch das Blatt scheint sich langsam aber sicher zu wenden. Seit 2019 gibt es die W Series, die vom British Racing and Sports Car Club ausgetragen wird und sich ausschließlich an aufstrebende Fahrerinnen richtet. Und auch in den Formel-Serien, die entgegen weit verbreiteter Mythen prinzipiell gemischtgeschlechtliche Rennserien sind, mausern sich junge Talente wie Sophia Flörsch (Formel 3) so langsam zu Hoffnungsträgern der Zukunft.

Einer, der schon lange dafür kämpft, mehr Frauen in die Welt des Motorsports zu locken, ist Alejandro Agag. Gemeinsam mit FIA-Präsident Jean Todt stampfte er 2014 die vollelektrische Rennserie Formel E aus dem Boden und widmet sich nun seit einiger Zeit einem neuen Projekt: Extreme E. Hier fahren elektrische SUVs spektakuläre Rennen an den abgelegensten Orten unserer Erde, um dort die bereits heute ersichtlichen Folgen des Klimawandels zu veranschaulichen. Im Januar 2021 wollen sie mit der ersten Saison an den Start gehen. Am Donnerstag verkündeten die Verantwortlichen nun, dass man noch eine weitere bahnbrechende Komponente hinzufügen würde: Jedes Fahrerteam muss aus einem Mann und einer Frau bestehen, die sich während des Rennens am Steuer abwechseln werden.

Im stern-Interview erklärt Agag, was Martina Navratilova mit der Idee zu tun hatte und wieso es Zeit ist, Mädchen mehr Vorbilder im Rennsport zu bieten.

stern: Warum gibt es in der Geschichte des Motorsports so wenige Frauen? 

Alejandro Agag: Um ehrlich zu sein, weiß ich das auch nicht. Ich bin seit 17 oder 18 Jahren im Motorsport tätig. Und ich erinnere mich noch genau, dass ich vor etwa 15 Jahren ein Team in GP2 und GP3 und in der Formel 3 hatte – und dann ein Team nur für Frauen gegründet habe. Wir haben mit einer Menge Fahrerinnen getestet und die zwei schnellsten ausgewählt. Das waren damals Natascha Gachnang aus der Schweiz und Carmen Jordá aus Spanien. Ich habe gehofft, dass, wenn ich sie ein Jahr lang unterstützen würde, Sponsoren kommen und das weitertragen würden. Aber das passierte nicht. Ich glaube, dass Motorsport fälschlicherweise als Männersport wahrgenommen wird. Und das müssen wir ändern. Ich versuche das schon seit Jahren, aber ich glaube, dass wir es mit dieser neuen Idee endlich schaffen könnten.

Alejandro Agag
Alejandro Agag ist Chairman der von ihm begründeten Formel E und CEO der neuen Rennserie Extreme E ©Shivraj Gohil/Picture Alliance

Wäre so eine Frauenquote in allen Rennserien denkbar? Selbst in der Formel E, die ja an sich schon eine sehr innovative Serie ist, hat nur eine Frau je eine ganze Saison bestritten.

Ich glaube, dass es eine Frage des richtigen Rennformats ist und das leider nicht in jeder Rennserie umsetzbar ist. In Extreme E ist es machbar, weil wir entschieden haben, zwei Fahrer pro Auto zu haben. Ein Fahrer fährt die erste Runde und der zweite die zweite. Und dann haben wir uns gedacht: Moment, das ist doch perfekt für ein gemischtgeschlechtliches Konzept. Weil beide gleichermaßen entscheidend für den Sieg sein werden. Man muss ein Konzept finden, in dem der Wettstreit ebenbürtig ist. In dem Männer und Frauen unter den gleichen Voraussetzungen miteinander in den Wettstreit treten. Und jetzt, wo sie als Team agieren, ist es völlig egal, wer schneller und wer langsamer ist. Sie müssen sich an der Spitze ihrer Leistungsfähigkeit mit den anderen messen und ihre Talente miteinander kombinieren, um das Rennen zu gewinnen. Zusätzlich lassen wir die Teams entscheiden, wer zuerst fahren soll, was sehr interessant sein wird. Einige werden ihren Fahrer zuerst ans Steuer lassen, andere ihre Fahrerin. Das heißt, dass sich am Ende des Rennens Männer und Frauen ein Kopf an Kopf Rennen liefern werden. Und das ist neu im Motorsport. Wir brauchen mehr Vorbilder und dafür müssen wir sie auch gewinnen sehen. Eins der großen Probleme im Motorsport ist, dass Frauen bislang nicht gewonnen haben. Und dann ist es schwer, sich für sie zu begeistern. Aber das wird hier anders sein und ich glaube, dass das eine sehr interessante weitere Komponente hinzufügen wird.

Sie haben vermutlich recht, dass viele Leute nicht einmal wissen, dass Frauen schon sehr lange im Motorsport zugegen sind. Glauben Sie, dass wir heutzutage mehr Fahrerinnen an der Spitze sehen würden, wenn Sponsoren sie in der Vergangenheit mehr unterstützt hätten? 

Gute Frage. Ich weiß nicht einmal, was die Sponsoren jetzt machen werden. Wir machen das nicht für sie. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass sie sich eher weniger dafür interessieren. Als wir ein Team für Frauen hatten, dachten wir, dass vielleicht auch ein paar Kosmetik- oder Modemarken darauf anspringen würden, aber das passierte nicht. Wir machen das jetzt, weil wir es für eine gute Sache und einen wichtigen Schritt halten – und weil es großes Entertainment für die Zuschauer sein wird. Sie werden Männer und Frauen sehen, die gegeneinander kämpfen und gleichzeitig als Team arbeiten. Die Fahrerinnen bekommen die Möglichkeit, aktiv am Wettstreit teilzunehmen. Wenn sie einen Fehler machen, verliert das Team und wenn ihr Co-Fahrer einen Fehler macht, verliert das Team auch. Beide sind gleichermaßen entscheidend für das Ergebnis. Ich glaube, das wird eine gute Show. Und natürlich hoffe ich, dass es den Sponsoren gefallen wird. Aber, ganz ehrlich? Wir machen es nicht für die Sponsorenverträge, weil wir noch gar keine Daten haben, die bestätigen würden, dass das sinnvoll wäre. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Das ist eine gute Frage, die ich nicht beantworten kann. Es gibt einen Teil dieses Sports, der sehr körperlich ist. Wenn ich eines dieser Autos fahre, bin ich hinterher völlig fertig. Aber es gibt viele Frauen, die hart trainieren und die nötige Kraft haben. Also ja, vielleicht hätten wir bereits weibliche Weltmeisterinnen gehabt, wenn sie von Anfang an die Unterstützung bekommen hätten. Und vielleicht ist das hier jetzt der Anfang und in zehn Jahren sehen wir eine Weltmeisterin auf dem Podium.

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War diese Idee von Anfang an Teil des Plans?

Anfangs haben wir gedacht, dass die Aufstellung und ob Fahrerinnen teilnehmen würden, von den Teams abhängen würde. Aber jetzt müssen die Teams es so machen und darüber bin ich sehr froh. Und auch die Teams haben uns bestärkt. Weil es ja für alle gleich ist. Manchmal entscheiden sich Teams in der Formel E lieber nicht für eine Fahrerin, weil sie die Annahme vertreten, und die mag richtig oder falsch sein, dass sie mit einem Fahrer bessere Chancen auf den Sieg haben. Sie wollen das Risiko nicht eingehen. Aber das Risiko haben wir jetzt eliminiert. Die Idee kam uns beim Brainstormen. Wir haben uns Gedanken darüber gemacht, wie wir Extreme E noch … extremer machen können. Wie können wir die Rennserie noch bahnbrechender machen? Und eine Gleichberechtigung der Geschlechter ist mit das Progressivste, was man gerade machen kann – zusammen mit den Klima-Aspekten, auf die wir uns konzentrieren. All das sind positive Veränderungen, die vorangetrieben werden müssen. Als wir also auf die Idee mit den zwei Runden pro Rennen und dem Fahrertausch kamen, war es ein echter „BINGO!“-Moment.

Werden Sie mit der W Series arbeiten, um Fahrerinnen zu rekrutieren?

Gut möglich! Wir haben unsere Pläne gerade erst öffentlich gemacht, also sind wir noch nicht wirklich mit irgendjemandem in den Dialog getreten. Aber die W Series wäre die offensichtliche Quelle, um Fahrerinnen zu rekrutieren. Ich bin schon immer ein großer Fan der W Series gewesen, denn was man im Motorsport braucht, ist die Möglichkeit, Kilometer zu sammeln. Jede Möglichkeit, zu fahren, ist eine Chance, um im Motorsport voranzukommen. Die W Series gibt Fahrerinnen diese Möglichkeit. Und mit Extreme E haben wir nun noch eine weitere, also ziehen wir eigentlich am gleichen Strang.

Stellen Sie sich eine Zukunft vor, in der eine gemischtgeschlechtliche Aufstellung die Norm ist?

Das kann ich so leicht nicht beantworten. Die Idee habe ich aus dem Tennis, weil ich gemischte Doppels schon immer faszinierend fand. Als Martina Navratilova ihre Karriere beendete, machte sie in gemischten Doppels weiter, was ich mit großem Interesse verfolgt habe. Es ist so spannend, weil es im Tennis gemischte Doppels gibt und Männer und Frauen – aber sie spielen nie so gegeneinander. Natürlich spielt da ein körperliches Element eine große Rolle. Im Motorsport ist das allerdings eine offene Frage. Es hat noch niemand bewiesen, dass Frauen nicht genau so schnell wie Männer fahren können. Und so lange wir keine endgültige Antwort haben, können wir uns weder in die eine, noch in die andere Richtung bewegen. Was wir tun können, ist genau das, was wir jetzt tun: Gemischte Doppels.

In der Formel 1 und der Formel E gibt es insgesamt eineinhalb weibliche Teamchefs. Susie Wolff in der Formel E und Claire Williams als Vize-Chefin in der Formel 1. Wird diese Frauenquote auch für Ingenieurinnen, Mechanikerinnen und Teamchefinnen gelten?

Für den Moment konzentrieren wir uns auf die Fahrerinnen. Natürlich würden wir gern mehr Diversität auf allen Ebenen des Motorsports sehen, aber ich glaube nicht, dass das etwas ist, was wir vorschreiben können. Es gibt schlicht und ergreifend weniger Mechanikerinnen. Aber ich glaube, wenn wir damit anfangen, Mädchen Vorbilder im Motorsport zu geben, wird das Stück für Stück durchsickern. Wenn sie sehen, dass Frauen entscheidende und starke Rollen im Wettstreit haben können, kann sie das inspirieren, selbst auch als Mechanikerinnen, Ingenieurinnen und so weiter daran teilzuhaben. Und darauf freue ich mich jetzt schon.

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