Stickoxid-Grenzwerte: Feinstaub laut Expertin sehr wohl gesundheitsschädlich


Debatten: Warum wir die Stickoxid-Grenzwerte brauchen

Die Diesel-Fahrverbote seien überflüssig, behauptet eine Gruppe von Lungenärzten. Die Messwerte halten sie für harmlos. Hier antwortet eine Expertin, die sagt: Unsere Luft ist noch immer viel zu stark verschmutzt.

Seit mehreren Wochen melden sich in den Medien Ärzte zu Wort, die behaupten, die gültigen Grenzwerte für Stickstoffdioxid (NO2) und Feinstaub seien viel zu niedrig und hätten keine wissenschaftliche Grundlage. Es ist unklar, warum dies verbreitet und warum die erdrückende Evidenz ignoriert wird. Hier soll erläutert werden, wie Luftschadstoffe und insbesondere Stickstoffdioxid wirken und warum es dringend notwendig ist, die Luftqualität in Deutschland weiter zu verbessern, auch und gerade in verkehrsreichen Straßen der Metropolen.

NO2 ist gesundheitsschädlich – zu diesem Ergebnis kommen die Weltgesundheitsorganisation WHO in ihren Luftqualitätsleitlinien von 2005 und auch die US-amerikanische Umweltbehörde EPA, die ihre aktuellen Schlussfolgerungen von 2016 mit mehr als 1600 wissenschaftlichen Studien belegt.

Schädlich sind sowohl kurzfristige als auch langfristige Belastungen, und zwar bereits bei Konzentrationen, die etwa an stark befahrenen Straßen oder auch im Auto selbst vorkommen. Kurzfristige hohe Konzentrationen lösen unter anderem Asthmaanfälle aus. Langfristige erhöhte Konzentrationen führen zu mehr chronischen Atemwegserkrankungen. Außerdem zeigen die Studien einen deutlichen Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenkrebs, Diabetes mellitus, einem niedrigen Geburtsgewicht und einer erhöhten Sterblichkeit. Wie sind diese Wirkungen von NO2 nun zu erklären?

1. Direkte Schäden

NO2 ist ein Reizgas und löst Entzündungen aus. Diese Entzündungen können in der Lunge zu einer Verengung der Bronchien führen und die Lungenfunktion verschlechtern. Dies wurde im Labor unter kontrollierten experimentellen Bedingungen in Expositionskammern nachgewiesen. Insbesondere Kinder mit Asthma und Erwachsene mit chronischen Lungenerkrankungen erleiden hierdurch vermehrt Asthma- und Atemnotanfälle und werden häufiger ins Krankenhaus eingewiesen. Zusätzlich kommt es durch NO2 in der Luft zu einer leichten Entzündungsreaktion im gesamten Körper.

Das ist für den Einzelnen zwar nicht spürbar, aber durch Blutuntersuchungen messbar. Die Folge ist unter anderem eine erhöhte Thromboseneigung, was wiederum zu mehr Herzinfarkten und Schlaganfällen führt. Die direkten Effekte des Reizgases NO2 lassen sich auch unterhalb der heutigen EU-Grenzwerte nachweisen.

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2. NO2 trägt zur Bildung anderer gesundheitsschädlicher Stoffe bei

Abgesehen von der direkten Wirkung als Reizgas, ist NO2 eine wichtige Vorläufersubstanz für die Bildung von Ozon und Feinstaub. Ozon ist wie NO2 ein Reizgas mit einer noch stärkeren Wirkung. Feinstaub ist ein Gemisch unterschiedlichster Teilchen in der Luft, die bis in die tiefen Lungenabschnitte und die Lungenbläschen vordringen können. Feinstaub führt zu einer großen Zahl akuter und chronischer Gesundheitseffekte auf den Atemtrakt, das Herz-Kreislauf-System, den Stoffwechsel, das Geburtsgewicht sowie zu einer erhöhten Sterblichkeit.

Diese Folgen sind in vielen Tierexperimenten und Studien an Menschen mit unterschiedlichen Methoden belegt worden. Viele Wirkungsweisen von Feinstäuben ähneln denen des Passivrauchens, das bekanntermaßen Herzinfarkte, Lungenkrebs und den plötzlichen Kindstod auslösen kann.

Wer die Wirkung von Luftverschmutzung mit dem Hinweis verharmlost, dass die Dosis viel niedriger sei als beim aktiven Rauchen, ignoriert die überwältigende Beweislage aus streng kontrollierten Studien sowie typische biologische Zusammenhänge von Dosis und Wirkung, die eben sehr häufig nicht parallel verlaufen. Das lässt sich gut am Beispiel Rauchen illustrieren: Das Risiko für einen Herzinfarkt unterscheidet sich kaum, ob man nun fünf oder 20 Zigaretten täglich raucht.

Im Vergleich zu einem Nichtraucher haben beide ein um ungefähr 100 Prozent erhöhtes Risiko. Trotz der geringeren Dosis macht es hingegen beim Passivrauchen einen großen Unterschied hinsichtlich des Herzinfarktrisikos, ob man gar nicht raucht oder regelmäßiger Passivraucher ist (um etwa 50 Prozent). Zum Vergleich: Eine Langzeitbelastung von zusätzlichen fünf Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft erhöht die Wahrscheinlichkeit für einen Herzinfarkt um rund zehn Prozent.

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Lockere Grenzwerte für Feinstaub in der EU

Wegen der gesundheitlichen Folgen gibt es in der EU wie in vielen anderen Ländern Grenzwerte für Feinstaub (englische Abkürzung PM2,5) und Ozon. Allerdings sind die Grenzwerte in der EU mit 25 Mikrogramm pro Kubikmeter für PM2,5 im Vergleich zu anderen Ländern als ausgesprochen locker zu bezeichnen: In den USA liegt der Grenzwert bei zwölf Mikrogramm pro Kubikmeter, in der Schweiz bei zehn.

Die WHO empfiehlt, die Belastung unter zehn Mikrogramm zu senken. Um die Bildung von schädlichem Feinstaub und Ozon zu reduzieren, gibt es außerdem gesetzliche Vorschriften zur Senkung der Emissionen von Vorläufersubstanzen, etwa NO2 aus Verbrennungsmotoren und Ammoniak aus der Landwirtschaft.

3. NO2 ist ein Indikator für den Schadstoff-Cocktail aus dem Verkehr

Auch andere Schadstoffe aus dem Verkehr schädigen die Gesundheit. Dazu gehören Ultrafeinstäube, Ruß, Feinstäube mit hohem Metallgehalt durch Bremsabrieb, Feinstäube durch Reifen- und Straßenabrieb und krebsauslösende Substanzen. Einzeln oder als Gemisch führen diese zu erheblichen Gesundheitsschäden, was sowohl in Tierexperimenten als auch am Menschen nachgewiesen wurde. NO2 hängt eng mit dem Auftreten anderer Schadstoffe zusammen. Deshalb gibt es Aufschluss über die Belastung durch weitere, nicht gemessene Verkehrsabgase.

Die gesundheitlichen Wirkungen kann man bereits bei NO2-Konzentrationen deutlich unterhalb der heutigen Grenzwerte von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter im Jahresmittel sehen. Vergleiche mit (meist kurzfristigen) hohen Innenraumkonzentrationen von NO2 durch Kerzen oder Gasbrenner sind eine Verharmlosung von langfristigen Belastungen mit Verkehrsabgasen.

Gibt es nun Stickstoffdioxidtote? Genauso wenig wie es „Rauchertote“ oder „Cholesterintote“ gibt, gibt es „Stickstofftote“. Bei einem einzelnen Todesfall kann man bis auf wenige Ausnahmen – etwa ein Verkehrsunfall – nicht sicher sagen, welcher Faktor die Krankheit oder den Tod verursacht hat. Man kann aber sehr wohl feststellen, welche Faktoren die Wahrscheinlichkeit für eine Erkrankung oder einen Todesfall erhöhen: zum Beispiel Rauchen und Passivrauchen, ein hoher Blutdruck oder eben auch langfristige Belastungen mit Verkehrsabgasen.

Schutz von empfindlichen Menschen

Und welchen Sinn haben nun Grenzwerte? Gesetzliche Grenzwerte sollen die gesamte Bevölkerung, auch besonders empfindliche Menschen, vor Gesundheitsschäden schützen. Deshalb gibt es in der EU neben Grenzwerten für Feinstaub und Ozon auch Grenzwerte für NO2 in der Außenluft von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter im Jahresmittel und 200 Mikrogramm im Einstundenmittel.

Diese Werte für NO2 sind deutlich niedriger als der erlaubte Wert an Arbeitsplätzen. Man muss aber bedenken, dass die Belastung in der Außenluft im Gegensatz zu jener am Arbeitsplatz ununterbrochen stattfindet. Außerdem sollen auch Ungeborene, Säuglinge, Kleinkinder und alte Menschen, deren Empfindlichkeit deutlich höher ist als die von gesunden erwachsenen Arbeitenden, geschützt werden.

Europäische Lebenserwartung verkürzt

Natürlich sind die heutigen Grenzwerte für Luftschadstoffe nur ein Kompromiss, aber kein ausreichender Gesundheitsschutz. Wir wissen, dass auch unterhalb der zurzeit bestehenden Grenzwerte ganz erhebliche Gesundheitsfolgen auftreten. Die heutige Luftverschmutzung in Europa verkürzt die Lebenserwartung der Europäer im Schnitt um fast ein Jahr. Zum Vergleich: Aktives Rauchen verkürzt die Lebenserwartung von Rauchern um sieben bis neun Jahre. Doch anders als beim Rauchen sind alle Menschen von der Luftverschmutzung betroffen, und der Einzelne kann sich nicht vor den Auswirkungen der Luftschadstoffe schützen.

Die wichtigsten Quellen in Deutschland sind Industrie, Energieerzeugung, Verkehr und Landwirtschaft, lokal können zusätzlich noch Müllverbrennung und Kaminöfen bedeutsam sein. Um die Gesundheit aller besser zu schützen, ist deshalb eine weitere Reduktion der Luftschadstoffe dringend geboten.

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