So fährt sich der Nio ES8: China First



Die Idee des Batteriewechsels bei einem Elektromobil ist nicht neu. Shai Aggassi hat mit diesem Konzept vor einigen Jahren unter dem Namen „Better Place“ eine veritable Bruchlandung hingelegt. „Das Problem war, dass das Auto auf dem Boden stand und es deswegen die Ausrichtung und Fixierung der Batterie sehr schwierig war“, sagt Nio-Manager Shen Feng. Die Chinesen haben ihre Lehren aus dem Scheitern des Israelis gezogen und heben das Fahrzeug auf einer Hebebühne an, ehe der Akkutausch automatisch erfolgt -und zwar in handgestoppten 3,27 Minuten. Mit Ein- und Ausfahren des Fahrzeugs in die kleine Tankgarage sind es immer noch weniger als zehn Minuten. Schneller geht das Benzintanken auch nicht von statten. So bekommt der Nio ES8 ruckzuck weitere 355 Kilometer Reichweite spendiert. Ein bisschen stolz darf Shai Agassi ebenfalls sein, das Fixierungssystem mit den zehn Schrauben basiert auf seiner Idee.

Pro Ladestation werden fünf Lithium-Ionen-Akku-Pakete vorgehalten, die jeweils innerhalb von einer Stunde wieder aufgeladen sind. Das System funktioniert offenbar: Entlang der G4-Autobahn, die rund 2.272 Kilometer von Beijing nach Hongkong führt, sind bereits 18 Wechselstationen installiert. Nio hat seit Juni dieses Jahres über 8.000 ES8 im Heimatmarkt verkauft – bis Ende des Jahres sollen es 10.000 Stück sein. Die Wechselstationen sind hauptsächlich für die Hauptverkehrsadern vorgesehen, in den Städten soll der ES8 ganz normal an Wallboxen oder konventionellen Ladestationen tanken. Bis zum Jahr 2020 sollen 1.100 Wechselstationen aktiv sein.

Die lange Fahrt zwischen zwei Städten ist auch das perfekte Einsatzgebiet des fünf Meter Crossovers. Platz ist vorne und im Fond aufgrund des Radstands von 3,01 Metern reichlich vorhanden, sogar in der dritten Sitzreihe haben Erwachsene Platz. Mit 480 kW / 652 PS und einem Drehmoment von 840 Newtonmetern ist der Nio ES8 bestimmt nicht untermotorisiert: Nach 4,4 Sekunden fällt die 100 km/h-Marke und bei 200 km/h ist Schluss. „Offiziell“ zwinkern die Nio-Techniker. Der Dampf der beiden E-Maschinen kommt vor allem bei der Geradeausfahrt zur Geltung.

Mit verschiedenen Fahrprogrammen wird der ES8 an die jeweilige Situation angepasst. Neben Eco und einer individuellen Abstimmung stehen noch Normal und Sport zur Auswahl. Bei diesem Dynamik-Modus senkt sich die Karosserie des SUVs um fünf Zentimeter ab und auch die Lenkung verhärtet sich, um bei hohen Geschwindigkeiten Stabilität zu gewährleisten. Länge läuft also. Sobald es um die Ecke geht, agiert der 2.5 Tonnen Brocken trotz Allradantriebs nicht mehr ganz so souverän. Das Gewicht des SUV drängt schnell zum Kurvenrand, die Reifen jaulen und das ESP greift so erbarmungslos ein, dass ein Tritt auf das Gaspedal ohne Folgen bleibt. Herausbeschleunigen ist nicht. „Das ist eine Sicherheitsfunktion“, weiß Shen Feng.

Der letzte fahrdynamische Kniff fehlt noch beim ES8. Das fällt bei der Rekuperation ebenfalls auf. Während bei Modellen, wie dem Kia e-Niro die Rückgewinnungsstufe mit Wippen am Lenkrad ruckzuck eingestellt ist, muss man beim ES8 das Ganze über den Infotainment-Bildschirm definieren. Ein echtes One-Pedal-Gefühlt stellt sich aber auch bei der stärkeren der beiden Alternativen nicht ein. Das Fahrwerk mit den Luftfedern (kommt von Continental) bügelt die meisten Bodenunebenheiten weg, mit schnell aufeinanderfolgende Querfugen kommt es dagegen nicht so gut klar. Die Lenkung ist zwar direkt, lässt aber den Fahrer über den Zustand des Untergrunds und das aktuellen Grip-Niveau weitestgehend im Unklaren. Allerdings muss hier auch fairerweise erwähnt werden, dass der Nio ES8 für China konzipiert ist und dort der Kurventanz nicht ganz oben auf dem Lastenheft steht. Für die europäische Variante, die ebenfalls geplant ist, sollten die Techniker des asiatischen Autobauers dann aber eine andere Abstimmung wählen.

Die Bedienung geschieht mit Hilfe eines tabletartigen Touchscreens und ein Head-Up-Display versorgt den Piloten mit allen möglichen Informationen. Die Grafik und die Menüführung ist -soweit man das anhand der chinesischen Schriftzeichen nachvollziehen kann – eher simpel gehalten. Ein witziges Detail ist Nomi. Eine Art chinesische Siri, die sich mit den Insassen unterhält, auf Wunsch beziehungsweise Sprachbefehl, unter anderem die Fenster runterfährt, die Massagesitze aktiviert oder die Lieblingsmusik der Passagiere einspielt. Dabei schaut die kleine Kugel immer in die Richtung des Sprechenden, lächelt und winkt sogar zum Abschied.

Alles ganz niedlich und süß, aber bei der Verarbeitung und der Wertigkeit der Materialien haben die Asiaten trotz aller Automatisierungsbestrebungen bei der Produktion, noch Nachholbedarf, den man auch bei den Passfugen bemerkt. Der Nio ES8 kostet rund 448.000 Renminbi (circa 57.781 Euro) kosten. Wenn man die Batterien für 1.280 RMB (rund 165 Euro) pro Monat least, sind es 100.000 RMB (etwa 12.897 Euro) weniger.



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