Rote Fahne in Dubai (Tageszeitung junge Welt)


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»Nur Fußball gucken«: Übertragung des Achtelfinals Katar – Irak in Bagdad

Foto: Ziad Hammad/AP Photo(dpa

Beim Asien-Cup in den Vereinigten Arabischen Emiraten laufen die Viertelfinals, das erste gewann Japan gestern mit 1:0 gegen Vietnam.

Auf der Suche nach einer Live-Übertragung des letzten Vorrundenspiels Katar – Saudi-Arabien fuhr ich am Donnerstag voriger Woche nach Bad Godesberg. Der Ort im Bonner Süden gilt als »Salafisten-Hochburg«. Bekannt wurde die König-Fahd-Akademie, 1995 in Anwesenheit des damaligen Außenministers Klaus Kinkel eröffnet. Bis 2017 wurden dort Diplomatenkinder nach saudischem Lehrplan unterrichtet, nebenan einschlägige Predigten gehalten. Den Laden dichtzumachen, war lange keine Option: Nur keine diplomatische Krise mit dem »Stabilitätsanker« der Region.

Beim Spiel gegen Katar ging es um den Gruppensieg. Wegen der politischen Brisanz schaffte es die Partie mit Schlagzeilen wie »Kalter Krieg am Golf« in die ansonsten spärliche Berichterstattung über den Cup.

Mehrere Orte scheinen auf den ersten Blick geeignet für eine Spielübertragung, aber selbst in der »Dubai Lounge« flackert nichts. Schließlich gelange ich zum »Al Safa«, einem gehobenen Restaurant. Durchs Fenster verfolge ich auf einem großen Bildschirm, wie Katar in der 42. Minute einen Elfer vergibt. Ich trete ein, kann dem Personal aber keinen Kommentar entlocken, denn nach einem Patzer der saudischen Abwehr reagiert Almoez Abdulla blitzschnell, in Minute 45+1 heißt es 1:0, die Herrschaften winken ab.

Ich verlasse den Ort und steure eine Shisha-Bar an. Es qualmt gut, 40 Leute, 30 Wasserpfeifen. »Ich will nur Fußball gucken«, man weist auf einen Sessel. Bei einer Granatapfellimo sehe ich die grünen Falken planlos gegen gutorganisierte Katarer anrennen. Der Kommentator überschlägt sich, im ZDF wäre mutmaßlich von »schnellem Umschaltspiel«, »Gegenpressing« und der »Handschrift von Félix Sánchez« die Rede. Der frühere Jugendcoach von Barça wurde 2013 Trainer der U19 Katars, stieg dann über U20 und U23 zum Nationaltrainer auf. Der Schlussmann der Saudis, Mohammed Al-Owais, hält sein Team im Spiel, hat die »Oliver Kahn Torwart Academy« daran einen Anteil? Den Auftrag, in der Golfmonarchie Torhüter auszubilden, sah der »Titan« im Sommer als »ein Mosaiksteinchen« zur »Modernisierung des Landes«. In der 80. schlägt Almoez Abdulla noch einmal zu: 2:0. Die letzten Minuten spielt Katar im Stil von Juve oder Real runter.

Sonntag mittag. Erstes Achtelfinale, Jordanien – Vietnam. Ich schlage in Halbzeit zwo im »Asia My-Na« auf. Das Handy ist zwischen Blumenkübeln aufgebaut, die Übertragung gut. Vietnam kann zum 1:1 ausgleichen, bei einer Wantan-Suppe geht’s in die Verlängerung. Jordanien drückt, einen Freistoß von halblinks in der 101. Minute kann Van Lam Dang parieren. Mit einem 4-4-2-Doppelriegel stellen sich die Vietnamesen leidenschaftlich hinten rein. Das Stadion kocht, im »My-Na« wird nach 120 Minuten die Faust geballt: Elferschießen. Vietnam versenkt viermal links unten. Jordanien nagelt den zweiten Schuss an die Latte, der dritte ist unplaziert. Die Jubelschreie meines Tischnachbarn münden in ein kleines Tänzchen. Derweil weht im Al-Maktoum-Stadion von Dubai eine riesige rote Fahne mit gelbem Stern.

Es geht auf 15 Uhr zu, Anstoßzeit Thailand – China. Unweit vom Vietnamesen hätte ich mich einer Thai-Massage unterziehen können, doch für Entspannung ist keine Zeit. Ich klappre die China-Gastro ab – ohne Erfolg. Nicht schlimm, eine Suppe reicht. Später protokolliere ich ein 2:1 für China, fürs Viertelfinale steht die Außenstelle der chinesischen Botschaft in Bad Godesberg auf dem Zettel. Für das Abendspiel Iran – Oman hatte ich Lokalitäten mit »Persischer Küche« abgeklopft. Man freute sich sehr über das Interesse, bot aber nur Handyübertragung. Iran gewann 2:0.

Den Montag wollte ich mir freischaufeln. Neulich hatte Sturmkollege Cumhur in der dritten Halbzeit die Fußballförderung in Usbekistan gerühmt und gemeint, ich solle mich an die deutsch-usbekische Gesellschaft wenden. Niederkassel wäre selbst im Winter eine Radtour wert, doch beim Telefonat mit Frau Ten erfahre ich: Sie gucken die Spiele nicht gemeinsam. Gegen Australien war dann auch nach 2:4 i. E. Endstation.

Wegen des Achtelfinals Katar – Irak frage ich am Dienstag bei einem Schneider nach, den ich von früher kenne. Mahdi verweist mich auf das Bonner Gewerbegebiet: »Grillhaus – Pizza, Döner, Falafel«. Dort steht ein Fernseher auf dem Getränkekühler. Die Übertragung stockt häufig. »Katar ist stark«, so mein Tischnachbar. Ich gebe ihm recht: reife Spielanlage, läuferische und technische Qualitäten. »Die haben halt Geld«, fügt er noch hinzu. Das 1:0 für das Emirat besorgt Bassam Hisham in der 62. Minute, präziser Freistoß über die Mauer links unten ins Eck. In der Schlussphase sehen wir taktische Fouls auf beiden Seiten, pfeilschnelle katarische Gegenstöße und nach der 94. Minute eine Traube mit den Männern vom Golf.

Einschließlich der Viertelfinals bleiben noch sieben Partien. Einiges spricht für Godesberg.



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