Unglücksflieger 737 Max: Was der Produktionsstopp für Boeing bedeutet

Am Boden: Mehrere Boeing 737 Max der Fluggesellschaft American Airlines sind auf dem internationalen Flughafen Tulsa in Oklahoma geparkt.  ©Tom Gilbert/Tulsa WorldDPA
Was für eine schöne Bescherung in Seattle: Kurz vor Weihnachten bekommen die Boeing-Beschäftigten die Nachricht, dass die Fertigung der Boeing 737 Max ab Januar eingestellt wird – zunächst vorübergehend. Vollkommen offen bleibt, wann die Produktion wieder anlaufen kann.

Der Flugzeugbauer, dessen führende Manager schon längst nicht mehr an den Produktionsstandorten in Washington State, sondern am Finanzplatz Chicago sitzen, muss die Reißleine ziehen, weil die Zukunft des Problemfliegers im Ungewissen schwebt.

Nach den Abstürzen im Oktober 2018 und März 2019 wurde ein weltweites Flugverbot für den 737 Max verhängt. Seitdem schrauben die Mitarbeiter im Werk Renton Flugzeuge zusammen, die nicht fliegen dürfen. Schon allein diese Vorstellung sorgt für Frust bei den Fachkräften.

Boeings meistgefragter Flugzeugtyp steht am Boden

Die Entscheidung, die 737-Max-Produktion zu unterbrechen, war längst überfällig. Denn es gilt neben dem Software-Problemen unendlich viele Fragen zu klären: Wird den Zulassungsbehörden nur ein Software-Update reichen oder muss die Hardware modifiziert werden – an mehr als 700 Maschinen. In welchem Zeitraum kann das erfolgen? Wie müssen die Piloten trainiert werden. Was ist mit den Klagen den Schadenersatzsprüchen der Hinterblieben von den der 346 Absturzopfern?

Neben den bereits mehr als 300 ausgelieferten Jets, stehen über 400 weitere Maschinen auf Mitarbeiterparkplätzen und wenig benutzten Flughäfen im amerikanischen Westen herum. Der seit neun Monaten auf Halde produzierte Flugzeugtyp hat einen Listenpreis von 117 Millionen US-Dollar. In der Summe haben die unverkauften Jets einen Wert von 46 Milliarden Euro.

Für Boeing ist die 737 das Brot- und Butter-Produkt. Man stelle sich vor: Ein Bäcker darf kein Brot und keine Brötchen mehr verkaufen, nur backen und ab und ein Tortenstück über die Ladentheke reichen. Normalerweise kann ein Betrieb unter diesen Umständen dicht machen. Zumindest muss er Leute entlassen. Diesen Schritt hat Boeing noch nicht kommuniziert. Denn was sollen die Mitarbeiter machen, die noch Anfang des Jahres im Schnitt 1,7 Maschinen pro Tag fertiggestellt hatten?

Auch China Southern gehört zu den Kunden der Boeing 737 Max, die seit März ungenutzt am Urumqi Airport stehen.
Auch China Southern gehört zu den Kunden der Boeing 737 Max, die seit März ungenutzt am Urumqi Airport stehen. ©Greg BakerAFP

Boeing hat nun die Quittung dafür bekommen, dass sie ein Flugzeug auf den Markt gebracht haben, bei dem ein Kardinalfehler gemacht wurde: Die Daten für die neue Trimmautomatik (MCAS) werden nur aus einem Anstellwinkelgeber bezogen, aus nur einer einzigen Quelle. Dabei werden in der Luftfahrt die Systeme grundsätzlich doppelt und dreifach ausgelegt.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Einbau der korrigierenden Software den Piloten zunächst verschwiegen wurde und keine Warnanzeige für Störungen eingeplant war. Dieser Konstruktionsfehler wurde durch eine weitgehend von der Bundesluftfahrtbehörde der Vereinigten Staaten (FAA) zum Hersteller selbst verlagerten Zertifizierung begünstigt.

Nun ist auch die FAA in die Kritik geraten. Deren neuer Chef Steve Dickson geht auf Distanz zu Boeing, spricht von einem „unrealistischen“ Zeitplan des Flugzeugbauers bei der Wiederaufnahme des Flugbetriebs.

Für Boeing wird es eng

Auch um die anderen Flugzeugtypen, die Großraumflugzeuge, steht es bei Boeing nicht zum Besten. Die Produktion der jüngsten Version der Jumbojets 747-8 wurde auf sechs Maschinen pro Jahr runtergefahren, weil nur noch wenige Exemplare als Frachtflieger gefragt sind.

Video: Nur US-Flugbehörde FAA wird über Zulassung der 737 MAX entscheiden

Auch die Boeing 787 bereitet dem Konzern weniger Freude. Ab Ende nächsten Jahres muss der Ausstoß in den Werken Everett und in South Carolina wegen schleppender Nachfrage auf zwölf Maschinen pro Monat gedrosselt werden.

Und beim Hoffnungsträger und Jumbo-Nachfolger gibt es reichlich Ärger. Die weiterentwickelte Boeing 777 – jetzt 777X genannt – sollte längst ihren Erstflug absolviert haben. Doch auch dieser Termin steht in den Sternen, und die Erstkunden wie Lufthansa und Emirates Airlines müssen vertröstet werden: Das für die 777X neu entwickelte Triebwerk läuft nicht rund. Außerdem platzte im September bei einem Drucktest der Rumpf auf, wie erst Ende November bekannt wurde.

Zurück zu Boeings Hauptproblem

Noch im Sommer konnte sich niemand den jetzt erfolgten Produktionsstopp der 737 Max vorstellen. Sollten die Rettungsmaßnahmen nicht von den Behörden zugelassen werden, steht nun sogar das Undenkbare im Raum: Das wichtigste Produkt des Konzerns könnte wegen der Sicherheitsmängel für immer aus dem Verkehr gezogen werden. Für Boeing wird es eng.

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