Tischtennis – Tischtennisdarsteller aus Japan – Sport

Gegen Düsseldorf fehlen Bad Königshofen zwei Spieler. So kommt Koudai Hiraya zu einem Karrierehöhepunkt.

Die Gelegenheit war günstig, um Geschichte zu schreiben: Ein, zwei, drei Mal senste Koudai Hiraya mit der Rückhand den Ball übers Netz, dann geriet seinem Gegenüber der nächste Schlag zu hoch. Der Japaner erkannte seine Chance, ging entschlossen nach vorne, riskierte den Vorhand-Gewinnschlag – doch der Ball blieb am Netz hängen. Ansonsten hätte der Abwehrspieler sicher eines Tages seinen Enkeln erzählt, dass er einst gegen Timo Boll in Führung lag! Jene deutsche Tischtennislegende, die in Asien so berühmt ist, dass auch Hirayas Enkel diesen Namen noch kennen werden.

Zugegeben, es wäre nur ein ganz klitzekleines Stück Geschichte gewesen, schließlich war es der allererste Ballwechsel dieses Einzels. Aber gegen Boll, die ehemalige Nummer eins der Welt, muss man nehmen, was man bekommen kann, zumal als Verteidigungskünstler wie Hiraya. „Ich weiß nicht, wann Timo das letzte Mal gegen einen Abwehrspieler verloren hat“, sagte Kilian Ort, Hirayas verletzter Teamkollege beim Erstligisten TSV Bad Königshofen, am Sonntag vor Beginn der Partie, und auch Andreas Albert, Teammanager der Unterfranken, war klar: „Gegen Abwehr kann Boll die Augen auch zumachen.“ Etwa drei Minuten nach dieser vertanen Chance hatte Boll den ersten Satz für die Gäste von Borussia Düsseldorf gewonnen, mit 11:0. In den Sätzen zwei und drei führte er 8:2 und 6:0, der Rest war Austrudeln. Die Gäste siegten am Ende mit 3:1 Punkten.

Hiraya habe trotzdem noch tags darauf leuchtende Augen gehabt, erzählte Albert, schließlich muss man wissen: Erstens hatte ihn sein deutscher Verein sehr kurzfristig und genau mit jener Aussicht auf ein Match gegen Boll aus einem laufenden Kurs in Japan herausgelockt – und zweitens ist der 29-Jährige gar kein Tischtennisspieler, zumindest nicht nach den Maßstäben, die ansonsten in der Bundesliga gelten. Er ist eher ein Tischtennisdarsteller. Denn Hiraya ist nirgends aktiv, auch nicht in seiner Heimat. Er trainiert dort Kinder und wirkt für die Firma von Akihiko Kotani, den japanischen Sponsor des TSV Bad Königshofen, an Lehrvideos mit. Nun hatte ihn Kotani mal wieder neben sich in den Flieger nach München gesetzt, weil Not am Mann war. In einer ähnlichen Lage hat Hiraya tatsächlich schon einmal Geschichte geschrieben, bei seinem Debüt in Liga eins. Vor knapp zwei Jahren bezwang er den Ukrainer Kou Lei, damals die Nummer 33 der Weltrangliste. Es sei das Spiel seines Lebens gewesen, sagte er später, er war auch noch nie vor so großem Publikum aufgetreten. Koudai Hiraya praktiziert ein äußerst unangenehmes Spielsystem mit einer langen Noppe, mit dem er trotz fehlender Wettkampfpraxis und selbst mit Jetlag für viele Kontrahenten zur Herausforderung werden kann. Nur nicht für Boll.

Es war das inzwischen dritte Mal, dass der TSV Bad Königshofen den deutschen Rekordmeister Düsseldorf empfing. Beim ersten Mal hatten die Gäste noch auf ihren Topstar verzichtet. Beim zweiten Mal hatte Boll schon gerne mitspielen wollen vor den als so euphorisch bekannten Fans, war dann aber erkrankt. Am Sonntag nun war er tatsächlich ins unterfränkische Grabfeld gereist, samt Familie und Wohnmobil, um noch etwas gemeinsame Zeit zu haben, ehe er wieder Verpflichtungen in Asien nachkommen muss. Die Halle war ausverkauft. Ein Sponsor hatte sogar den ZDF-Moderator Jochen Breyer als Hallensprecher geködert („Leute, was für eine geile Stimmung hier!“). Doch ausgerechnet zu Bolls lange ersehntem erstem Auftritt fehlte den Gastgebern neben dem an der Leiste lädierten Kilian Ort auch noch der Japaner Mizuki Oikawa – der Boll im vergangenen Frühjahr noch geschlagen hatte. Ohne Hirayas kurzfristigen Einsatz hätte der TSV nicht mal eine komplette spielberechtigte Dreiermannschaft zusammengebracht.

So kam Hiraya nun die Rolle des taktischen Opfers zu. Bastian Steger dagegen hatte die Gastgeber zuvor mit einem soliden 3:1 gegen den Schweden Anton Källberg in Führung gebracht, und dann bewies Filip Zeljko einmal mehr seine seit Wochen steil ansteigende Formkurve. Auch er hatte ja diese besondere Geschichte, dass er nicht mal mehr im kroatischen Kader stand und sich einzig für gelegentliche Einsätze in Bad Königshofen an der Platte fit hielt. Doch inzwischen ist er wieder international tätig, zwang vor Wochenfrist den Brasilianer Hugo Calderano in den fünften Satz und nun auch den deutschen Nationalspieler Ricardo Walther. Erneut unterlag er im finalen Durchgang, knapp mit 8:11, sonst wäre die Partie gegen Düsseldorf richtig eng geworden. Denn Steger war im Duell der 38-Jährigen mit Boll ebenbürtig, außer im zweiten Satz. Er verlor 11:8, 1:11, 9:11, 9:11. Das Publikum war begeistert, trotz der personellen Not. „Ein schöner Hexenkessel“, lobte Boll im Anschluss, der den Tabellenvierten als „absoluten Konkurrenten um die Playoff-Plätze“ bezeichnete. „Verdammt schwer“ sei es hier gewesen. Die Stimmung, sagte er, mache Riesenspaß, schüchtere aber auch ein, „weil ja doch die meisten gegen einen sind“. Just als er das sagte, kamen von der Tribüne „Timo, Timo“-Sprechchöre. Hiraya lächelte glücklich.

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