Verkehrsministerium verteidigt umstrittene Fahrradhelmkampagne | ZEIT ONLINE


Das
Bundesverkehrsministerium hat sich nach heftiger Kritik für die Motivwahl
seiner Fahrradhelmkampagne gerechtfertigt. Wie eine
Ministeriumssprecherin sagte, solle mit den Bildern – die leicht
bekleidete Models zeigen – die „schwer erreichbare Zielgruppe“
der 17- bis 30-Jährigen angesprochen werden. Das
Ministerium sei „überzeugt“, diese junge Zielgruppe mit der
Kampagne zu erreichen. Es stehe auch „immer noch hinter den
Motiven“.

Der
Verkehrsminister selbst sieht die Aufregung über die Kampagne
positiv. Er freue sich, dass sie von Werbeprofis gut aufgenommen und
als mutig bezeichnet werde, sagte Andreas Scheuer (CSU). Es tue ihm
leid, wenn sich jemand von der Kampagne verletzt fühle. Auf Twitter
schrieb Scheuer: „Das gab es noch nie: In ganz Europa wird jetzt
über Fahrradhelme diskutiert. Klar ist: Nur 8 Prozent der jungen
Radfahrer tragen Helm. Klar ist auch: Helme schützen vor schweren
Kopfverletzungen
und retten Leben.“

Verkehrsministerium
und Verkehrssicherheitsrat hatten in Zusammenarbeit mit der
Fernsehsendung Germany’s Next Topmodel
eine 400.000 Euro teure Plakataktion konzipiert, um mehr Menschen zum
Tragen von Fahrradhelmen aufzufordern. Zu den Motiven der Kampagne
gehören auch männliche und weibliche Models in Unterwäsche, die
bunte Fahrradhelme tragen. Betitelt ist das Ganze mit dem Slogan
Looks like shit. But saves my life“ (Sieht scheiße aus. Aber rettet mein Leben). Die Motive sind laut Verkehrsministerium
ab Dienstag bundesweit im Straßenraum und in den sozialen Medien zu
sehen.

„Peinlich, altbacken und sexistisch“

Am
Wochenende gab es Kritik an der Umsetzung der Kampagne, die
unter anderem von SPD-Politikerinnen als „peinlich, altbacken und
sexistisch“ bezeichnet wurde. Familienministerin Franziska Giffey
(SPD) postete ein Bild von sich mit Fahrrad und Helm auf Facebook und
schrieb dazu: „Lieber Andreas Scheuer: Mit Helm geht auch
angezogen!“ Ein Sprecher von Giffey sagte am Montag, es gehe der
Ministerin nicht um die Kampagne an sich, sondern um die Art der
Kampagne.

Kritik
kam auch vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). „Viele Menschen
ärgern sich über so eine Kampagne, viele Menschen fühlen sich
überhaupt nicht ernst genommen“, sagte ADFC-Bundesgeschäftsführer
Burkhard Stork. Es gebe viele Themen, um die sich Scheuer kümmern
müsse, zum Beispiel mehr Verkehrssicherheit und das Vermeiden und
Verhindern von Unfällen. „Da hätte Herr Scheuer viel zu tun, aber
stattdessen kümmert er sich um alberne Kampagnen“, sagte Stork.
Radfahrverbände fordern bereits seit Langem mehr Tempo-30-Zonen,
Abbiegeassistenten für Lastwagen und besser geschützte Radwege für
mehr Verkehrssicherheit.

Kampagne soll „aufrütteln und polarisieren“

Das
Verkehrsministerium teilte mit, dass es „die Kritik absolut
nachvollziehen“ könne. Allerdings solle die Kampagne
„aufrütteln und polarisieren“ sowie „Aufmerksamkeit
erzeugen“. Auch der Verkehrssicherheitsrat als Projektpartner
verteidigte die Kampagne und zeigte sich erstaunt über die Kritik.
„Dass es so viele Vorwürfe des Sexismus geben würde, hat uns
dann doch ein wenig überrascht“, sagte Hauptgeschäftsführer
Christian Kellner dem MDR. Bei der Ausarbeitung sei ihm zufolge
extra darauf geachtet worden, dass die Kampagne nicht sexistisch sei.

Es
sei darum gegangen, Aufmerksamkeit zu erreichen und gegen das
schlechte Image des Fahrradhelms anzuarbeiten. Die wesentliche
Botschaft sei, dass er Leben retten könne, sagte Kellner dem Sender.
Für Models hätten sich die Initiatoren deshalb entschieden, weil
das ein „Hingucker“ sei. „Natürlich könnte man sich
genauso eine Kampagne vorstellen, bei der Otto Normalverbraucher
mit dem Helm tätig ist“, sagte Kellner.



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