Südafrika: Trekking in den Drakensbergen – Reise


Noch zieht es nur wenige Wanderer in die Drakensberge. Dabei sind dort nicht nur die Ausblicke einzigartig, sondern auch die Guides.


Von Florian Sanktjohanser

Die Kriegerin weiß, wie man Hof hält. Lässig fläzt sie inmitten der weißen Wanderer, die an ihren Lippen hängen. Nippt an der Bierflasche. Und pariert cool alle zudringlichen Fragen. Was die Männer im Dorf von ihr denken? Zee Ndaba dreht sich um zu der Gruppe von Angetrunkenen, die vor der bunt gestrichenen Bar eine Schnapsflasche kreisen lassen. „Sie halten mich für verrückt“, sagt sie. „Ich bin anders als die meisten Frauen.“

Das kann man so sagen. Zee Ndaba, 40, ist eine der ersten schwarzen Wanderführerinnen in Südafrika. Eine stolze Zulu, 1,78 Meter groß und kräftig. Bis vor Kurzem trug sie lange Dreadlocks, jetzt hat sie ihre kurzen Haare an den Kopf geflochten. Sie lacht gern und oft. Zee Ndaba wuchs mit ihren Brüdern in diesem Dorf auf, in Amazizi am Fuß der Drakensberge. Als Kinder wetteiferten sie darum, wer schneller kraxeln kann. „Alle hier kennen sich in den Bergen aus“, sagt sie. Aber zum Spaß Wandern, das sei in Südafrika immer noch ein weißer Sport. Und elitär. Für die Armen ist schon die Ausrüstung zu teuer.

Das große Land am Kap ist keine Wandernation. Dafür ist den Südafrikanern das Campen und Grillen, das Braai, heilig. Und an schönen Bergen mangelt es wahrlich nicht, jedoch an markierten Pfaden, Wegweisern und Hütten. Und am Marketing: In Reisekatalogen wird Südafrika kaum als Wanderziel beworben.

Um den bequemen Südafrikanern die Natur zu zeigen, hat er einen Lift in die Schlucht gebaut

Doch langsam ändert sich das. Zum Beispiel am Blyde River Canyon, wo das Hotel Kadisi ein paar Wanderwege für seine Gäste beschildert hat. Gelbe Tatzen markieren den Leopard Trail hinab in die Schlucht. Man wandert durch trockenen Busch und unter zerklüfteten Felswänden, rotbraun vom Eisenoxid, hellgrün gestreift von Flechten. Auf einer Felsnase öffnet sich der Blick auf die Schleife des Flusses, der sich hier um einen mehrstöckigen Tafelberg windet. Dahinter erheben sich drei runde Felsen, passenderweise Rondavels genannt, weil sie Rundhütten mit spitzem Grasdach ähneln. Und darüber der knapp 2000 Meter hohe Mariepskop, auf dessen Hochplateau Häuptling Maripe im 19. Jahrhundert das Volk der Pulana vor den Verfolgern der Swazi rettete.

Die meisten Reisenden bekommen dieses berühmte Motiv nur von einem trubeligen Aussichtspunkt aus zu sehen, neben dem die Tourbusse parken. So wie es bis vor Kurzem auch im nahe gelegenen Graskop war, der alten Goldminenstadt an einer Urwaldschlucht. „Aber es gibt hier so viel mehr zu sehen als nur den Panoramablick von oben“, sagt Campbell Scott.

Um seine lauffaulen Landsleute ins Grüne zu locken, hatte der 46-jährige Abenteurer eine Idee: einen Lift hinunter in die Schlucht. 50 Meter tief fährt man nun bei Graskop hinab, vom Grasland in einen Nebelwald, den man in Südafrika nicht erwarten würde. Dornige Würgefeigen wickeln sich um die Bäume, Bartflechten hängen von moosgepolsterten Ästen. Ein 600 Meter langer Rundweg führt durch den Urwaldkessel, über Holzstege und Hängebrücken, vorbei an einem Wasserfall und Riesenpilzen aus Fiberglas. „Ich will die Südafrikaner motivieren, in die Natur zu gehen und sie zu schützen“, sagt Scott.

Sein Plan könnte aufgehen. Schon im ersten Jahr kamen 115 000 Gäste, 70 Prozent davon Einheimische. Die Touristen sollen nicht nur kurz für ein Foto anhalten, sagt Scott, sie sollen mehrere Tage in Graskop bleiben. Dafür plant er ein Netz aus markierten Wander- und Mountainbikewegen. Guides sollen ausgebildet werden und im besten Fall eigene Firmen wie etwa einen Radverleih gründen.

Im Sungubala Camp ist die Landschaft grün und hügelig ist wie auf einer Alm.

(Foto: Florian Sanktjohanser)

Ein Kreischen unterbricht Scotts Monolog, zwei Mädchen schwingen an einem Seil vorbei. „Die Big Swing“ sei das, erklärt er, eines der neuen Adrenalin-Spielzeuge, noch so ein Lockmittel für junge Städter. Eine Zipline, eine Drahtseilrutsche, gibt es bereits, sie will er verlängern, dazu eine Hängebrücke und einen Klettersteig in die Felswände bohren lassen. Am Ende, so Scotts Traum, soll es einen Fernwanderweg durch die Drakensberge geben, über das ganze Dach Südafrikas, das sich von hier rund 1000 Kilometer nach Süden erstreckt. Im Kleinen ist das schon jetzt möglich, man muss nur die alten Pfade der Hirten und Marihuanaschmuggler kombinieren. So wie Zee Ndaba es getan hat.

180 Kilometer weit wanderte sie einmal durch das Gebirge, zwölf Tage lang. Und regelmäßig führt sie Gäste auf der sechstägigen Traverse, einer Art Höhepunkte-Hopping in den Drakensbergen. Für solche Touren beschäftigt Ndaba mittlerweile 17 Träger und Köche. Im besten Fall verdienen sie 400 Rand pro Tag, umgerechnet knapp 25 Euro. Gutes Geld in einem Dorf wie Amazizi, wo es nur wenige Arbeitsmöglichkeiten gibt. Am Straßenrand strecken Männer den Touristenbussen geschnitzte bunte Giraffen entgegen. Selbst Ndaba muss manchmal an der Bar eines Hotels arbeiten, wenn das Geld nicht reicht. „Es gibt nicht genug Lodges in der Gegend“, sagt sie, „wir brauchen mehr Gäste.“

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Gut möglich, dass sie bald kommen werden. Die Kulisse stimmt jedenfalls. Amazizi liegt am vielleicht spektakulärsten Teil der Drakensberge. Ukhahlamba nennen die Zulu sie, Wand aus Speeren. Warum, sieht man auf der Tagestour zu den Tugela Falls. Entlang eines Flusses wandert man vorbei an Baumfarnen und immergrünen Ouhout-Bäumen, die Zikaden zirpen laut wie Feuermelder. Doch bald lichtet sich der Wald, und alle Gespräche verstummen – bis auf ein gelegentliches „wow“. Ein Land von archaischer Wucht erhebt sich ringsum; ein Tal, wie ausgedacht von einem romantischen Maler. Felsbänder raffen wie Serviettenringe die samtgrünen Hänge, die spärlich bewachsen sind mit knorrigen Bäumchen. In den Falten wuchert dunkler Urwald, am Wegesrand blühen rosafarbene und weiße Zuckerbüsche. Und über allem ragt im weiten Halbrund eine mehr als 1000 Meter hohe Basaltwand auf: das Amphitheater.

Über den Wolken: Auf einem Hochplateau beginnt der Tugela-Wasserfall.

(Foto: Mauritius Images)

Seit dem Jahr 2000 ist der grenzüberschreitende Maloti-Drakensberg-Park Un- esco-Welterbe, und zwar in beiden Kategorien, Natur und Kultur. Denn in die Höhlen des Gebirges haben die Khoisan Zehntausende Bilder gemalt. Die meisten dieser Galerien werden heute geheim gehalten, denn viele Gemälde wurden bespritzt, zerkratzt, beschmiert. Sizwe Mkhize führt zu einer der wenigen Höhlen, die Touristen offenstehen. Der Himmel grollt, am Horizont blitzt es, deshalb spult Mkhize seine Erklärungen im Eddie-Murphy-Tempo ab. „Das war ein heiliger Platz“, sagt der 36-Jährige, „die San kamen nur zum Beten und Tanzen hierher.“ Er deutet auf die roten Bilder unter dem Überhang – gemalt mit einer Mischung aus zerriebenem Ocker, Tierblut und Eigelb – und rasselt herunter: Leopard, Impala, Elenantilopen, dazu Tänzer und ein Jäger, der mit dem Speer eine Kobra angreift. Und ein Tierkörper mit menschlichem Kopf: ein Schamane, der sich in Trance getanzt hat.

Auf das 3000 Meter hohe Felsplateau führen Leitern, vor denen es auch mal Stau gibt

So beeindruckend das alles ist, irgendwann will man dann doch hinauf aufs Dach, die Speerwand erklimmen. Und so schaukelt man am nächsten Morgen im Geländewagen über eine Kraterpiste bergauf und wird immer wieder herzhaft in den Sitz gestaucht. Bis die Straße, wie ein Wunder, plötzlich gepflastert ist. An ihrem Ende werkeln Arbeiter an einem neuen Ausflugsrestaurant, mit Blick auf den 3165 Meter hohen Sentinel.

In Südafrika ist Zee Ndaba die Ausnahme: eine Schwarze, die als Wanderführerin arbeitet. Die 40-Jährige war schon als Kind in den Bergen unterwegs.

(Foto: Florian Sanktjohanser)

Der Wanderweg, der hier beginnt, ist seit Kurzem wie eine Garageneinfahrt gepflastert. „Geht langsam und riecht die Rosen“, sagt Zee Ndaba, während sie in Serpentinen aufsteigt. Über ihr singen Jugendliche in einer langen Kolonne, eine Schulklasse. Weit unten streckt der Fika-Patso-Stausee seine Finger in die Täler.

An den Kettenleitern, die über die Felsen führen, trifft man die Schulklasse wieder. Stau. Ndaba schaut sich das kurz an, dann platzt ihr der Kragen. „Könnt ihr bitte eine Leiter frei machen“, schreit sie die Felswand hinauf zu den Wanderern, die gerade ängstlich Sprosse für Sprosse herabsteigen. „Wir wollen hinauf, bevor der Regen kommt.“ Dann zündet sie sich erst einmal eine Zigarette an.

Die Leitern schwanken ein wenig, aber die Griffe und Tritte sind tadellos. Trotzdem kommen einige Wanderer zitternd und blass oben an. Neben den Leitern warten schon vier junge Hirten vom Volk der Basotho, in groben Wolldecken und Mützen. Sie treiben ihre Schafe aus Lesotho zum Weiden herüber. „Gib mir Essen“, sagt der Mutigste, „gib mir Geld.“ Das Handy oder die Regenjacke würden es auch tun.

Ndaba feuert die Gruppe an, Wolken quellen heran. Ein paar Schritte noch, dann ruft sie: „Willkommen im Flachland!“ Auf 3000 Meter Höhe breitet sich ein Hochplateau aus, das ein wenig an Patagonien erinnert. Oder, wegen der Felswände am Horizont, an die Dolomiten.

Ndaba folgt einem Bach quer über die Grasebene bis zur Abbruchkante, wo er in vielen Kaskaden knapp 950 Meter in die Tiefe stürzt: die Tugela Falls, einer der höchsten Wasserfälle der Welt. Jetzt in der Trockenzeit ist er nur ein Rinnsal. Der Blick entlang der Wände des Amphitheaters, über die Vorberge bis hinüber zum Teufelszahn ist aber auch so überwältigend. „Die größte Herausforderung ist es, von hier wieder wegzugehen“, sagt Ndaba. Stimmt. Vor allem, wenn sie einem gerade erzählt hat, dass der Weg dort hinter dem nächsten Buckel weitergeht, entlang der Abbruchkante und hinüber zu den höchsten Gipfeln. Sechs Tage lang, die große Traverse. Unbedingt, beim nächsten Mal.

Reiseinformationen

Anreise: South African Airways bietet von München aus Direktflüge nach Johannesburg an, hin und zurück für ca. 900 Euro, www.flysaa.com.

Unterkunft: Das Sungubala Camp liegt auf einer Art Alm, Rundhütte mit Bad ca. 27 Euro pro Person, www.sungubala.co.za

Wandern: Viele Tagestouren am Blyde River Canyon und im Maloti-(Ukhahlamba)-Drakensberg Nationalpark sind so gut markiert, dass man sie allein gehen kann. Touren mit Zee Ndaba: zee1@gmail.com

Reisen: Hauser Exkursionen bietet Wanderreisen in Südafrika an, z. B. die sechstägige Überschreitung der Drakensberge: www.hauser-exkursionen.de Weitere Auskünfte: www.southafrica.net

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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