Ungewöhnlicher Fallbericht: Die Frau mit den Haaren auf den Zähnen

Im Mund einer Patientin machten Ärzte eine überraschende Entdeckung ©TzidoGetty Images
Haare auf den Zähnen zu haben, ist keine besonders schmeichelhafte Eigenschaft: Es bedeutet, rechthaberisch und schnell reizbar zu sein. Die Redewendung stammt aus dem Mittelalter, einer Zeit, in der Haare noch als Symbol von Männlichkeit und Macht gewertet wurden. Wem nun im Sprichwort Haare auf den Zähnen wachsen, der gilt als besonders wehrhaft – vor allem mit seinen Worten.

Über die Charaktereigenschaften der jungen Frau, von der dieser Fallbericht handelt, ist nichts bekannt. Nur so viel: Sie sorgte sich wegen eines Phänomens, das sie vor sechs Jahren zum ersten Mal bei sich bemerkt hatte – ihr wuchsen Haare im Mundraum.

Über den ungewöhnlichen Fall berichtet ein Ärzteteam um Khrystyna Zhurakivska von der Universität in Foggia, Italien. Wie die Ärzte betonen, handle es sich um ein sehr seltenes Phänomen. In der Literatur sind bislang nur fünf vergleichbare Fälle beschrieben – allesamt ausschließlich Männer, denen meist nur ein einzelnes Haar gewachsen war.

Hormone spielen verrückt

Der Fall in Italien unterscheidet sich davon: Die Beschwerden wurden nicht nur erstmals bei einer Frau beschrieben. Aus dem Zahnfleisch der Patientin wuchsen zudem gleich mehrere, einzelne Haare, die an Wimpern erinnerten. Was war die Ursache?

Vieles spricht dafür, dass der Hormonhaushalt der Patientin eine Rolle spielte. Als die Beschwerden zum ersten Mal aufgetreten waren – die Frau war damals 19 Jahre alt – entfernten Ärzte die Haare und verschrieben ihr die Antibabypille, um ihren Hormonhaushalt zu beeinflussen. Die Therapie hatte Erfolg. Tatsächlich bleib die Frau für die kommenden Jahre von den unangenehmen Beschwerden verschont.

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Doch sechs Jahre später setzte sie die Pille ab – und die Haare kehrten zurück. Kurz zuvor hatte sie die Diagnose Polyzystisches Ovarsyndrom (PCOS) erhalten. PCOS ist eine Hormonstörung und äußert sich unter anderem mit unregelmäßigen Zyklusblutungen. Betroffene Frauen berichten über Akne und einen verstärkten Haarwuchs am Körper (Hirsutismus). Bei vielen ist der Wert der männlichen Geschlechtshormone im Blut erhöht. Etwa fünf bis zehn Prozent der Frauen im geschlechtsreifen Alter haben PCOS. Der Erkrankungsbeginn liegt meist zwischen dem 15. und dem 25. Lebensjahr. PCOS ist zwar nicht heilbar, die Beschwerden lassen sich jedoch meist mit der Einnahme von Hormonen behandeln.

Haare an Kinn und Nacken

Tatsächlich war die Frau auch an anderen Körperstellen auffallend behaart – ihr wuchsen Haare am Kinn und im Nacken. Vieles spricht dafür, dass die Krankheit das Wachstum der Haare im Mund begünstigt haben könnte. Die Schleimhaut des Mundes sei eng verwandt mit dem Gewebe, das in der Embryonal-Entwicklung die spätere Haut formt, berichten die Forscher. Möglicherweise könnten später einzelne Haarzellen aktiviert werden. Die genaue Ursache sei jedoch „unklar“.

Da die Hormonstörung relativ weit verbreitet ist, das Phänomen aber noch nie bei Frauen beschrieben worden war, scheint es selbst bei PCOS-Betroffenen nur äußert selten aufzutreten. Das Ärzteteam betont jedoch, wie wichtig es sei, betroffene Patienten genauer zu untersuchen. Möglicherweise sei eine komplexe Erkrankung Schuld an dem Haarwachstum im Mund und diese sei noch nicht diagnostiziert worden.

Die Beschwerden der Frau hatten sich in der Vergangenheit durch die Einnahme der Antibabypille gebessert. War der Leidensdruck der Frau groß genug, sodass sie wieder mit der Einnahme der Pille begann? Das geht aus dem Bericht nicht hervor.

Quelle: „Oral Surgery, Oral Medicine, Oral Pathology, Oral Radiology“ / PCOS Selbsthilfe Deutschland e.V.

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