Schwimmen: Alexandra Wenk hält Vorgänge im Verband für katastrophal – Sport



Ihr Training hat Alexandra Wenk gerade beendet. Die Haare sind noch feucht, aber das Make-Up ist perfekt. Genauso wie die langen, schwarz lackierten Fingernägel. Die 23-Jährige sitzt in einem Café in Friedrichshain und sieht aus wie auf einem ihrer Fotos, die sie bei Instagram postet – und die so auch in Hochglanzmagazinen erscheinen könnten. „Das ist mein Mittel, um zu kommunizieren und Sponsoren zu gewinnen. Eigentlich finde ich das aber ein bisschen traurig“, sagt sie. „Ich sollte doch viel eher finanziell unterstützt werden durch das, was ich erreicht habe oder noch erreichen könnte – nicht durch das, was ich darstelle.“

In ihrem Hauptjob als Schwimmerin stehen von Donnerstag (9 Uhr) bis Sonntag in Berlin die Deutschen Kurzbahn-Meisterschaften an (Schwimmhalle an der Landsberger Allee). Wenk startet in fünf Wettbewerben – einmal Lagen, einmal Freistil, dreimal Schmetterling. Doch ihr ist es gerade ebenso wichtig, über das Thema zu reden, das im deutschen Schwimmsport derzeit alle bewegt. Am vergangenen Wochenende trat Gabi Dörries als Präsidentin des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV) zurück, nachdem ihren Reformplänen beim Verbandstag nicht zugestimmt worden war. Diese Blockade macht Wenk richtig wütend.

„Mit Gabi Dörries haben wir wirklich gedacht, jetzt tut sich was, es geht vorwärts. Ihre Konzepte fand ich total überzeugend und ich verstehe absolut nicht, warum sie da so blockiert wurde“, sagt Wenk. „Gabi war so nah dran an uns Sportlern. Sie war auf vielen Wettkämpfen dabei, hat sich für jeden Einzelnen interessiert, saß oft auf der Tribüne. Das kann man nicht von vielen Funktionären sagen. Man braucht doch in einem Verband Leute, die einem das Gefühl geben, dass der Sport professionell und mit Leidenschaft vorangebracht wird. Gabi war so eine.“

Wenk hält die Vorgänge im DSV für katastrophal – und will sich mit ihrer Kritik nicht länger zurückhalten. „Natürlich sprechen wir Athleten darüber, die ganze Zeit. Und wir sind ja auch nicht blöd“, betont Wenk. „Aber es traut sich halt keiner, den Mund aufzumachen, weil uns immer gesagt wird: ‚Sag lieber nichts.’“


Vor sechs Jahren galt Wenk als große deutsche Nachwuchshoffnung. Sie feierte erste Erfolge bei Welt- und Europameisterschaften. Bei ihren zweiten Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro wurden Medaillen von ihr erwartet. Wie der Rest des deutschen Schwimmteams konnte aber auch Wenk die Erwartungen nicht erfüllen. Später erzählte sie, dass sie wenige Wochen vor den Spielen von einer eitrigen Angina umgeworfen wurde. „Da fragt man sich natürlich hinterher: Will ich das jetzt nochmal? Vier Jahre auf ein Ziel arbeiten und dann kommt vielleicht wieder so eine doofe Krankheit? Da steckt man ja nicht drin.“ Ja, sie will.

Ihr klares Ziel ist Olympia 2020 in Tokio

Allerdings nicht mehr in München, wo Wenk geboren wurde und aufgewachsen ist. Seit einem halben Jahr lebt sie in Berlin. „Nach 2016 lief es gar nicht gut. Ich hatte eine Verletzung nach der anderen und habe viel gehadert. Dann war klar: Ich muss aus München weg, muss was Neues sehen. Also bin ich nach Berlin gekommen.“

Alexandra Wenk.Foto: Michael Kappeler/dpa

Jetzt trainiert sie im Sportforum Hohenschönhausen. Das ist natürlich eine Umstellung, aber Wenk betont: „Ich finde Berlin echt cool. Natürlich ist die Stadt nicht so schön wie München, viel dreckiger und sehr laut. Aber ich finde es toll, dass hier jeder einen eigenen Charakter hat – die ganze Stadt hat einen eigenen Charakter, mit ganz vielen Facetten. In München sind irgendwie alle gleich.“

Vor Kurzem hat sich Wenk, die nebenbei Wirtschaftspsychologie studiert, auch von ihrem alten Verein in München verabschiedet und startet ab Februar für die SG Neukölln in der ersten Bundesliga. „Das ist ein cooler Ansporn. Der Verein hat mich wirklich super aufgenommen“, sagt sie. Heimweh hat sie natürlich trotzdem ab und zu. „Neben meiner Familie vermisse ich vor allem die Berge. Da oben sitzen und in die Weite schauen, das tut immer sehr gut.“

Jetzt will Wenk bei den Deutschen Kurzbahn-Meisterschaften aber erst einmal weitere Titel holen. Natürlich wäre sie auch gerne bei der parallel laufenden Kurzbahn-Weltmeisterschaft in China dabei gewesen: „Die Trainer haben aber entschieden, dass ich hier bleibe. Da wäre ich nur einmal im Schmetterling gestartet. Aber klar, eigentlich will ich mich schon gerne wieder international messen.“ Denn trotz aller Verletzungen in den vergangenen Jahren: Wenk hält auf der Lang- und Kurzbahn den deutschen Rekord über 100 Meter Schmetterling.

Nach einer Knie-Operation im August ist sie seit anderthalb Monaten wieder voll im Training. Das klare Ziel: Olympia 2020 in Tokio. Und danach? „Keine Ahnung. Wenn sich im deutschen Schwimmen was tut, mache ich vielleicht weiter. Wenn nicht, habe ich irgendwann auch keine Lust mehr“, betont Wenk. „Das Schwimmen ist meine Leidenschaft, aber man muss auch sehr viel dafür opfern. Wenn dann die Anerkennung fehlt, auch finanziell – und hier meine ich nicht reich zu werden, sondern den Sport professionell ausüben zu können, ist das auf Dauer zermürbend.“



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