US Open: Roger Federer scheitert an Grigor Dimitrov – Sport


Haniff Habiboodean erledigt seine Arbeit gewissenhaft. Es ist kurz vor Mitternacht, und natürlich hört er diesen wahnsinnigen Lärm aus der größten Tennisarena der Welt. Er weiß, dass dort gerade etwas Ungeheuerliches, etwas Unfassliches passieren muss – doch was soll er tun? Er muss die Plätze 13, 14 und 17 bewässern, wie jede Nacht, also stapft er mit einer zehnköpfigen Schlauchgabel über Court 13 und versucht anhand der Geräusche zu erahnen, was sich da drüben im Arthur Ashe Stadium ereignen könnte. Als er mit diesem Platz fertig ist, ist auch die Partie beendet: Roger Federer hat verloren, in fünf Sätzen gegen Grigor Dimitrov.

„Ich habe am Nachmittag schon was gespürt“, sagte Federer danach. Er hatte tatsächlich nicht so grazil gewirkt wie sonst, zu Beginn des fünften Satzes nahm er nach einer Toilettenpause eine medizinische Auszeit – spätestens jetzt war klar: Irgendwas stimmte nicht. Der obere Rücken zwickte, und im Verlauf der intensiven Partie wurden die Schmerzen schlimmer: „Ich habe versucht, die Muskulatur ein wenig zu lockern und die Wirbel knacken zu lassen. Ich habe es probiert, es war auch nicht so schlimm, dass ich hätte aufgeben müssen. Grigor hat mich besiegt, es ist sein Moment und nicht der meines Körpers.“

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In vier Sätzen und mit 17 Doppelfehlern verliert Alexander Zverev das Achtelfinale der US Open gegen Diego Schwartzman. Als der Deutsche gefragt wird, woran es lag, sagt er: „Das Übliche.“


Von Jürgen Schmieder


Viel mehr wollte er nicht sagen, er war auch im Gespräch mit den Reportern nicht so grazil wie sonst. Es war ihm deutlich anzumerken, wie sehr ihn diese Niederlage, wie sehr ihn dieses Scheitern bei den US Open schmerzt. Es geht bei ihm längst nicht mehr um einzelne Siege und einzelne Titel, es geht nur noch um diese eine Zahl. Natürlich gibt es beim Tennis unzählige Veranstaltungen pro Jahr, es gibt das Finalturnier am Ende, es gibt den Ländervergleich Davis Cup und den an das Golfturnier zwischen den USA und Europa angelehnten Laver Cup.

Nur, ganz ehrlich: Boris Becker ist nicht als „Head of Men’s Tennis“ oder fachkundiger TV-Kommentator weltbekannt, sondern als sechsmaliger Grand-Slam-Sieger. Serena Williams, das ist allgemein bekannt, will bei diesen US Open ihren 24. Grand-Slam-Titel gewinnen, so viele hat bislang nur Margaret Court geschafft. Die Titel bei den vier Turnieren in Melbourne, Paris, London und New York sind die allgemein akzeptierte Maßeinheit für Großartigkeit, und derzeit führt Federer bei den Männern mit 20 vor den ebenfalls noch aktiven Rafael Nadal (18) und Novak Djokovic (16).

Es geht also ums sportliche Vermächtnis, um eine objektive Einheit bei der Debatte über den besten Tennisspieler der Geschichte, und es ist freilich auch ein Wettlauf gegen die Zeit. Federer ist 38 Jahre alt, es ist nahezu ein Wunder, dass er in diesem Alter noch auf derart hohem Niveau agiert. Nadal ist fünf Jahre jünger und betont bei jeder sich bietenden Gelegenheit, man möge doch bitte erst zählen, wenn die Laufbahnen vorbei sind. Djokovic, der sein Achtelfinale gegen Stan Wawrinka mit lädierter Schulter hatte aufgeben müssen, ist 31 Jahre alt und betont auch bei sich nicht bietenden Gelegenheiten, dass er Federer unbedingt einholen wolle.

Im Duell der so genannten „großen Drei“ mit Vater Zeit steht’s 0:2

„Vater Zeit ist unbesiegt“ sagen die Amerikaner, wenn sie ausdrücken wollen, dass die Karrieren von Sportlern nun mal nicht ewig dauern, angesichts der Verletzungen von Federer und Djokovic lautet das US-Open-Zwischenergebnis beim Duell der so genannten „großen Drei“ und Vater Zeit: 0:2. Der Favorit auf den Titel ist nun freilich Nadal, der im Viertelfinale gegen Diego Schwartzman spielt.

Federer bemerkt gerade, dass er als Tennisspieler nicht unsterblich ist und dass ihm nicht mehr besonders viele Gelegenheiten bleiben, seinen Vorsprung auszubauen. Natürlich ist ein Scheitern im Viertelfinale angesichts der Erfolge, seiner oftmals so mühelos wirkenden Spielweise und auch wegen des Erreichens des Wimbledon-Endspiels in diesem Jahr erst einmal überraschend, nur: Bei den US Open war Federer zuletzt 2015 im Finale, im vergangenen Jahr verlor er im Achtelfinale gegen John Millman (Australien), weil er in der schwülen Hitze von New York keine Luft bekam und am Ende, wie er sagte, „sogar froh war, dass die Partie bald vorbei sein würde“.

Federer hat verloren gegen einen, der lange als sein Nachfolger gehandelt worden ist, der nach Rückschlägen und Verletzungen („Ich war derart traurig, dass ich mich gar nicht erinnern will.) auf Platz 78 der Weltrangliste geführt wird und dessen Trainer Radek Stepanek und Andre Agassi auf eine Reise nach New York verzichteten: „Sie wollten mir in den Hintern treten und dafür sorgen, dass ich mich mal um mich selbst kümmere.“ Halbfinal-Gegner ist Daniil Medwedew (Russland), der erst Wawrinka besiegte und sich dann mit dem Publikum in New York versöhnte.

„Ich habe keine Kristallkugel“, sagte Federer auf die Frage, ob er noch einmal ein Grand-Slam-Finale erreichen könne: „Man muss solche Niederlagen hinnehmen, sie gehören zum Sport dazu. Ich freue mich jetzt auf Zeit mit der Familie und all diese Sachen. Das Leben ist gut.“ Als Federer die Anlage in Flushing Meadows durch den Spielergarten verließ, betrat Haniff Habiboodean gerade Court 17. Noch einen Platz bewässern, danach gemeinsam mit Kollegen die Spuren der Federer-Partie im Arthur Ashe Stadium beseitigen. Dann hatte auch er Feierabend.

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Kommentar von Jürgen Schmieder, New York




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