Warum München keine Diesel-Fahrverbote nötig hat


2019 wird das Jahr der Fahrverbote in Deutschland. Was Anwohner vielbefahrener Straßen freuen dürfte, stößt nicht überall auf Zustimmung. Nach Stuttgart gibt es auch in München erste Demonstrationen gegen Diesel-Fahrverbote. Ein vom Automobilclub „Mobil in Deutschland“ ins Leben gerufenes Bündnis ruft für den kommenden Samstag zur Demo auf. War bei der ersten Demo mit 200 Teilnehmern die Resonanz noch gering, hoffen die Veranstalter künftig auf mehr Zulauf. Denn auch in München drohen Diesel-Fahrverbote – ähnlich wie in Stuttgart, wo bereits ältere Fahrzeuge (Abgasnorm Euro 4) ausgesperrt sind und im Lauf des Jahres Euro 5-Fahrzeuge folgen sollen. Vielerorts kommt es 2019 zur Entscheidung: Aussperren oder nicht?

Luftqualität: In Wohngebieten keinerlei Probleme

Bei der Luftqualität in deutschen Städten gibt es aber offenbar eine wachsende Schere zwischen öffentlicher beziehungsweise medialer Wahrnehmung und den Fakten. Das Narrativ  der „schlechten Luft in deutschen Städten“ deckt sich eher nicht mit den Daten des Umweltbundesamtes: Die zeigen eine kontinuierlich zurückgehende Belastung der Luft mit Schadstoffen. Bemerkenswert war daher, was Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) bei der Vorstellung neuer Luftqualitätsmessungen sagte: „Die Luft in München ist deutlich besser als vielfach angenommen und vom Freistaat 2017 berechnet wurde“, so Reiter.

Der scheinbare Widerspruch lässt sich recht einfach erklären: Die Messergebnisse an den verkehrsnahen Messstationen, bei deren Aufstellung Deutschland im europaweiten Vergleich im übrigen anders agiert als alle Nachbarländer , werden in der öffentlichen Wahrnehmung oft auf die Luftqualität in der ganzen Stadt übertragen. Das hat aber mit der Realität wenig zu tun.

Umweltreferentin Stephanie Jacobs sagt dazu: „Die positive Tendenz unserer quartalsweise veröffentlichten Zwischenwerte hat sich nun für das gesamte Jahr 2018 bestätigt. Die Münchnerinnen und Münchner können in den Wohngebieten, wo sie sich dauerhaft aufhalten, unbesorgt sein, dort ist die Luft gut. Und auch an vielen Straßenabschnitten kann 2018 der gesetzliche Jahresgrenzwert für NO2 eingehalten werden“, so Jacobs. Problematisch blieben allerdings Werte an einigen verkehrsreichen Straßenabschnitten, etwa am Mittleren Ring.

Stickoxide und Feinstaub

So entwickelte sich die Luftqualität in München:

  • Stickoxide: Nach vorläufigen Angaben des Landesamts für Umwelt fiel der NO2-Jahreswert an der Landshuter Allee von 78 μg/m3 in 2017 auf 66 μg/m3 in 2018, am Stachus von 53 auf 48 μg/m3, an der Lothstraße von 32 auf 27 μg/m3 in Allach von 25 auf 24 μg/m3 und in Johanneskirchen von 21 auf 20 μg/m3. „Auch der gesetzliche 1-Stundengrenzwert für NO2 (200 μg/m3 ) wurde 2018 eingehalten“, so die Umweltbehörde. Dieser Wert ist in der Öffentlichkeit wenig bekannt, aber aufschlussreich, denn er bedeutet: Bei einer nur kurzzeitigen Belastung wären selbst 200 Mikrogramm – fünf mal soviel wie der Jahresmittel-Grenzwert von 40 Mikrogramm – nicht gesundheitsgefährdend. In den USA etwa sind selbst als Jahresmittel-Grenzwert je nach Bundesstaat zwischen 57 und 103 Mikrogramm erlaubt.
  • Feinstaub: „Die seit 2012 in München eingehaltenen gesetzlichen Grenzwerte für Feinstaub (PM10) wurden 2018 ebenfalls eingehalten. An der Landshuter Allee lag der Jahresmittelwert bei 25 μg/m3 (gesetzlicher Grenzwert 40 μg/m3); der Tagesmittelwert von 50 μg/m3 wurde bei 35 erlaubten Überschreitungen im Jahr 2018 16 mal überschritten“, so das Landesamt.

Video: Das Diesel-Verbot in Hamburg – was bedeutet es?

München will keine Verlagerung des Verkehrs in Wohngebiete

Diesel-Fahrverbote will die Stadt München daher – ganz im Gegensatz etwa zur baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart  – möglichst vermeiden. Auch deshalb, weil man den Verkehr nicht verlagern will, indem man bestimmte Abschnitte sperrt und dann erzwingt, dass Autofahrer sie großräumig umfahren – was wiederum den Verkehr in Wohngebieten erhöhen würde. Dieses Problem hat zum Beispiel Hamburg. Und es droht in viel größerem Ausmaß in Essen, wo ein Abschnitt der Autobahn A40 gesperrt werden soll.

In der Hand hat das die Stadt München mit den Fahrverboten aber letztlich nicht, schließlich erwirkte die politische Lobby-Organisation Deutsche Umwelthilfe (DUH) auch in München, dass die Einführung von Diesel-Verboten geprüft werden muss. „Ob die insgesamt flächendeckend rückläufige Tendenz der NO2-Werte auf einzelnen Hauptachsen des Münchner Straßennetzes strecken- oder flächenbezogene Fahrverbote rechtfertigen, wird die für diese Frage zuständige Regierung von Oberbayern gut abwägen müssen“, so Münchens Oberbürgermeister Reiter. Zwischen den Zeilen kann man dabei lesen: Reiter sähe Fahrverbote als nicht verhältnismäßig an.

Warum gab es weniger Grenzwertüberschreitungen?

Ungeklärt ist dabei die vielleicht interessanteste Frage: Warum kommt es eigentlich immer seltener zu Überschreitungen der Stickoxid-Grenzwerte in München, selbst an den verkehrsreichen Straßen?  Auf Anfrage von FOCUS Online teilt das Gesundheits- und Umweltreferat der Stadt München mit: „Es gab weder Tempolimits noch Verkehrsbeschränkungen auf den entsprechenden Straßenabschnitten der von der Landeshauptstadt beauftragten ergänzenden NO2-Messungen. Konkrete Zahlen zur Erneuerung der Fahrzeugflotte, der Anzahl an durchgeführten Software- oder Hardware-Updats liegen derzeit noch nicht vor“, so die Stadt.

Verbesserung der Luft ohne Nachrüstung, Verbote oder Tempolimits

Bemerkenswert ist das deshalb, weil all diese Maßnahmen – innerstädtische Tempolimits, Fahrverbote sowie technische Nachrüstungen von Diesel-Autos – etwa vom Umweltbundesamt, dem Bundesumweltministerium sowie der Deutschen Umwelthilfe regelmäßig als Maßnahmen beworben werden, die zu einer Reduzierung verkehrsbedingter Luftschadstoffe unbedingt nötig seien. Zumindest für München ist jetzt das Gegenteil belegt.

Gegenüber FOCUS Online vermutet die Umweltreferentin der Stadt eher folgendes: „Die deutlich rückläufige Tendenz der NO2-Werte in 2018 in München lässt sich wohl auf eine Mischung aus wirksamen Maßnahmen aus unserem Masterplan zur Luftreinhaltung, auf durchgeführte Softwareupdates und auf die in München traditionell aufgrund der hohen Dienstwagenquote beschleunigte Erneuerung der Fahrzeugflotte zurückführen.“ Mit anderen Worten: Die Luft in München verbessert sich auch deshalb schneller als in anderen Städten, weil turnusmäßig ältere Autos flotter als anderswo gegen neue ausgetauscht werden.



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