Urlaub in Corona-Zeiten: Wird das Reisen jetzt teurer?

Urlaub in Corona-Zeiten: Viele Fachleute erwarten einen Boom des Auto- und Nahtourismus. (Quelle: Emmanuele Contini/imago images)

Nachdem die weltweite Reisewarnung für einige EU-Länder aufgehoben wurde, sehnen sich viele nach Urlaub. Doch wie sieht der Trend des neuen Reisens „mit Corona“ aus? Und welche Auswirkungen hat die Krise auf die Preise?

Aus Sicht des Klimaschutzes waren März bis Mai in diesem Jahr die perfekten Monate: Kaum ein Flieger flog mehr, weltweit hatten Hotels geschlossen, waren die Menschen ins Innere ihrer vier Wände gesperrt. Für den Reisefreund war es dagegen der größte anzunehmende Unfall.

Mittlerweile geht es behutsam wieder los, aber es ist auch klar: Ein „nach Corona“ wird es so schnell nicht geben. Trotzdem reisen wir natürlich wieder, aber eben „mit Corona“. Doch wohin? Und wie? Wir tragen Vermutungen zusammen, wie die Reisewelt „mit Corona“ aussehen könnte.

Wer will überhaupt noch reisen?

Alle Umfragen sind sich einig: Der größere Teil der Mitteleuropäer ist eher skeptisch und plant dieses Jahr keine große Auslandsreise. Aber jede Fluggesellschaft kennt auch die anderen, die, kaum war der Junitermin ihres Flugs abgesagt, auf Juli umgebucht haben. Reisen bleibt ein Bedürfnis, und für nicht wenige Menschen ist es das Ausbrechen aus dem immer gleichen Alltagstrott. Dieses Jahr werden es aber eindeutig weniger sein.

Wird das Reisen teurer?

Momentan sieht es nicht so aus. Flug- und Urlaubspreise für Sommer und Herbst sind im Keller; den Flug nach Thailand bekommt man momentan ab 450 Euro, nach Dubai düst man schon für 280 Euro, Flug und Viersternehotel nach Gran Canaria gibt es unter 400 Euro. Mittel- und langfristig wird es aber wohl anders: „Flugtickets für 19,90 Euro wird es bald nicht mehr geben“, sagt der Finanztip-Herausgeber Franz Josef Tenhagen. Denn die Anbieter solcher Billigreisen werden seiner Meinung nach die Krise wirtschaftlich nicht überstehen.

Mehr Geld für mehr Abstand?

Wird Reisen vielleicht auch teurer, weil wir mehr Abstand halten müssen? Das klingt logisch, ist aber schon wieder überholt. Die Leitlinien der EU-Kommission sehen nur vor, einen Sitz pro Dreierreihe im Flieger freizulassen, wenn die Auslastung das zulässt. Werden mehr Tickets verkauft, dann soll man weiter eng an eng sitzen. Das haben die Airline-Lobbyisten also gut hingekriegt. Vorläufig erwartet die Fachwelt ohnehin wenig Gedränge: Geschäftsreisende werden erst einmal ausbleiben, Lufthansa erwartet frühestens 2022 wieder 80 Prozent des früheren Geschäftsumfangs.

Wohin wird es gehen?

Viele Fachleute erwarten einen Boom des Auto- und Nahtourismus. Verständlich: Wenn man sich wieder vorsichtig aus seinem Schneckenhaus hervortrauen kann, dann will man erst einmal da bleiben, wo man sich auskennt. Urlaub per Wohnmobil, im Hausboot oder Ferienhaus erlebt tatsächlich gerade einen Boom. Verständlich – da gibt es kein Problem mit den Abstandsregeln.

Aber die anderen Länder wollen auch etwas vom Reisekuchen: Kroatien und Italien, Griechenland und Zypern haben bereits die Touristensaison gestartet oder stehen dicht davor. Selbst das vorsichtige Spanien lockt ab Ende Juni wieder die Touristen. Nicht-EU-Ziele wie Türkei, Ägypten und Dubai müssen noch bangen: Für sie wurde die Vorschrift über eine 14-tägige Quarantäne bei Rückreise noch nicht gekappt.

Sind wir erwünscht?

Es ist nicht einmal ein halbes Jahr her, da waren wir es noch gewohnt, dass unser deutscher (österreichischer, schweizer) Reisepass das Sesam-öffne-dich für mehr als 190 Staaten war. Aber die Zeit der offenen Grenzen ist vorerst vorbei. In Namibia, auf den Bahamas und in Sydney gingen erboste Menschen auf die Straße, um gegen Touristen zu protestieren. Aber nicht mehr wie noch vor kurzem, weil sie den Overtourismus bringen, sondern jetzt aus Angst vor dem Virus.

Rund um die Erde müssen Reisende sich darauf einstellen, dass sie nicht mehr erwünscht sind. Spaniens Tourismusministerin hat bereits klargestellt, dass ankommende Gäste „kein erhöhtes Infektionsrisiko“ bedeuten dürfen. Ihr türkischer Kollege will nur noch Gäste mit Gesundheitszeugnis empfangen. Und Donald Trump sagt sowieso, dass das „chinesische Virus“ aus Europa kam und deshalb die Grenzen weiter dicht bleiben müssen.

Veranstalter im Vorteil

Komplizierte Individualtrips dürften auf absehbare Zeit schwierig bleiben. Größere Chancen gibt die Welttourismusorganisation UNWTO einem bereits totgesagten Reisetyp: der klassischen Pauschalreise. Urlaub heute, das ist nämlich eine Vielzahl von abgestimmten Prozessen. Reiseveranstalter schaffen es, komplette Reiseprozesse zu realisieren und dem Urlauber einen sicheren Ablauf zu gewährleisten. Dazu kommt, dass den TUIs und FTIs selbst zahlreiche Ferienanlagen, Flugzeuge und Kreuzfahrtschiffe gehören, die sie mit allen Mitteln zu füllen versuchen werden.

Die Veranstalter sind auch der Schlüssel für ferne Urlaubsziele, die sich als „coronafrei“ andienen, für Fluggesellschaften, deren Flotte am Boden steht, und für Hoteliers, die ohne Tourismus nicht überleben können. Es wundert nicht, dass mitten in der Krise der reichste ägyptische Hotelier, Samih Sawiris, Europas drittgrößten Reiseveranstalter FTI gekauft hat. Der soll ihm nun baldmöglichst die Hotels füllen. Wir werden noch weitere solche Deals sehen.

Slots am Strand

Doch ob pauschal oder auf eigene Faust: Der Urlaub 2020 sieht anders aus als im vergangenen Jahr. Distanzregeln sind der Kern der Verhaltensvorschriften in Corona-Zeiten. Wenn Restaurants und Cafés nur wenige Gäste aufnehmen dürfen, dann wird man in der Regel reservieren müssen. Am Strand und Pool empfiehlt die Europäische Union den Mitgliedsstaaten Slots, damit alle Gäste wenigstens ein oder zwei Stunden auf die Liege dürfen.

Ein grundsätzliches Problem haben Städte- und Gruppenreisende: Social Distancing ist für sie schwierig. Reiseleiter können immerhin auf Audioguide umstellen, aber Menschenansammlungen lassen sich schwer vermeiden. Zumal manches Highlight einer Städtereise wegfällt: das Musical, die Opernaufführung, das Festival oder Brauchtumsfest.

Kreative Lösungen

Werden sich überhaupt Verbraucher finden, die dieses Jahr Urlaub machen wollen? Die Erfahrung aus bisherigen Krisen sagt: ja. Onlineportale beweisen stets aufs Neue: Was nur billig genug angeboten wird, lässt sich last-minute auch verkaufen. Aber das allein wird nicht reichen. Denn es lahmt ja nicht ein einzelnes Reiseziel oder eine bestimmte Reiseform, es lahmen alle.

Deshalb wird es auch neue und kreative Lösungen geben. Rund um den Globus entstehen neue Hygienekonzepte, werden Strandbäder neu nach dem jeweils gültigen Sicherheitsabstand vermessen; All-inclusive-Anbieter kalkulieren bereits Angebote mit reserviertem Balibett am Pool. Trend wird vermutlich auch serviertes Essen werden – statt dreimal täglich Buffet. Ganz entscheidend dürften auch sehr großzügige Stornoregeln werden. Gebucht wird nur noch, wo man bis kurz vor knapp kostenlos zurücktreten kann.

Der Pleitegeier grinst

Nicht alle Reisefirmen werden Corona überleben. Unter den Airlines der Welt geht bereits der Pleitegeier um: Latam, South African und Thai stehen unter Gläubigerschutz, Air Mauritius und Avianca ebenfalls. Auch der Autovermieter Hertz ist im Insolvenzverfahren. Und selbst gesunde Airlines erstatten reihenweise bezahlte Tickets für stornierte Flüge nicht zurück. Das Amtsgericht Frankfurt warnt vor einer Überlastung durch Verfahren um Kundengeldrückzahlungen. Für den Reisenden heißt das: Vorsichtig sein bei Zahlungen, am besten mit einer gängigen Kreditkarte zahlen, sodass man im Zweifelsfall die Zahlung rückabwickeln kann.

Aus Fehlern lernen

Insgesamt kann man nur wünschen, dass die Reisewelt aus den Fehlern der Vergangenheit lernt. Und Dinge anpackt, die in voller Fahrt nicht so leicht zu regeln wären, wie etwa Overtourism und obszöne Billigflüge. Mancher Reisende wird den Reiz kleiner Hotels und À-la-carte-Restaurants wieder schätzen lernen statt der Schlacht am kalten Buffet, bei der die Löffel durch viele Hände gehen.

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