Satellitenbilder: Kursierte das Coronavirus bereits im Herbst 2019 in Wuhan?

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Das Coronavirus hat die Welt verändert – und das auf vielfältige Art und Weise. Die Folgen des Lockdowns und der Kontaktbeschränkungen betreffen nicht nur sämtliche wirtschaftliche Bereiche, sondern auch die Gesellschaft als solche. In den zurückliegenden Wochen kam das öffentliche Leben weitgehend zum Stillstand: Bars und Restaurants schlossen, Innenstädte und ansonsten stark frequentierte Pendlerstrecken wirkten plötzlich menschenleer. All das ließ sich kleinteilig in der eigenen Nachbarschaft beobachten, besonders gut aber vor allem von oben: aus dem All.

Satellitenbilder erlauben eine Draufsicht auf die Welt, sie sind plakativ und eignen sich, um komplexe Sachverhalte mit einfachen Aufnahmen zu veranschaulichen. Besonders deutlich zeigt sich das etwa anhand von Satellitenbildern des Krankenhauses „Huoshenshan“ im chinesischen Wuhan – der Stadt, in der die Pandemie nach bisherigen Erkenntnissen ihren Ursprung nahm. Um Kapazitäten für die hohe Anzahl an Erkrankten zu schaffen, wurde die Klinik binnen weniger Tage massiv vergrößert. Bilder von dutzenden Baggern, die Erdreich umschichteten und so den Boden begradigten, gingen um die Welt. Neuere Satellitenbilder zeigen die erstaunliche Verwandlung der Klinik.

Das „Wuhan Huoshenshan Hospital“ aufgenommen aus dem All: Die obere Aufnahme stammt aus dem April 2017, die untere ist auf den 22. Februar 2020 datiert. Das aktuelle Bild zeigt eine deutlich vergrößerte Klinik – Bäume mussten neuen Gebäuden weichen.

Längst interessiert sich auch die Wissenschaft für die Bilder aus dem All. Für Aufsehen sorgt aktuell eine Untersuchung US-amerikanischer Forscher, die auf dem Server der Harvard-University publiziert wurde. Das fünfköpfige Forscherteam, darunter drei Harvard-Wissenschaftler, hat mehr als 100 Satellitenbilder aus Wuhan ausgewertet – und kommt zu einem spektakulär klingenden Ergebnis: Offenbar, so vermuten die Forscher, könnte das neuartige Coronavirus bereits viel früher als bislang angenommen, nämlich im Herbst 2019, in Wuhan kursiert haben. Wie kommen die Forscher zu dieser These?

Die Forscher hatten für die Untersuchung Aufnahmen von sechs Krankenhäusern in der chinesischen Metropole ausgewertet. Die Bilder entstanden im Zeitraum vom 9. Januar 2018 bis 30. April 2020. Wie die Forscher berichten, nahm die Anzahl der parkenden Autos in diesem Zeitraum allmählich zu. Ab August 2019 sei die Anzahl der Autos deutlich angestiegen; der Höhepunkt sei schließlich im Dezember 2019 erreicht worden. In etwa demselben Zeitraum habe es vermehrt Suchanfragen nach den Schlagwörtern „Durchfall“ und „Husten“ bei der chinesischen Suchmaschine Baidu gegeben. Zwar räumen die Forscher ein, dass der Begriff „Husten“ jahreszeitlichen Schwankungen unterliegt – beispielsweise häufen sich in der jährlichen Grippesaison die Suchanfragen. Das Interesse an dem Suchbegriff „Durchfall“ sei jedoch nur gegen Ende des Jahres 2019 erhöht gewesen. Der Erreger Sars-CoV-2 kann beide Symptome auslösen.

Die Untersuchung nährt den bereits bestehenden Verdacht, die chinesische Regierung habe womöglich zu spät über die Ausbreitung des Coronavirus informiert. Handfeste Beweise für diese Theorie gibt es bislang nicht. Am 31. Dezember 2019 hatte die Gesundheitsbehörde in Wuhan zum ersten Mal über die Häufung von Lungenentzündungen mit unbekannter Ursache berichtet. Die Fälle wurden zunächst mit einem Fischmarkt in Verbindung gebracht. Dieser wurde am 1. Januar 2020 geschlossen und desinfiziert. Am 5. Januar lag die Zahl der offiziell bekannten Fälle bei 59 – kurz darauf folgten weitere Einzelfälle in Thailand und Japan. Mittlerweile haben sich nach Angaben der US-amerikanischen John Hopkins University weltweit mehr als sieben Millionen Menschen mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert. Mehr als 400.000 Menschen starben.

Obwohl die Analyse der Forscher auf den ersten Blick plausibel erscheint, muss sie doch mit Vorsicht interpretiert werden. Dies hat verschiedene Gründe.

  • Die Studie ist bislang auf einem Preprint-Server erschienen, wurde also noch nicht von unabhängigen Experten bewertet. Bevor eine Publikation in einem Fachmagazin erscheint, durchläuft sie in der Regel einen Prozess, der sich „Peer-Review“ nennt. Diese Prüfung dient der Qualitätssicherung und wurde bei der Studie bislang noch nicht vorgenommen.
  • Allein das Vorhandensein von Fahrzeugen auf einem Parkplatz ermöglicht noch keine abschließende Bewertung, warum die Fahrzeuge dort standen. Handelte es sich um PKW von Patienten oder parkte dort das Personal? Gab es zu dem Zeitpunkt der Aufnahmen womöglich eine Veranstaltung in den Klinikräumen? Antworten auf diese Fragen könnten etwa Berichte von Augenzeugen liefern. Die Forscher räumen diese Limitation der Studie auch selbst ein.
  • Ähnlich verhält es sich mit den Suchbegriffen. So unterliegt das Interesse an bestimmten Symptomen saisonalen Schwankungen. In der Erkältungszeit häufen sich Suchanfragen zu klassischen Symptomen wie Husten und Fieber. Für ein gesteigertes Interesse an dem Begriff „Durchfall“ können auch andere Erreger verantwortlich sein, beispielsweise das ebenfalls saisonal auftretende Norovirus. Durchfallbeschwerden scheinen zudem bei dem aktuellen Coronavirus nicht allzu häufig aufzutreten. Als häufigste Symptome werden auf Basis europäischer Daten Fieber, Husten und Halsschmerzen berichtet.

Die Untersuchung liefert folglich keine Beweise, dass sich das Coronavirus bereits im Herbst 2019 in Wuhan ausgebreitet haben könnte – wohl aber Indizien. Zuletzt hatte es immer wieder Zweifel an der offiziellen Version gegeben, wonach sich der Erreger Ende 2019 ausgehend von einem Tiermarkt verbreitet haben könnte.

So konnten Forscher in einer im Fachblatt „PNAS“ veröffentlichten Studie zeigen, dass der Ursprung des Erregers mutmaßlich nicht in Wuhan zu suchen ist. Die Forscher um den Kieler Molekularbiologen Michael Forster hatten dafür verschiedene Virusgenome untersucht .

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„Bevor wir die menschlichen Coronaviren mit den Fledermaus- und Schuppentier-Coronaviren abgeglichen hatten, sah es so aus, als ob der Ursprung der Pandemie ganz klar in Wuhan zu suchen war“, hatte Forster kürzlich im Gespräch mit dem stern erklärt. „Der Vergleich mit den Viren aus den tierischen Wirten weist jedoch darauf hin, dass die Übertragung des Virus von einem Tier auf einen Menschen vorher stattgefunden haben könnte.“ Infrage käme etwa die chinesische Region Guangdong, etwa 1000 km südlich von Wuhan. (Das Interview können Sie hier nachlesen.)

Quellen: Harvard Community: „Analysis of hospital traffic and search engine data in Wuhan China“ / Science Media Center / Johns Hopkins University / Robert Koch-Institut / Coronavirus-Stammbaum: Das Rätsel um den Ursprung des Erregers

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