Rimac Concept One – Testfahrt mit Crash – Auto & Mobil


Unterwegs mit dem Rimac Concept One – das ist einer jener Millionen Euro teuren Supersportwagen, die die Menschheit mit Sicherheit nicht braucht.

Krešimir stellt sich gleich mit seinem Spitznamen vor. „Crash“. Wie bitte? Doch, doch, richtig gehört. Crash. Das habe aber nur was mit seinem Vornamen zu tun, sagt Krešimir. Und rein gar nichts mit seinem Fahrstil, beteuert er und lächelt listig. Das kann ja lustig werden: Eine Testfahrt mit dem elektrischen Supersportwagen Rimac Concept One – Höchstgeschwindigkeit 355, von 0 auf 100 km/h in 2,5 Sekunden – und der Chauffeur heißt „Crash“.

Soll man da jetzt wirklich einstiegen? Immerhin: Es ist nicht Krešimirs erste Ausfahrt mit der batteriebetriebenen Straßenrakete. Regelmäßig pilotiert er potenzielle Käufer oder Journalisten durch das Hinterland von Zagreb. Eine eigenhändige Probefahrt am Steuer des Ein-Millionen-Euro-Flitzers? Die gibt es nur für Kunden, die eine Zehn-Prozent-Anzahlung leisten. Also 100 000 Euro auf den Tisch legen. Und selbst diese privilegierten Leute dürfen nur auf einer abgesperrten Strecke ans Steuer. Denn mit dem Teufelszeug muss man echt umgehen können.

Automobilindustrie Superflitzer aus Kroatien

Superflitzer aus Kroatien

Der junge Tüftler Mate Rimac zeigt in Zagreb, wie man schnell und günstig elektrische Sportwagen baut. Porsche hat die Lektion verstanden – und plant eine enge Zusammenarbeit.


Von Stefan Mayr


Der Zweisitzer hat 1224 PS, bei Tempo 355 wird die Höchstgeschwindigkeit abgeregelt. Wegen der Reichweite und der Sicherheit. Eines von insgesamt nur acht Exemplaren ging bereits in Flammen auf: Der TV-Testpilot Richard Hammond raste bei einem Bergrennen über eine Böschung. Bilanz nach dem Abflug und mehreren Überschlägen: ein gebrochenes Knie und Totalschaden.

Also einsteigen. Aber wo ist der Türgriff? Man sucht vergeblich. Freundlich lächelnd zeigt Krešimir den Knopf, der richtig gut versteckt ist. An der Unterseite des Außenspiegels. Einmal drücken, dann springt die Tür auf. „Einsteigen“ ist definitiv das falsche Wort. Es ist eine Mischung aus Reinklettern und Reinquetschen. Einmal drin, sitzt es sich in den Rennsitzen einigermaßen komfortabel. Aber nur, wenn man nicht größer als 1,90 Meter ist, kein Übergewicht hat und nicht zur Platzangst neigt. Im Innern des Zweisitzers fällt auf: Einen Innenrückspiegel hat er nicht. Und auch keine Fondscheibe. „Dieses Auto ist nicht zum Rückwärtsfahren gemacht“, sagt Krešimir. Rückwärts Einparken ist wahrlich ein Kunststück, denn die windschnittig-tropfenförmigen Außenspiegel sind winzig, und piepsende Einparkassistenten gibt es nicht.

„Crash“ schafft es, den Flitzer unfallfrei aus der engen Werkstatt zu rangieren. Die Autobahn ist nicht weit von Sveta Nedelja, dem Vorort von Zagreb, in dem die acht Jahre junge Manufaktur sitzt, entfernt. Auf dem Weg aus dem Gewerbegebiet zeigt der Wagen gleich: Die Federung hat bei Rimac nicht die oberste Priorität. Das würde nur Gewicht bringen – und die Beschleunigung hemmen. Diese Beschleunigung ist so extrem, dass schon zwischen Werksgelände und dem ersten Kreisverkehr klar ist: Wer eine Fahrt in diesem Teil genießen will, dessen Kopf und Bauch müssen auch Achterbahnfahrten mögen. Auf dem Beschleunigungsstreifen zur Autobahn schnurrt das Ein-Gang-Getriebe schnörkellos auf 130 hoch. Jetzt klingt das Auto wie ein aufgemotzter, aber auch schallgedämpfter Staubsauger.

Wenn „Crash“ gerade nicht am Steuer sitzt, arbeitet er bei Rimac als Vertriebsleiter. Deshalb kann er nicht nur Gas geben, sondern auch Geschichten erzählen. Die digitale Tacho-Anzeige zeigt 130, da spricht Krešimir davon, dass die Beschleunigung bei Elektroautos ohne Verzögerung kommt und auch beim Hochfahren ohne irgendwelche Umschaltpausen weitersteigt. Zack, da steigt er mit einem Rumms aufs Gas. Der Hals knackst, der Rimac hüpft von 130 auf 230. Dass das Tempolimit auf Kroatiens Autobahnen bei 130 km/h liegt, kümmert „Crash“ im Moment weniger.

Rimac Elektro-Sportwagen

Höchstgeschwindigkeit 355 Kilometer pro Stunde, von Null auf 100 km/h in 2,5 Sekunden – braucht es das wirklich?

(Foto: Rimac)

Der Beifahrer reibt sich noch das Genick, da betont Krešimir, heute fahre er wirklich „like a gentleman“. Schließlich sei das ein Kundenauto, das könne man nicht bis zum Anschlag treiben. Sein Chef, Firmengründer Mate Rimac, sei da „viel gnadenloser“.

Das gilt auch für das nächste Modell aus dem Hause Rimac. Der Concept Two hat 1900 PS und 412 km/h Topspeed. Von 0 auf 100 beschleunigt er in 1,97 Sekunden und von 0 auf 300 in 11,8 Sekunden. Damit gilt der Concept Two als das am schnellsten beschleunigende Auto der Welt. Es lässt also auch Turboteile wie Ferraris und Bugattis hinter sich. Dieser Wahnwitz hat seinen Preis: Wer eines der 150 Exemplare haben will, muss 1,79 Millionen Euro übrig haben. 2020 sollen die Stromschleudern mit Flügeltüren auf die Straße rollen. Derzeit laufen die Crashtests, die für die Zulassung nötig sind.

Der vergleichsweise lahme Concept One surrt nun runter von der Autobahn. Rauf auf eine kurvige Landstraße. Nicht existente Federung hin oder her, die Straßenlage lässt keine Wünsche übrig. Das hofft der Beifahrer jedenfalls angesichts des Tempos, mit dem „Crash“ sich in die engen Kurven stürzt. Wenn jetzt ein dicker Lkw ums Eck käme, überlegt der Beifahrer. Und schon kommt ein dicker Lkw ums Eck. Der rechte Fuß stemmt sich reflexartig nach unten, obwohl da auf der Beifahrerseite weit und breit kein Bremspedal ist. Jetzt scheppert’s. Scheppert’s jetzt? Nein, der Rimac hat eben nicht nur eine Monster-Wahnsinnsbeschleunigung, sondern auch eine ebensolche Bremse mit Scheiben aus Carbon-Keramik. Dass man dabei auch noch Energie zurückgewinnt, das kümmert den Beifahrer jetzt gerade überhaupt gar nicht.

Angetrieben werden die vier Räder des Concept Two von jeweils einem flüssigkeitsgekühlten Elektromotor. Der Fahrer kann auf einem iPad-großen Touchscreen auf der Mittelkonsole einstellen, welchen Modus er gerne hätte: Sport, Race, Custom oder Range. Custom steht für zwei individuell einstellbare Modi. Range steht für Reichweite, laut Hersteller fährt der Concept One „bis zu 350 Kilometer“ weit. Der Concept Two soll sogar 550 Kilometer Reichweite schaffen. Für beide Angaben gilt: Dazu muss der Fahrstil noch viel mehr gentleman-like sein als bei „Crash“. Am Ende der Testfahrt parkt Krešimir den Wagen neben einem älteren, langweiligen Renault. Bei genauem Hinsehen sind die nachträglich montierten Kameras und Radar- und Lidar-Sensoren erkennbar. Bei Rimac basteln sie auch am Autopiloten, verrät Krešimir, der Concept Two werde bereits für (vollautomatisiertes) Level-4-Fahren vorbereitet. Die ersten ausgelieferten Modelle werden das noch nicht können, aber später soll der Autopilot dann aufgespielt werden. Egal, ob mit oder ohne Autopilot: Der Concept One und der Concept Two von Rimac sind unter jenen Autos, die die Menschheit nur dazu braucht, um bewundernde Blicke von Passanten einzuheimsen, etwas Besonderes eben. Weil sie allen davon fahren und dies auch noch rein elektrisch, strahlen sie zusätzlich den Reiz des Neuen, Avantgardistischen aus. Doch eines müssen die nach Aufmerksamkeit lechzenden Käufer wissen: Der Rimac fällt – im Gegensatz zu Ferraris und Bugattis – nur auf, wenn er auch gesehen wird. Aufgrund des Motorengeräusches dreht sich in den Dörfern rund um Sveta Nedelja keiner um. Dazu ist er schlicht zu leise.

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