Was Forscher über Feinstaub und Stickoxid wissen – Gesundheit


Wie gefährlich sind Luftschadstoffe, wo kommen sie her, wer legt die Grenzwerte fest? Fragen und Antworten zum Abgas-Streit.


Von Hanno Charisius und Marlene Weiß

Gut hundert Lungenärzte, die den Nutzen von Grenzwerten für Feinstaub und Stickoxide anzweifeln, haben deutschlandweit eine emotionale Debatte ausgelöst. Schließlich sind die Grenzwerte die Grundlage für Dieselfahrverbote in einigen deutschen Städten. Wie gefährlich sind die Abgase wirklich? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wie gefährlich ist Stickstoffdioxid?

NO₂ wird oft als Reizgas bezeichnet, das in großen Mengen giftig ist. Es kann Menschen mit Atemwegserkrankungen zusätzlich belasten, doch die Gefährlichkeit für Gesunde ist schwieriger abzuschätzen. Die amerikanische Umweltschutzbehörde EPA fasst den Kenntnisstand in etwa so zusammen: Langfristig könne NO₂ bei Kindern Asthma hervorrufen, zu den kurzfristigen Effekten zählen Schäden am Herz-Kreislauf-System und erhöhte Sterblichkeit. Andauernde NO₂-Exposition könne zu Diabetes, Krebs und vermehrten Fehlgeburten führen, wobei diese Effekte nicht klar von der Wirkung anderer Luftschadstoffe aus dem Verkehr zu trennen seien. Es gibt also noch offene Fragen zu den gesundheitlichen Gefahren. Sicher ist jedoch, dass aus Stickoxiden gesundheitsschädlicher Feinstaub und aggressives Ozon entsteht. Die Gesundheitsgefahren durch diese beiden Schadstoffe gehen also auch auf Stickoxide zurück.

Wie gefährlich ist Feinstaub?

Feinstaub ist nach Ansicht vieler Experten ein deutlich größeres Problem als die Stickoxide. Je nach Größe der Partikel wirkt Feinstaub unterschiedlich auf den menschlichen Körper. Besonders gefährlich sind kleine Partikel mit einem Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometer (PM2,5). Diese gelangen beim Einatmen tief in die Lungenbläschen und sogar in den Blutkreislauf. Die Effekte reichen laut Umweltbundesamt von Schleimhautreizungen und lokalen Entzündungen in Rachen, Luftröhre und Bronchien bis zu verstärkter Plaquebildung in den Blutgefäßen, einer erhöhten Thromboseneigung und Veränderungen der Regulierungsfunktion des vegetativen Nervensystems. Der Grenzwert für diese Partikel liegt in der EU bei 25 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel, was nach Ansicht vieler Experten zu lax ist. In den USA gilt ein Grenzwert von zehn Mikrogramm, den auch die WHO empfiehlt. Gäbe es diesen Grenzwert in Deutschland, würde man hier über Fahrverbote wegen Feinstaub diskutieren.

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Wie werden Grenzwerte festgelegt?

Grenzwerte sind keine Naturkonstanten, die man einfach messen kann. Man kann daher nicht Angaben machen wie: Inhaliert ein Mensch fünf Milligramm Feinstaub, fällt er tot um. Grenzwerte sind vielmehr das Ergebnis eines politischen Entscheidungsprozesses, der sich auf möglichst viele, mit wissenschaftlichen Methoden belegbare Fakten stützen sollte.

Worauf beruht der derzeit gültige Grenzwert für Stickstoffdioxid?

Der aktuell in der EU zulässige Jahresmittelwert für NO₂ liegt bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft und wurde 1999 von den Mitgliedsstaaten beschlossen. Seit 2008 ist er in Kraft. Seither gilt auch, dass höchstens 18-mal pro Jahr an einer Messstation der Stundenmittelwert von 200 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten werden darf. Wie auch bei vielen anderen Grenzwerten stützte sich die EU-Kommission bei ihrem Vorschlag damals auf die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO. Der maximale Stundenmittelwert basiert auf der Beobachtung, dass Asthmatiker bei höheren Konzentrationen schnell gesundheitliche Probleme bekommen. Was den Jahresmittelwert angeht, ist die Studienlage nicht so eindeutig. Die ursprüngliche Empfehlung der WHO basierte im Wesentlichen auf einer Untersuchung aus den 1990er-Jahren an Kindern, die in Wohnungen mit Gasöfen lebten. Die Forscher beobachteten damals deutlich mehr Atemwegserkrankungen unter Kindern, die über zwei Wochen hinweg mehr als 30 Mikrogramm NO₂ ausgesetzt waren. Im Jahr 2005 bekräftigte die WHO nochmals die Empfehlungen, betonte jedoch auch, dass es schwierig sei, die Wirkungen des NO₂ von denen anderer Luftschadstoffe zu trennen. Die WHO-Experten halten die 40 Mikrogramm dennoch für richtig, weil der Wert geeignet sei, auch empfindliche Bevölkerungsgruppen wie Kranke und Kinder zu schützen. Zudem sei NO₂ ein Indikator für weitere Schadstoffe, die nicht überwacht werden.



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