Unternehmen setzen vermehrt auf eigene 5G-Netze

Campus-Netzwerke gelten als der nächste Schritt in der Industrie 4.0 – ein eigenes Mobilfunknetz für Produktionsstandorte. Alexander Saul, Leiter Geschäftskunden bei Vodafone Deutschland, erklärt im Interview, was Campus-Netzwerke genau sind, welche Vorteile sie haben und wie sie technisch realisiert werden.

com! professional: Herr Saul, sogenannte Campus-Netze gelten als der nächste große Schritt bei der Vernetzung der Industrie. Wie definieren Sie Campus-Netze? Handelt es sich hier um ein reines 5G-Thema oder sind Campus-Netze auch mit LTE sinnvoll?
Alexander Saul: Das „Campus-Netz“ beschreibt ein privates, nicht öffentliches Netz. Das für lokale Firmennetze vorgesehene Frequenzspektrum kann grundsätzlich technologieneutral genutzt werden, um

Alexander Saul

Alexander Saul: Leiter Geschäftskunden bei Vodafone

(Quelle: Vodafone )

die wachsende Nachfrage nach vernetzten Industrie-4.0-Anwendungen zu bedienen. Im Vergleich zu LTE bietet der Mobilfunk der 5. Generation als Grundlage für ein Campus-Netz durch höhere Kapazitäten, geringere Latenzzeiten von wenigen Millisekunden und noch mehr Sicherheit bei der Datenübertragung gravierende Vorteile. Vor allem durch die Echtzeit-Kommunikation, die 5G ermöglicht, lässt sich die Vision einer voll vernetzten und weitestgehend autonom gesteuerten Industrie 4.0 tatsächlich realisieren.   

com! professional: Und wie genau funktionieren Campus-Netze? Stellen Sie als Netzbetreiber dafür eigene Mobilfunkstationen auf dem Gelände des Kunden auf – oder wird hierfür ein ohnehin bereits verfügbares Mobilfunknetz nur angepasst beziehungsweise einen Teil davon exklusiv reserviert?

Saul: Für den Netzaufbau kommen verschiedene Gestaltungsvarianten in Betracht. Möchte der Kunde ein vollständig isoliertes Netz mit eigener „Mobile Edge Cloud“ für die Datenverarbeitung haben und alle Bestandteile des Netzes eigenverantwortlich managen? Will er ein teilisoliertes Netz betreiben, bei dem wir ihn als Netzbetreiber mit unserer Expertise bei Kernaufgaben unterstützen? Oder ist der Kunde mit einem hybriden Netz besser bedient, bei dem wir den Glasfaser-Backbone und unsere neuen dezentralen Hochleistungsrechenzentren für die Datenverarbeitung zur Verfügung stellen? Die Anforderungen in jedem Unternehmen sind also völlig unterschiedlich. 

com! professional: Was sind die Vorteile eines eigenen Mobilfunknetzes auf dem Unternehmensgelände? Und gibt es auch Nachteile?

Saul: Vollständig isolierte Campus-Netze bieten vor allem maximale Sicherheit für besonders sensible Unternehmensdaten, weil sie den geschlossenen Bereich des lokalen Mobilfunknetzwerkes nicht verlassen. Die Datenerhebung und -verarbeitung erfolgt über eine Mobile Edge Cloud vor Ort. Aufbau und Betrieb eines solchen Mobilfunknetzes sind herausfordernd, erfordern viel Know-how und bedeuten intensive Planungen. Das merken wir auch in den Gesprächen mit unseren Kunden. Das Interesse an eigenen Netzen ist zunächst groß, aber am Ende steht dann doch die Erkenntnis, sich lieber auf das Kerngeschäft zu konzentrieren und beim Aufbau und Betrieb auf die langjährige Expertise des bevorzugten Mobilfunkanbieters zurückzugreifen.

5G bietet übrigens eine besonders spannende Neuerung: Durch „Network Slicing“ können wir die Mobilfunknetzinfrastruktur in virtuelle Netzabschnitte unterteilen und ein virtuelles, eigenen Netz auf Basis unseres physischen Netzes zur Verfügung stellen. Diese Netzschichten nutzen stets die gleiche technische Infrastruktur, arbeiten aber unabhängig voneinander. Faktoren wie Kapazität, Latenzzeit, Verbindungsaufbau oder Geschwindigkeit können Netzbetreiber oder auch Kunden in jedem virtuellen Netzabschnitt bedarfsgerecht steuern, um beispielsweise Leistungsspitzen abzufedern.


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