Revolution in München: Ein merkwürdiger Erdteil (neues-deutschland.de)


»Mach’ ma hoalt a Revolution.« – Massendemonstration in München 1918

»Mach’ ma hoalt a Revolution.« – Massendemonstration in München 1918

Foto: akg-images/picture-alliance

Du hast keine Chance, aber nutze sie«, sagt Herbert Achternbusch in seinem Film »Die Atlantikschwimmer« (1976). Genau das hatten sich offenbar auch Linkssozialisten und Anarchisten rund um Kurt Eisner, Erich Mühsam, Gustav Landauer, Ernst Toller und andere gesagt, am 7. November 1918, als in Bayern etwas zumindest in der Geschichte Europas Einzigartiges geschah. Nach einer gewaltigen Friedensdemonstration auf der Theresienwiese setzten die Massen kurzerhand den König ab und brachten die Kasernen mit leichter Hand, weil die Soldaten überliefen, unter ihre Kontrolle. Im Nu war sie gemacht, die Revolution, und es war nicht ein Tropfen Blut vergossen worden.

Hans Well, bis 2012 fünfunddreißig Jahre lang Texter des solitärartigen Volksmusiktrios Biermösl Blosn, hat zusammen mit seiner Frau Sabeeka Gangjee-Well ein großartiges, »wundergerne« (Karl Valentin) zu empfehlendes Hörspiel über die Münchner Revolution und die Räterepubliken 1919 geschrieben: »Rotes Bayern – Es lebe der Freistaat!« Auf zwei CDs führt Gisela Schneeberger, kongeniale künstlerische Partnerin von Gerhard Polt, in ihrem unverwechselbaren stolz-aufmüpfigen, resoluten Ton durch eine imaginäre Ausstellung in einer Abstellkammer im Keller des noch gar nicht eröffneten Museums der Bayerischen Geschichte in Regensburg. Innerhalb dieser bewusst didaktisch orientierenden Rahmenhandlung entfaltet sich eine gestalt-, stimmenreiche und szenisch plastische chronologische Collage, getragen von fabelhaften Rezitatoren wie Gert Heidenreich, Johanna Bittenbinder und Bernhard Butz. Sie setzt sich zusammen aus Dokumenten, Bildbeschreibungen, sozialgeschichtlichen Überblickserzählungen, Zeitzeugenberichten und ein- und ausleitenden und kommentierenden Musiken – Gstanzln, Moritaten und A-capella-Arrangements der Wellbappn, der seit fünf Jahren das politische Bayern aufmischenden Neopostpunk-Anarcho-Volksband von Hans Well und seinen Kindern Sarah, Tabea und Jonas. Sie besingen etwa, zu Herzen gehend, den Lampenputzer aus Erich Mühsams Chanson »Der Revoluzzer« und intonieren oder kreieren räterepublikanische Weisen: »I bin bei die Revoluzzer, / Bin nimmer a Stiefelputzer.«

Von der Revolution rund um die Isar, erzählt Hans Well im Booklet, »erfuhr man in bayerischen Schulen früher rein gar nichts. Für die Bayerische Staatsregierung passte der sozialistische Gründer (des Freistaats) offenkundig nicht ins rechte Weltbild.« Noch kürzlich hat der Herr Ministerpräsident Söder bei einem Staatsakt in der Münchner Oper den Namen Kurt Eisners nicht ein einziges Mal in den Mund genommen und, Eisner durch die Nichterwähnung gewissermaßen noch einmal umbringend, statt dessen gleich dreimal einen anwesenden Deszendenten der Wittelsbacher begrüßt. »Noch heute«, schreibt Well angesichts der arroganten, geschichtsverfälschenden »Kleingeistigkeit« der regierenden Klasse, »gilt vielen Konservativen die Sichtweise der damaligen Gegner, es hätte sich dabei um einen Revolutionsfasching weltfremder Spinner und Träumer gehandelt, der den Bayern von landfremden Agitatoren aufgezwungen worden sei.«

Jedem gelingenden Umsturz eignet ein voluntaristisches Moment, das von der Unwahrscheinlichkeit lebt, den Kairos beim Schopfe packen zu können. Selbst die durch und durch korrumpierte Mehrheits-SPD, die den Krieg billigte und unverdrossen von »Evolution statt Revolution« psalmodierte (ebenjenes Mantra wiederholte Willy Brandt Jahrzehnte später zumal in der »Frontstadt« Berlin bei jeder Gelegenheit), hatte das am 7. November widerwillig hingenommen. Oskar Maria Graf zitierte einen ihrer Sprecher: »Mach’ ma hoalt a Revolution, daß a Ruah’ is’!«

»Siebenhundertfünfzig Jahre Wittelsbach erledigt! Ruckzuck aus, Äpfel, amen!« kommentiert Gisela Schneeberger die Abschaffung der mit den Imperialisten und den Militaristen paktierenden Monarchie. Das Ganze ereignete sich natürlich vor dem Hintergrund des Grauens an der Front und der entsetzlichen Hungersnöte im letzten Kriegsjahr. »Es wühlte sich etwas Drohendes aus der Tiefe herauf, das nach Empörung roch«, heißt es, und die Wellbappn dichten Ludwig Uhlands von den Völkischen – und bis heute von der Bundeswehr – gern bemühtes Lied »Der gute Kamerad« um: »Ich hatt’ einen Schweinebraten, / Einen besseren find’st du nit. / Ich wollt’ ihn grad verdauen, / Da fing er an zu miauen. / So reden Schweine nit.«

»Rotes Bayern« ist eine Liebeserklärung an das »demokratische und soziale Bayern«, an die »unterschlagene Wirklichkeit« (Oskar Negt) der grundfreundlichen, »leichten und raschen« Revolution in Bayern, die nicht nur von entschlossenen Arbeitern, sondern auch von radikalen Bauern rund um Ludwig Gandorfer getragen wurde, die auf dem Land unzählige Räte bildeten. Dieser quasi aus dem Stand verwirklichte volksverhaftete und wirtshausgestützte Sozialismus, in dem in kürzester Zeit der Acht-Stunden-Tag galt, Frauen das Wahlrecht erhielten, die Pressefreiheit eingeführt und der Klerus aus den Schulen geschmissen wurde, hatte seinen Ursprung in einem beseelten Aufstand, der in einer konfusen historischen Konstellation aus der furchtbaren Pein wie aus einer spezifischen Freude am Aufbegehren entsprang. »Eine Woge der Begeisterung und Entschlossenheit trug Eisner in dieser Nacht an die Macht«, schreibt Götz Eisenberg in seinem kürzlich erschienenen Buch »Zwischen Anarchismus und Populismus« (Gießen 2018). »Die Stadt vibrierte vor Spannung und revolutionärer Euphorie, Straßen, Plätze, Kneipen und Bierkeller waren voller diskutierender und jubelnder Menschen, rote Fahnen wurden geschwungen, niemand wollte nach Hause gehen.« – »Etz gibt’s kaan Ober und kaan Unter mehr«, wird auf der CD ein Rotarmist zitiert.

»Jedes Menschenleben soll heilig sein«, erklärte der erste Ministerpräsident Bayerns, Kurt Eisner, am 8. November nach seiner Ernennung durch den Arbeiter- und Soldatenrat im Mathäserbräu (an dessen Stelle heute, nebenbei, ein widerliches Protzkino steht). Eisner war ein hochangesehener, großherziger Mann, ein unbeugsamer Pazifist, ein Bonhomme, der den Ausgleich zwischen dem Landtag und den Räten suchte. »Ein zartes, winziges, gebeugtes Männchen«, beschrieb ihn Victor Klemperer: »Der Witz ersetzt ihm fast immer das Pathos und wird ihm immer mit dankbarem Jubel quittiert.«

Anders als in Berlin sei die Revolution in München »nicht von Anfang an in die Hände ihrer Feinde« gefallen, blickte Sebastian Haffner zurück. Am 21. Februar 1919, einen guten Monat nach der für die USPD desaströs ausgegangenen, von der MSPD erzwungenen Landtagswahl, wird Kurt Eisner von dem von der MSPD umgarnten Rechtsradikalen Graf von Arco, einem Mitglied der Thule-Gesellschaft, in der sich die Proto-Nazis versammeln, erschossen. Heinrich Mann hält die Gedächtnisrede: »Die hundert Tage der Regierung Eisner haben mehr Ideen, mehr Freuden der Vernunft, mehr Belebung der Geister gebracht als die fünfzig Jahre vorher. Sein Glaube an die Kraft des Gedankens, sich in Wirklichkeit zu verwandeln, ergriff selbst Ungläubige.«

Es folgen erbitterte Auseinandersetzungen zwischen Verfechtern des Parlamentarismus und der Räterepublik einerseits, zwischen Anarchisten und Kommunisten andererseits. Schon vor der Abdankung des Kaisers hatte der MSPD-Vorsitzende Friedrich Ebert kundgetan: »Ich will die Revolution nicht. Ich hasse sie wie die Sünde.« Nun lässt er seinen Reichswehrminister Gustav Noske die Konterrevolution organisieren, unter kräftigster Mithilfe der reaktionären Kirchenkreise, der völkischen Antisemiten, der Deutschnationalen, der Freikorps und des »widerwärtigen« (Klemperer) Bürgertums, begleitet von ekelerregenden Denunziationen und Greuelmärchen und unter dem Motto: »Aufräumen! Erschießen!« (Noske)

Regelrechter »Berserkerhaß« (Hans Well) bricht aus, und vorneweg schreitet die MSPD, die den Bürgerkrieg nutzt, um Gustav Landauer und andere aus den Reihen der »roten Brut« und des »jüdischen Gesindels« verschleppen und ermorden zu lassen. Wie sind der Exzess von Bestialität, auch in Teilen der Bevölkerung, die Massaker, die standrechtlichen Exekutionen, der »Weiße Terror« zu erklären? »Als die Weißen in München einzogen«, legt Götz Eisenberg dar, »wurden sie von den Kleinbürgern und braven Staatswichteln von den Fenstern ihrer Wohnungen aus freudig begrüßt und mit Zigarren und Bier versorgt.« Aus Bayern wurde dann die »Ordnungszelle des Reiches« und aus München die »Hauptstadt der Bewegung«.

Bayern ist ein merkwürdiger Erdteil. Vielleicht nirgendwo anders liegen das Verlangen nach Zwang und der Freiheitssinn, die obrigkeitsfixierte Blödheit und die Radaufreude, das Spießertum und die Subversion, Bigotterie und Humanität, das Grauen und die gute Gemütlichkeit enger beieinander. »Wo gibt’s ein Land, wo sechzig Prozent der Bevölkerung Anarchisten sind, und die sechzig Prozent, die wählen CSU?« fragte Herbert Achternbusch einmal.

Hans Well und Sabeeka Gangjee-Well: »Rotes Bayern – Es lebe der Freistaat: Die Münchner Revolution 1918 und die Räterepubliken 1919« (Hörverlag). Am 7. Februar 2019 findet in Gedenken an die Ermordung Kurt Eisners im Residenztheater München eine szenische Lesung von »Rotes Bayern« statt.



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