Vernetzte Mobilität: Ein Zukunftsmarkt mit Hindernissen


Mangels Referenzen bedienen sich Politik- und Wirtschaftslenker der Popkultur, um Zukunftsthemen zu erklären. Die Folge: Entscheider investieren falsch und die Gesellschaft ist verunsichert.

Um neue Ideen und Zukunftskonzepte in den Köpfen der Menschen zu verankern, verweisen Medienvertreter, Politiker und Unternehmer gerne auf Szenarien aus Science-Fiction-Filmen oder dystopischen Romanen, denn diese Bilder sind den Menschen bekannt und damit anschlussfähig. So hat jeder schon einmal über Blockbuster wie Matrix oder Minority Report gelesen, wenn es um künstliche Intelligenz geht. Das Thema Zukunft der Mobilität vergleichen Autoren mit Filmen wie Blade Runner oder Total Recall.

Auch wenn Gesichtserkennung und Augmented Reality heute durchaus schon Realität sind, werden fliegende Autos, die zwischen Wolkenkratzern schweben, noch für lange Zeit dem Reich der Fantasie angehören. Sie sind vielleicht technisch umsetzbar, aber nicht wirklich praktisch. Eine aktuelle Studie der University of Michigan und des Autobauers Ford ergab, dass fliegende Elektroautos keine sinnvolle Alternative zu straßengebundenen Fahrzeugen sind. Gerade für Strecken unter 35 Kilometern – was die meisten Berufspendler betrifft – sind sie sogar schlicht ungeeignet. Auch wenn die Fahrzeuge im Betrieb selbst emissionsfrei sind, steht der sehr hohe Energiebedarf für so kurze Strecken in keinem Verhältnis zu den entstehenden Umweltbelastungen durch die Stromerzeugung. Daher warten noch viele Hürden auf Hersteller und politische Entscheider auf deren Weg, sinnvolle Einsatzmöglichkeiten für fliegende Autos zu schaffen.

Das Themenfeld Connected Car hingegen bietet für Original-Equipment-Manufacturer (OEM) bereits heute enormes Wachstumspotenzial – und ein durchaus erreichbares Ziel. Das vollautomatisierte vernetzte Fahrzeug wird die gesamte Branche transformieren. „Selbst Fahren“ tritt zugunsten des Gefühls „transportiert werden“ in den Hintergrund der User-Experience und wird so zum Katalysator für neue Geschäftsmodelle und Services. Das setzt allerdings eine effektive und kontinuierliche Datenkommunikation der Fahrzeuge voraus. Diese Vision dürfte erst in fünf bis zehn Jahren technisch und logistisch möglich sein – eine Verzögerung, die zunächst enttäuscht. Doch tatsächlich bietet sie eine Chance, weil Hersteller die Gelegenheit bekommen, sich auf den neuesten technischen Stand zu bringen. Denn Sensorik und 5G-Standards haben noch nicht den erforderlichen Reifegrad, um vollwertig autonomes Fahren zu ermöglichen. Für die Weiterentwicklung dieser Technologien braucht es noch mindestens fünf weitere Jahre. Erst dann kann eine effiziente und markttaugliche Plattform für vernetzte Autos realisiert werden.

Hersteller können den Markt selbst gestalten

Die Hauptaufgabe der OEM besteht heute darin, ihr Kerngeschäft effizient aufzusetzen und genügend Cash-Flow zu generieren, um künftig in elektrische, autonome und vernetzte Autos investieren zu können. Die Voraussetzung dafür ist es, eine leistungsfähige Infrastruktur sowie innovative Geschäftsmodelle zu entwickeln. So können sie den autonomen Automobilmarkt aufbauen und fördern. In diesem Markt werden beispielsweise gemeinsame automatisierte Flotten den individuelle Pkw-Besitz höchstwahrscheinlich ersetzen – begleitet von völlig neuen Entwicklungs- und Produktionsprozessen.

Die notwendigen Veränderungen sind zwar seit Jahren bekannt, aber dennoch sind viele traditionelle Automobilhersteller nicht für das digitale Zeitalter aufgestellt. Ihnen fehlen agile Entscheidungsprozesse sowie der für den Wandel notwendige Startup-Unternehmergeist. Wenn Entscheider neue Geschäftsmodelle und Fertigungsprozesse umsetzen wollen, ist es unerlässlich, Silos aufzubrechen, Hierarchien zu hinterfragen und einen kulturellen Wandel einzuleiten.

Das Auto als Erweiterung des Smartphones

Die Technologie der vernetzten Fahrzeuge und die Vielzahl an möglichen Integrationspartnern gehen weit über das heute typische Netzwerk der Autobauer hinaus. In Zukunft wird ein völlig neues Ökosystem um Services und Anbieter herum entstehen. Das setzt Hersteller bereits heute unter massiven Druck. Der Blick in andere Branchen, wie den Finanz-Sektor mit der zunehmenden Konkurrenzsituation zwischen traditionellen Banken und innovativen Fintechs, lässt Rückschlüsse auf die herausfordernde Zukunft der Autohersteller zu.

In einer idealen Welt wird das vernetzte Auto eine Erweiterung des mobilen Endgeräts des Nutzers sein – also des Smartphones. Das bedeutet eine wahre Revolution, die unseren Umgang mit Verkehr und Mobilität völlig auf den Kopf stellt. Mobilität wird zu einer mobilen Dienstleistung, die Menschen per App völlig individuell steuern und frei planen können. So wird viel Zeit für andere Dinge verfügbar, die unterwegs erledigt werden können. Ein Beispiel: Ist der Fahrer von der Pflicht, das Auto zu fahren, befreit, kann er arbeiten, den nächsten Urlaub planen oder ein Buch lesen. Es ist also keine Übertreibung zu sagen, dass vollautomatisierte Fahrzeuge das Potenzial haben, die Perspektive der Verbraucher auf den Individualverkehr grundlegend zu verändern.

Das fliegende Auto wird vielleicht in ferner Zukunft Realität werden. Wenn Hersteller jedoch heute bereits echte, umsetzbare Innovationen vorantreiben wollen, sollten sie ihre Bemühungen auf das vernetzte Auto konzentrieren. Nur so können sie dieses immer noch große, teils ungenutzte Potenzial heben, um darauf aufbauend ein neues Nutzerverhalten und die notwendige Infrastruktur für weitere Entwicklungen zu erschaffen. Da heutige automobile Geschäftsmodelle noch nicht darauf ausgerichtet sind, ist die digitale Business-Transformation der Branche unabdingbar.

Unternehmenslenker können anhand von Daten und Erfahrungen die künftigen Wünsche und Bedürfnisse der Menschen ableiten. Auf dieser Basis entwickelte Produkte und Services sind kundenzentrierte und tragfähige Lösungen. Entscheider arbeiten dann faktenbasiert, anstatt sich von Science-Fiction-Filmen inspirieren zu lassen. Nur so gestalten sie die Mobilität der Zukunft sinnvoll.



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