Tagesschau bei TikTok: Macht sich die ARD auf unsere Kosten lächerlich?

TikTok hält sich seit Monaten in den Top-10 der meist heruntergeladenen Apps. Das Soziale Netzwerk ist besonders bei jüngeren Nutzern beliebt. Im Grunde bietet es eine ähnliche Inhalts-Darstellung, wie Instagram-Stories – nur, dass diese Inhalte sich nicht von selbst löschen. Jetzt macht auch die Tagesschau mit. Gute Idee oder Verschwendung der Rundfunkgebühr?

Die Tagesschau, die altehrwürdige „20:00-Uhr“, die bekannteste (Nachrichten-)Sendung im deutschen Fernsehen. Penibler und steifer geht’s eigentlich nicht mehr, oder? Genau diese Tagesschau hat jetzt ihren TikTok-Kanal aufgemacht. Ihren was? Ja, TikTok. Die App, die in der Gunst der jungen Nutzerschaft wohl so etwas wie der Nachfolger von Instagram wird, wurde weltweit schon milliardenfach heruntergeladen und erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Der Facebook-Effekt treibt sich so weiter. Kein Teenie meldet sich mehr bei Facebook an, weil dort nur noch die Elterngeneration ist. Die zieht es jetzt rüber zum „neuen Facebook“, zu Instagram. Folge: Die jungen Leute suchen sich wieder etwas neues. Und das heißt TikTok. Noch ist die Zielgruppe dort gefühlt unter sich.

Was macht man bei TikTok?

Eine kurze Erklärung. Bei TikTok geht’s – anders als bei Instagram – um Bewegtbilder. Urpsrünglich um synchronisierte Videos, TikTok ist der Nachfolger von Musical.ly, einer App, die bis 2018 ein ähnliches Prinzip verfolgte und ebenfalls einen Beliebtheits-Peak hinlegte.

Bei TikTok schauen wir uns also kurze Videos an, in denen – meist junge – Personen witziges, sportliches oder persönliches Engagement zeigen. Dabei hören wir die Tonspur eines Musikhits, einer Filmszene oder sonstigem. Aber das ist es noch nicht: TikTok bietet eine atemberaubende Auswahl an Videofiltern, die der Kreativität freien Lauf lassen.

Und am Ende ist TikTok eine einfache Videoplattform im Hochformat – Mobile-only also. Hier können Nutzer auch komplette Videos mit realer Tonspur hochladen und verbreiten. Wichtig – TikTok ist kein zweites YouTube. Ihr findet also keine stunden- oder minutelnlangen Videos; alles ist knackig-kurz gehalten, das Maximum wäre ein Video, das vier 15-Sekünder zu einer Minute zusammenführt. Dann ist aber auch Schluss. Es gibt aber auch die MV-Funktion beim Upload – hier ladet ihr eine Diashow hoch, die dann – wie auch die Videos – mit Texten, Filtern und Effekten versehen werden können.

Das macht die Tagesschau auf TikTok

TikTok ist also eine einfache und zugleich komplexe Plattform. Einfach zu bedienen, unfassbar viele Möglichkeiten. Bestimmt wird bei TikTok über Trends. Die Macher der App nutzen quasi das Prinzip der ewigen Scrollerei. Im Home-Bereich wird algorithmisch-zufällig ein Video nach dem anderen abgespielt. Unter „Entdecken“ sind dann die Charts zu finden. TikTok funktioniert auch mit Hashtags. Und wo Hashtags sind, sind Marketing-Experten und Reichweiten-Gurus nicht weit. Einen Hashtag zu besetzen, zu definieren und populär zu machen ist wahrhaftes Geld wert – auch wenn TikTok kein direkter Traffic-Bringer für Webseiten ist. Noch nicht, denn das „link in bio“-Verfahren – schon von Instagram bekannt, wird längst getestet.

Jetzt schlagen wir aber endlich die Brücke zur Tagesschau: Die Nachrichtensendung will hier natürlich nicht täglich um 20:00 eine Viertelstunde Tagesschau übertragen, damit sich das junge Zielpublikum auch ja anständige Nachrichten ansieht. Das geht ja rein technisch schon nicht. Vielmehr will man die Plattform nutzen, kurze Erklärvideos rund um angesagte Themen zu veröffentlichen. Klassische Arbeit gemäß Bildungsauftrag also. Die Reihe „Kurz erklärt“ mit der die ARD-Sendung schon in den arrivierten sozialen Netzwerken virale Erfolge hat, soll auf TikTok ausgeweitet werden und angepasste (sowohl Hochkantformat als auch Inhalt betreffend) Inhalte bieten. Ein unterhaltsamer Aspekt soll dabei stets mit von der Partie sein, ernste Themen sollen aber nicht vor TikTok Halt machen. Wir können uns also auch auf Outtakes und Behind-the-Scenes-Clips freuen.

Das erste Video der Tagesschau auf TikTok ist eines der lockeren Art. Chefsprecher Jan Hofer probiert verschiedene Effekte auf seiner Krawatte aus. Unterlegt mit dem Song „My Type“ von „Saweetie“, garniert mit der Frage, was man denn hier (bei TikTok) so anziehe. Etwas zu gewollt auf jung gemacht, für den Anfang aber nicht schlecht – und wer bin ich überhaupt, das als End-Zwanziger zu beurteilen.

Influencer werden war noch nie so einfach

Was folgt, steht noch in den Sternen, denn ein zweites Video gibt’s nicht. Was mit TikTok aber möglich ist, zeigen die sichtbaren Insights: Das Video ist jetzt einen Tag online. Der Account der Tagesschau hat fast 30.000 Follower, mehr als 91.000 Likes und – das beste für alle „Skalierbarkeits“-Junkies: Das Video ist bisher fast 740.000 Mal aufgerufen worden. Man muss also kein Prophet sein um zu sagen: TikTok wird die Medienwelt noch ziemlich umkrempeln und beeinflussen. Noch hat die Werbeindustrie hier wenig zu sagen, in Ermangelung an direkten Möglichkeiten. Das von Instagram bekannte Influencer-Business dürfte auf TikTok aber weiter Fahrt aufnehmen.

Bei aller bunten Social-Media-Fantasie sollte auch TikTok stets mit einem wachsamen und kritischen Auge gesehen werden. Wegen der unerlaubten Datenverarbeitung von Nutzern unter 13 Jahren, musste die App schon eine Milliardenstrafe zahlen. Auch das Suchtpotenzial und die Ablenkung durch die App sind problematisch.

Die angestaubte Tagesschau bei TikTok – passt das?

Soll die Tagesschau Ressourcen, also Redaktionsstunden, Infrastruktur und Video-Schnitt in TikTok investieren oder ist das eine reine Verschwendung von Rundfunkgebühren? Ich meine – die Tagesschau geht genau den richtigen Weg. Was wie ein Satz aus einem schlechten Seminar klingt bewahrheitet sich: „Wir müssen die jungen Menschen dort erwischen, wo sie sind“. Und bevor das windige Verkäufer, im schlimmsten Falle auch berüchtigte Fake-News-Verbreiter sind, ist mir eines der deutschen Leitmedien der Nachrichtenwelt deutlich lieber.

Wo wir schon bei Medienkritik sind: Die Bild findet das Tagesschau-Engagement nicht so gut. Der Vorwurf: TikTok unterstehe indirekt der chinesischen Regierung und zensiere Inhalte nach politischem Gutdünken. Kritik, die durchaus angebracht scheint, möglich, dass die Tagesschau aber auch genau diese Themen ansprechen will und dies direkt auf der Plattform tut.

Aus unserer Tech-Blase hat übrigens die Chip auch schon einen TikTok-Kanal: Zu sehen gibt’s meist schnell erstellte, unkomplizierte How-To-Videos rund um Smartphones und Co.

Habt ihr schon Erfahrungen mit TikTok gemacht? Wir findet ihr die App, das Thema und das Engagement der Tagesschau und: Sollten wir auch bei TikTok starten?

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