Theresia Walser: Nervöse Akustik | ZEIT ONLINE


Die Uraufführung findet im August bei den Salzburger Festspielen statt, die Ur-Lesung
aber schon jetzt: Mit der ersten, fertig ausgearbeiteten Szene ihres Stücks „Die Empörten“
kommt Theresia Walser zum Treffen ins Freiburger Theatercafé und schlägt vor, sie an Ort und
Stelle vorzutragen – Walser ist gelernte Schauspielerin, ihr Talent erweist sich als
unverwüstlich. Übers Manuskript gebeugt, führt die 51-Jährige nun ein Minidrama auf. Die
Szene dreht sich um die Geschwister Corinna und Anton, die sich in den „Empörten“ zischende
Widerworte liefern, weil sie sich über den Umgang mit dem Tod ihres Halbbruders Moritz
uneins sind. Von ihrem Vater, dem Schriftsteller Martin Walser, hat Theresia Walser die
Gebärdensprache – und vielleicht auch den erstaunten Blick auf die Gesellschaft, deren Wesen
eine nervöse Dauerempörung ist.

DIE ZEIT:
Frau Walser, nach Ihrer Lesung weiß ich, dass Corinna die Bürgermeisterin von Irberstheim
ist, die sich Hoffnungen auf ein Ministerinnenamt macht. Weil ihr Halbbruder Moritz
möglicherweise einen Terroranschlag gegen einen Muslim verübt hat, bei dem er selbst ums
Leben kam, lässt sie Moritz’ Leiche verschwinden. Genauer: Sie versteckt ihn mit der
widerwilligen Hilfe ihres Bruders Anton in der Rathaustruhe. Sie fürchtet so sehr um ihre
Karriere, dass sie völlig irrsinnig handelt. Das klingt nach schwarzem Humor.

Theresia Walser:
Mit einer versteckten Leiche auf der Bühne öffnet man natürlich einen Spalt weit die Tür
zum Schwank. Aber meine Stücke tendieren meistens zur Groteske. Die Groteske ist
schreckensgeladener als die Komödie. Ursprünglich hatte ich mit der Figur der
Bürgermeisterin eine Art weiblichen Kreon im Sinn, also jenen Herrscher von Theben, der
Antigone verbietet, ihren Bruder zu bestatten, weil er die Stadt angegriffen hat. In den
meisten Aufführungen wird Kreon als kalter Machtpolitiker dargestellt, der keine Gnade
kennt.

ZEIT:
Und Sie fordern jetzt mehr als zwei Jahrtausende später Gerechtigkeit für Kreon?

Walser:
Ich wollte zumindest jene Ambivalenz herausstellen, mit der er zurechtkommen muss, und
zeigen, wie schwer es ist, in der Geschichte immer nur das Arschloch gewesen zu sein. Ich
wollte diese Figur rehabilitieren. Schließlich ist Kreon der wahrhaft Zerrissene in dieser
Tragödie, während Antigone keine tragische Figur ist. Sie darf ihre Gefühle uneingeschränkt
ausleben, etwas anderes interessiert sie auch nicht. Und diese Gefühle sind vollkommen
eindeutig. Kreon darf sich einen solchen Gefühlsaufruhr nicht leisten, sonst würde das
Gemeinwesen zusammenbrechen. Aber das Stück hat sich während der Arbeit vom
Antigone-Kreon-Konflikt gelöst. Wenn man so will, ist davon nur der tote Bruder übrig
geblieben.

ZEIT:
Wie ist denn nun die Konfliktlage des Stücks?

Walser:
Weil die Bürgermeisterin kurz vor den Wahlen steht und um ihre Karriere fürchtet, versteckt
sie die Leiche ihres Halbbruders Moritz.

ZEIT:
Warum das?

Walser:
Tags zuvor ist ein Pizzabote in die Fußgängerzone gerast und hat einen Muslim getötet.
Bislang weiß niemand, wer der Täter ist. Von ihm übrig geblieben ist nicht viel. Die
Bürgermeisterin hat jedoch am Tattoo des Täters erkannt, dass es sich um ihren Halbbruder
handelt, und die Leiche nachts aus der Anatomie geschafft. Man weiß nicht, ob es Mord war
oder erweiterter Selbstmord oder was auch immer. Die Stimmung in der Stadt ist ohnehin schon
aufgeheizt. Die Bürgermeisterin bekommt seit einiger Zeit Pakete mit Scheiße, auch ein
Eichhörnchen war dabei, das man an ein Kreuz genagelt hat. Die rechtspopulistische
Herausforderin der Bürgermeisterin hat in der gegenwärtigen Lage leichtes Spiel. Der Druck
der Straße wächst. In Kürze findet im Rathaussaal die Trauerfeier für die Opfer statt, die
Bürgermeisterin muss eine Rede halten. Um die Truhe, in der die Leiche liegt, versammelt
sich eine Gesellschaft, die in jeder Hinsicht miteinander verstrickt ist. Inzwischen heißt
das Stück
Die Empörten
und nicht mehr „Kreons Schwester“, wie der ursprüngliche
Arbeitstitel gelautet hat.

ZEIT: Die Empörten
ist besser.

Walser:
Allerdings klingen bei der Bürgermeisterin immer noch Sätze dieses weiblichen Kreon an.
Einmal sagt sie zu ihrem Bruder Anton, der eine Szenekneipe führt: „Ich kann nicht die Moral
wie eine Monstranz vor mir herumtragen, das können bloß Leute wie du, ohne jede Konsequenz.“
Um „Kreons Schwester“ hinter mir zu lassen, musste ich vom Erhabenheits-Gebirge des
Sophokles herabsteigen. Bei dem Titel
Die Empörten
kommen einem heutzutage
natürlich unwillkürlich Bilder in den Sinn.



Source link

Reply