The Claypool Lennon Delirium: Auf ewig im Schatten von Genies? – Sean Lennons Ausweg



Was tun, wenn der eigene Vater einer der größten Rockstars aller Zeiten ist? Und die Mutter mindestens eine lebende Legende der Kunst- und Pop-Avantgarde? Sean Ono Lennon (43), Sohn von John Lennon (1940-1980) und Yoko Ono (86), antwortete darauf in seiner gut 20-jährigen Karriere mit beachtlicher Eigenständigkeit.

Mutige Soloalben, schräge Kooperationen, Teilzeitbands wie Cibo Matto, Mystical Weapons und The Ghost Of A Saber Tooth Tiger, die man nicht unbedingt kennen muss – er hätte es sich leichter machen können. Sein zweites Studioalbum unter dem Duo-Namen The Claypool Lennon Delirium sollte nun ein breiteres Publikum ansprechen, und das ohne Promi- oder Verwandtschaftsbonus.

Sean Lennon wäre damit eines von wenigen Rockstar-Kindern, die über den Status «Sohn von…»/«Tochter von…» hinauskommen. Er selbst kennt die Probleme: «Ich war definitiv ein zögerlicher Solokünstler. Denn jedes Mal, wenn ich eine Platte rausbringe, nimmt in meinem Leben das Ausmaß des Irrsinns enorm zu, der nur damit zu tun hat, dass ich der Sohn von John und Yoko bin. Aber es kümmert mich nicht mehr so sehr», sagte er kürzlich im britischen Musikmagazin «Uncut».

«South Of Reality» (ATO/Pias/Rough Trade) von The Claypool Lennon Delirium ist ein Album mit knallbuntem Art-Rock und hochmelodischem Psychedelic-Pop, ein exzentrischer Trip über 48 Minuten. Quasi «Drogenmusik» ohne die Notwendigkeit illegaler Substanzen – gleichwohl mit bewusstseinserweiternder Wirkung. Denn hinterher weiß man immerhin, was für ein toller Musiker Sean Lennon ist.

An der Seite des US-Bassisten Les Claypool knüpft der 1975 in New York geborene Lennon junior musikalisch bei väterlichen Großwerken wie «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band» (1967) und «The Beatles» (White Album/1968) an – mit durchaus eigener Note. Auch Pink Floyd, King Crimson und der psychedelische Prince-Sound von «Around The World In A Day» (1985) sind hier und da herauszuhören.

Die nasale Stimme seines Erzeugers hat Sean Lennon sowieso. Und etliche Instrumente spielen kann er auch. Den Rest besorgt mit enormem Bass-Groove der Alternative-Rocker Claypool (55), der in den 80ern mit der Avantgarde-Band Primus bekannt wurde.

Dem verspielten Opener «Little Fishes» folgt «Blood And Rockets», eine sechseinhalbminütige Rock-Sinfonie in zwei Sätzen, die wunderbar schwerelos durchs Pop-Weltall walzert. Ein zweigeteiltes Stück haben sie später nochmal im Angebot, mit dem Worldmusic-Pop-Experiment «Cricket Chronicles Revisited».

«Boriska» und «Like Fleas» erinnern ganz unpeinlich an die späten Beatles, «Easily Charmed By Fools» und «Toady Man’s Hour» mit Funk- und Jazz-Elementen tatsächlich an Prince. Im fast achtminütigen Highlight «Amethyst Realm» schließlich zeigt Sean Lennon, welch einfallsreicher Gitarrist er auch ist. Fazit: «South Of Reality» macht großen Spaß – ein beeindruckendes Prog-Rock-Album.

Ob dem jüngsten Lennon-Spross damit mehr als nur Erfolg bei den Rockkritikern beschieden sein wird? Wie schwer es sein kann, als Solokünstler einem genialen Vater zu folgen, musste schon Halbbruder Julian Lennon (55) erfahren. Auch dessen Gesang erinnerte an John Lennon, als er 1984 mit der Single «Too Late For Goodbyes» einen Hit hatte. Doch schon bald versandete die Pop-Karriere – erst recht, als sich Julian Lennon Ende der 80er Jahre vom Papa emanzipieren wollte.

Die drei anderen Beatles haben ebenfalls musikalische Söhne, die den ganz großen Durchbruch nicht geschafft haben. Einen guten Ruf genießt Ringo Starrs Filius Zak Starkey (53), wie sein Vater Schlagzeuger und für Oasis oder The Who an den Drumsticks. George Harrisons Sohn Dhani (40) ist ein versierter Songwriter, der zudem das Erbe des Vaters mit Tribute-Konzerten und Albumveröffentlichungen pflegt. 2016 spielte er auf einer Soloplatte von James McCartney (41) mit – der Sohn von Paul und Linda McCartney veröffentlicht seit Jahren eigene Werke, jedoch ebenfalls eher unter dem Radar.

Eine erfolgreiche Solo-Karriere – wenn auch nicht in den Dimensionen seines weltberühmten Vaters – hat Jakob Dylan (49) hinter sich, unter anderem als Chef der US-Folkrockband The Wallflowers. Seither wird Bob Dylans Sohn für solide Americana-Songs geschätzt, allerdings liegt sein letztes Album nun auch schon einige Jahre zurück.

In der breiten Öffentlichkeit ist der kanadische Sänger, Pianist und Komponist Rufus Wainwright (45) sogar besser bekannt als sein Vater, der Folkmusiker Loudon Wainwright III. Der Sohnemann war eine der schillerndsten Figuren im Songwriter-Pop der Nuller-Jahre mit Alben wie «Want» (2003/2004) und «Release The Stars» (2007), seine Live-Auftritte sind stets Höhepunkte der Konzertsaison.

Bisher weitgehend im Schatten ihrer Väter geblieben sind die Songwriter Adam Cohen (46), Sohn des Ende 2016 gestorbenen großen Pop-Poeten Leonard Cohen, und Harper Simon (46), Sohn von Paul Simon («The Sound Of Silence»). Der Sohn von Police-Frontmann Sting, Joe Sumner (42), tourte zuletzt als Sänger einer Tribute-Band bei der «David Bowie Celebration 2019». Und seine Schwester Eliot Paulina Sumner (28) veröffentlichte 2010 unter dem Bandnamen I Blame Coco ihr Debüt sowie kürzlich als Vaal eine Dancefloor-Platte.

Gut im Geschäft sind Ziggy Marley (50), Sohn von Reggae-Superstar Bob Marley (1945-1981), und Albert Hammond Jr. (38), Gitarrist der New Yorker Rockband The Strokes und Sprössling des 70er-Jahre-Sängers Albert Hammond («It Never Rains In Southern California»). Hier schließt sich der Kreis der Popstar-Söhne: Auf dem ersten Soloalbum von Hammond junior spielte 2006 als Gastmusiker – Sean Lennon.



Source link

Reply