Wie das erste Foodsharing-Lokal funktioniert – Stil

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In Stuttgart hat das erste Foodsharing-Lokal eröffnet. Die Gäste können Essen bringen – und sich gratis an Lebensmitteln bedienen. Wie kann sich ein solches Konzept tragen?

Verschenken. Irgendwann haben sie das Wort lieber vermieden. Es klang zu sehr nach Gutmensch, nach Die-Miete-nicht-zahlen-können, nach schnellem Bankrott. Nach einigen gescheiterten Verhandlungsgesprächen erzählten Maximilian Kraft und seine vier Mitstreiter potenziellen Vermietern nur noch, dass sie ein Café eröffnen wollten, stylish und hip sollte es werden, mit regelmäßigen Veranstaltungen auf einer kleinen Bühne. Die Gäste sollten die Preise der Getränke – fast alle von nachhaltigen, regionalen Herstellern – selbst bestimmen können. Dass es Essen umsonst geben würde, behielten die fünf von nun an für sich.

„Raupe Immersatt“ heißt der wahr gewordene Traum von Jana, Lisandro, Maike, Maximilian und Simon, alle Mitte, Ende 20. Am Hölderlinplatz in Stuttgart-West haben sie im Juni das erste Food-Sharing-Café Deutschlands eröffnet, direkt an der Endstation der U-Bahn, die sich hier oberirdisch durch den Schatten der Wohnhäuser schlängelt. Fast zwei Jahre haben sie nach so einem Laden gesucht, mehr als 30 Immobilien besichtigt. Mehrmals waren sie kurz davor, aufzugeben. War die Welt außerhalb der Foodsharing-Szene doch noch nicht bereit für ihr Café?

Lebensmittelverschwendung

„Man kann nicht auf den guten Willen der Supermärkte hoffen“

Die Justizministerkonferenz bestätigt: Lebensmittel aus Müllcontainer zu holen bleibt illegal. Die Studentinnen Caro und Franzi wurden wegen „Containerns“ verurteilt und fordern weiter strikte Regeln gegen massenhafte Lebensmittelverschwendung.


Dabei waren die Zahlen doch alarmierend genug: 13 Millionen Tonnen Essen landen jedes Jahr in Deutschland im Müll – 1,7 Millionen Tonnen stammen aus der Gastronomie, mehr als die Hälfte der Lebensmittel aber wird in Privathaushalten weggeworfen. Die Uni Stuttgart hat berechnet: Jeder Deutsche schmeißt jährlich im Schnitt 85 Kilo Essen weg. Experten schätzen, etwa 40 Prozent davon wären durch richtige Lagerung, Resteverwertung und einen bewussteren Einkauf vermeidbar.

Bereits in den Jahren zuvor hatten sich die fünf neben ihrem Studium ehrenamtlich gegen Essensverschwendung engagiert. Mit mobiler Küche und jeder Menge „Essensabfällen“ im Radanhänger machten sich Kraft und die anderen auf den Weg. Vor Ort kochten sie für alle, was die Reste so hergaben. Ihre „Schnippeldisco“ erfreute sich großer Beliebtheit. Schulen, Straßenfeste, Festivals – überall lud man sie ein. „Wir bekamen bald mehr Anfragen als wir annehmen konnten“, sagt Kraft. Ein Dilemma, denn den bewussteren Umgang mit Lebensmitteln wollten sie unbedingt raustragen aus ihrer Foodsharing-Blase. Eine Lösung musste her. Wäre es nicht leichter, an einem Ort zu bleiben und die Leute zu sich kommen zu lassen?

80 Stunden Arbeit in der Woche – ohne einen Cent dafür zu bekommen

Aus einer fixen Idee wurde schnell ein ernstes Vorhaben. 2017 sammelten sie mit Hilfe einer Crowdfunding-Kampagne 26 000 Euro für ihr Café. 2018 gewannen sie den Bürgerpreis der Stadt Stuttgart. Ein paar Monate später gelang es ihnen endlich auch, einen Vermieter zu überzeugen. „Er hat gesehen, mit wie viel Herzblut wir bei der Sache sind“, sagt Gründer Maximilian Kraft und das ist nicht übertrieben. Sein Studium der nachhaltigen elektrischen Energieversorgung hat der 25-Jährige erst mal auf Eis gelegt. Bis zu 80 Stunden in der Woche stehen er und die anderen im Café – und das, ohne einen Cent dafür zu bekommen. „Wir müssen erst schauen, wie wir mit den Finanzen hinkommen“, sagt Kraft.

Manche Gäste zahlen einen Euro für den Cappuccino, andere 50, eine feste Kalkulation macht das schwierig. An Kundschaft mangelt es aber nicht, ebenso wenig an Unterstützung. Ein Schreiner hat ihnen den Tresen geschenkt, ein Soundingenieur mit der Tonanlage geholfen, eine Steuerberaterin mit dem Papierkram, eine Innenarchitektin bei der Einrichtung. An der Backsteinwand am Eingang wachsen Pflanzen aus kleinen Betonkübeln. Tische und Stühle sind bunt zusammengewürfelt, allesamt in Handarbeit abgeschliffen und gestrichen. Eine Säule mit Mosaiksteinen haben sie – ebenfalls in mühevoll Arbeit – von Teppichkleberresten befreit. „Ich hätte selbst nie gedacht, dass es so schön wird“, sagt Kraft.

Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist eine Herausforderung

Und dann ist da natürlich noch das Herzstück des Cafés: Hinter drei Glastüren stehen geflochtene Körbe voller Brote, Brezeln, Brötchen, daneben zwei Kühlschränke. An der „Fairteilerwand“ dürfen sich alle Gäste selbst bedienen. Im Kühlschrank warten Weißkohl, Karotten, Rettich, belegte Brötchen und eine Grillgemüsesuppe auf Abnehmer, im Regal darüber gibt es Süßigkeiten und eine angebrochene Müslipackung. „Oft gibt es hier auch Kuchen“, sagt Bernd, 62. Der Langzeitarbeitslose, früher Chemiker, kommt gerne in die „Raupe Immersatt“, ebenso wie viele Studenten und Anwohner. Weil es heute keinen Kuchen gibt, hat er sich für einen Käsetoast entschieden.

Gebracht wird ein Großteil des Essens jeden Abend von insgesamt etwa 1500 Ehrenamtlichen. Sie holen übrig gebliebene Lebensmittel in mehr als 90 Bäckereien, Kantinen oder Supermärkten ab, verteilen sie privat oder fahren sie zu acht Stationen im Stadtgebiet, etwa (Kühl-)Schränken, die vor einem Männerwohnheim stehen, oder eben in die „Raupe Immersatt“. Aber jeder kann auch selbst Essen mitbringen. Außer zubereiteten Speisen und solchen mit Verbrauchsdatum, etwa Hackfleisch, ist alles erlaubt. Bevor die Lebensmittel in der Verteilerwand landen, werden sie von Kraft und seinen Kollegen genau überprüft. Schließlich übernehmen sie die Haftung dafür, manchmal auch, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum bereits überschritten ist. Gab es damit schon Probleme? Kraft schüttelt den Kopf. „In fünf Jahren noch nicht. Wir haben das mit der Haftung ja schon bei der Schnippeldisco gemacht.“ Fragt man ihn, wie lange er und die anderen es sich noch leisten können, hier umsonst zu arbeiten, antwortet Kraft: „Ausgemacht haben wir erst mal zwei Monate“.

Bis dahin sind sein Lohn Szenen wie diese: Aus einer nahegelegenen Kanzlei kamen kürzlich zwei Anwälte im Anzug in der Mittagspause ins Café, nahmen sich einen Rettich aus dem Kühlschrank, schnitten ihn kunstvoll auf, streuten Salz darüber und gingen damit von Tisch zu Tisch, um ihn an die anderen Gäste zu verteilen. „Da habe ich gewusst: Unsere Idee funktioniert.“

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Von Florian Beck




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