Tennis: Das steckt hinter dem deutschen Versagen in Wimbledon

Keine DTB-Vertreter im Achtelfinale: Verwöhnt, lustlos, blamiert: Die Gründe für das deutsche Versagen in Wimbledon

Wie zuletzt 2015 steht in Wimbledon kein deutscher Tennisprofi in der zweiten Woche. Vor allem Alexander Zverev und Angelique Kerber enttäuschten, in der dritten Runde erwischte es auch Julia Görges und Jan-Lennard Struff. Ist es wirklich nur eine Momentaufnahme?

Ein Jahr nach Angelique Kerbers glanzvollem Triumph haben die deutschen Tennisprofis in Wimbledon ein Turnier zum Vergessen erlebt. Erstmals seit 2015 hat es keiner der sieben deutschen Damen und sieben deutschen Herren in das Achtelfinale des bedeutsamsten und öffentlichkeitswirksamsten Turniers geschafft. Vor 30 Jahren triumphierten sowohl Steffi Graf als auch Boris Becker und das deutsche Tennis boomte. Nun herrscht Tristesse – und die Zukunftsaussichten wirken düster.

Wenn an diesem Montag die zweite Woche beginnt und dabei auch immer noch die erst 15-jährige Cori Gauff aus den USA mitmischt, sind Alexander Zverev und Angelique Kerber schon seit Tagen abgetaucht und auch die zweitbesten Profis Julia Görges und Jan-Lennard Struff haben sich als letzte deutsche Hoffnungsträger verabschiedet.

„Klar ist das enttäuschend. Wenn man zwei Spitzenspieler hat, hat man sich mehr erhofft“, sagte der frühere Davis-Cup-Kapitän Patrik Kühnen, der in Wimbledon als Sky-Experte arbeitet. Der 53-Jährige will von schlechten Zeiten für das deutsche Tennis aber nichts wissen: „Das ist eine Momentaufnahme. Das kann sich schnell wieder ändern. Es kann bei den US Open schon wieder ganz anders aussehen.“

Doch die Ereignisse des aus deutscher Sicht trostlosen Rasenturniers dürften beim Deutschen Tennis Bund für Ernüchterung sorgen. Damen-Chefin Barbara Rittner, Fed-Cup-Teamchef Jens Gerlach und Davis-Cup-Kapitän Michael Kohlmann waren aufgrund anderer Verpflichtungen nicht nach London gereist.

Für neun deutsche Vertreter war schon in der ersten Runde Schluss, nur zwei hatten die Chance auf die Runde der besten 16. Die dreimalige Grand-Slam-Siegerin Kerber war möglicherweise auch von ihrer Rolle als Vorjahressiegerin überfordert. Ihre größten Erfolge hatte die Kielerin immer dann gefeiert, wenn sie sich vor dem Turnier im Understatement geübt hat. Der Weltranglisten-Fünfte Zverev verstrickte sich im Streit mit seinem Manager Patricio Apey, die Störfaktoren von außen verdrängten die Konzentration aufs Tennis.

Kerbers Leistung muss dem deutschen Tennis Sorgen bereiten

Vor allem die Leistung Kerbers muss den Tennis-Fans Sorgen bereiten. Die sonst so willensstarke deutsche Nummer eins präsentierte sich bei ihrer Niederlage gegen die Nummer 95 der Welt Lauren Davis ungewohnt lethargisch – beinahe lustlos. Ohne ihre ausgeprägten Kämpferqualitäten wurden die spielerischen Missstände der Vorjahressiegerin dabei umso deutlicher.

Inbesondere die teils laschen zweiten Aufschläge luden Davis zu einer Vielzahl direkter Punkte ein – bei eigenem Service geriet Kerber so permanent in Bedrängnis. Ein Problem, das sich seitjeher durch die Karriere des Tennis-Ass‘ zieht, durch hervorragende Defensivarbeit aber immer wieder kompensiert werden konnte – bis jetzt.

Nun scheint Kerber die Lust am eigenen Spiel verloren zu haben. Dabei hilft es wenig, wenn es den eigenen Angriffschlägen regelmäßig an Präzision und Kraft fehlt – gerade einmal 13 Winner verzeichnete die Deutsche bei ihrem Zweitrunden-Aus. Im Vergleich: Ihrer Gegnerin gelangen deren 45.

Bundestrainerin Rittner prophezeit Durststrecke

Der Rasenklassiker brachte aber auch einen unerwarteten Vorgeschmack auf die zu befürchtende „Durststrecke“ (Damen-Chefin Rittner) nach Kerber (31), Görges (30) oder Andrea Petkovic (31), die jüngst bei den für die Damen ebenfalls trostlosen French Open als letzte Deutsche in der dritten Runde verloren hatte. Antonia Lottner galt einst als eines der vielversprechendsten deutschen Talente, schied jetzt in der Qualifikation aus. Carina Witthöft trat gar nicht an. Anna-Lena Friedsam kämpft sich nach Schulterproblemen noch immer zurück und verlor in der ersten Runde.

Es sei fast eine komplette Spielergeneration weggebrochen, sagte die frühere Fed-Cup-Teamchefin Rittner der «Rheinische Post». Viele Spielerinnen seien nicht mehr bereit, über einen gewissen Punkt zu gehen.

„Es geht unseren Talenten einfach zu gut“, erklärte Rittner.Wenn man aber in die Weltspitze kommen wolle, „dann darfst du dich nicht überall von Mami und Papi kutschieren und ’schützen‘ lassen, sondern musst auch mal selbst die Dinge in die Hand nehmen.“ Alles andere als rosige Aussichten für das deutsche Tennis also.

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bhi/mit dpa


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