Sozialkomödie „Wild Rose“: Drei Akkorde und die Wahrheit – Kultur

Sängerin Rose-Lynn (Jessie Buckley) in

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Zwölf Monate hinter Gittern für eine junge Mutter. Rose-Lynn hatte ein Päckchen Heroin über die Gefängnismauer geworfen – ohne zu wissen, was sich in dem Paket befand, wie sie sagt. Nun sitzt sie selbst im Knast.

Der britische Film „Wild Rose“ beginnt mit dem Tag ihrer Entlassung. Und wohin fährt Rose-Lynn als Erstes? Nicht zu ihren zwei Kindern, sondern zu ihrem Liebhaber. Auf eine schnelle Nummer, irgendwo auf dem Rasen zwischen den grauen Blöcken des Glasgower Randbezirks, in dem sie lebt.

Zwischen Kindern und Karriere

Als es Rose-Lynn (Jessie Buckley) nach Hause schafft, gerät sie gleich mit ihrer Mutter (Julie Walters) aneinander, die sich in ihrer Abwesenheit um die Kinder gekümmert hat. Nein, ein Job als Putze komme für sie nicht infrage, stellt Rose-Lynn klar. Country-Sängerin will sie werden, in den Bars von Nashville groß rauskommen und irgendwann im Ryman-Auditorium auf der Bühne stehen. Dort, wo alle von Elvis über Johnny Cash bis hin zu Emmylou Harris gesungen haben. Darauf die Mutter: „Hast du nicht ferngesehen? Es gibt genug Leute, die singen.“

Bis man Rose-Lynn selbst auf der Bühne erlebt, verstreicht eine ganze Weile. Regisseur Tom Harper („The Aeronauts“) geht es nicht darum, Musiknummern aneinanderzureihen oder „A Star Is Born“ auf Schottisch nachzudrehen. Er will die Geschichte dieser Mittzwanzigerin erzählen, die sich zwischen ihrer Karriere-Sehnsucht und der ungewollten Verantwortung für ihre Kindern zerrissen fühlt.

So lernt man Rose-Lynn als überforderte Mutter kennen, die der achtjährigen Tochter und dem fünfjährigen Sohn schon mal ein Pizza-Date verspricht, dann aber mit ihrem Lover (James Harkness) im Pub versackt. Tagsüber wohlgemerkt, da sie eine Fußfessel jeden Abend ab sieben Uhr in ihre Wohnung kettet. Deswegen wird sie erst mal auch nicht Sängerin in einer Country-Bar, sondern tatsächlich Hausmädchen.

Erstmal wird sie Putzfrau

Den Job erledigt sie auf ihre ganz eigene Weise. Mit dem Staubsauger in der Hand, nur Socken an den Füßen und dem Hank-Snow-Song „I’m Moving On“ auf den Kopfhörern tanzt sie durch das Haus. Im Hintergrund erscheint nach und nach eine imaginierte Band in voller Country-Montur, während sie lauthals mitsingt. Eine Szene, die den Lebenshunger der Hauptfigur genauso transportiert wie die Kraft der einfach gestrickten Musikrichtung.

Warum gerade Country?, wird Rose-Lynn einmal gefragt. Drei Akkorde und die Wahrheit, sagt sie, das sei es, was die Songs ausmache. Diesen Ausspruch ließ sie sich nicht nur auf den Unterarm tätowieren, sie trägt ihn auch im Herzen. Rose-Lynn funktioniert genau nach diesem Diktum.

Fiebrige Energie

Die Hauptfigur wird gespielt von der 29-jährigen Irin Jessie Buckley, die bislang unter anderem in der Serie „Chernobyl“ auf sich aufmerksam gemacht hat. Sie bildet das Epizentrum des Films. Wenn sie singt, wagt sich Kameramann George Steel ganz nah heran an ihr Gesicht, und alles beginnt zu leuchten – buchstäblich. Er filmt ihre Züge immer wieder im Gegenlicht, sodass sich der Zauber ihrer so mühelos kraftvollen Stimme auf die Bilder überträgt. Als Rose-Lynn auf der Bühne zu sehen ist, haut es einen um. Ihre fiebrige Energie findet endlich einen Ort, an dem sie in alle Richtungen explodieren kann. Der Traum von Nashville scheint da gar nicht mehr so unerreichbar.

Wahrhaftigkeit der Figuren

Tatsächlich hat Jessie Buckley mit 18 Jahren bei einer Talentshow mitgemacht. Sie schaffte es bis ins Finale, wurde Zweite, bekam eine Musicalrolle und absolvierte ein Studium an der Royal Academy of Dramatic Art in London. Für „Wild Rose“ hat Buckley nahezu den gesamten Soundtrack eingesungen und mit der Glasgower Drehbuchautorin Nicole Taylor auch einige der Songs geschrieben.

Sie unterfüttern eine Story, die man so ähnlich schon etliche Male gesehen hat. „Wild Rose“ ist eine typische britische Sozial-Tragikomödie im Stile von „The Commitments“, „Ganz oder gar nicht“ und „Billy Elliot“. Ein Feelgoodmovie, klar, aber eins, das sich auch den genauen Blick auf die britische working class, der die Filme von Ken Loach und Mike Leigh auszeichnet, zu eigen macht. Regisseur Harper und Autorin Taylor behalten stets die Wahrhaftigkeit der Figuren im Blick.

Und sie spielen mit der Erwartungshaltung des Publikums. Sie deuten den großen Moment an – die Entdeckung des Country-Juwels –, nur um es sich dann doch nicht so einfach zu machen. Dennoch gelingt es ihnen, eine Spur des Fabelhaften in der tristen Realität Glasgows zu entdecken. Drei Akkorde, die Wahrheit und ein kleines bisschen Märchen.
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