Alkohol am Steuer: Warum nicht auch eine Null-Promille-Grenze in Deutschland?


In New South Wales wird demnächst hart durchgegriffen. In dem bevölkerungsreichsten australischen Bundesstaat hat die Regierung neue Regeln für das Autofahren unter Alkoholeinfluss verabschiedet. Die sind ganz einfach – ab dem 20. Mai gilt: Wer Alkohol getrunken oder Drogen genommen hat und sich dann ans Steuer setzt, verliert seinen Führerschein. Egal wie viel von den Substanzen im Spiel ist. Schon wer zum ersten Mal und auch lediglich leicht alkoholisiert erwischt wird, ist seine Fahrerlaubnis für drei Monate los und muss zudem eine Geldstrafe von umgerechnet 350 Euro bezahlen.

Damit reagiert der Bundesstaat, in dem ein Drittel der australischen Bevölkerung lebt, auf die Realität auf den Straßen. Jeder fünfte tödliche Verkehrsunfall gehe auf alkoholisierte Fahrer zurück, begründete Verkehrsminister Andrew Constance die Notwendigkeit des neuen Gesetzes, das vor allem zur Abschreckung dienen soll. New South Wales wählt eine radikale Herangehensweise – doch wie sinnvoll wäre eine solche Regelung in Deutschland?

Autofahren ist in Deutschland bis 0,5 Promille erlaubt

In Deutschland wird es gesetzlich gesehen erst ab 0,5 Promille kritisch. Wer mit einem solchen Wert als Autofahrer kontrolliert wird, muss mit einem Monat Fahrverbot, 500 Euro Bußgeld und zwei Punkten in Flensburg rechnen. Bei Wiederholungstätern oder bei stärkerer Alkoholisierung steigen die Strafen, sogar Gefängnis ist möglich. Lediglich bei Fahranfängern gilt die Null-Promille-Grenze: In der Probezeit von zwei Jahren nach Erhalt des Führerscheins und generell bei Fahrern unter 21 Jahren ist gar kein Alkohol am Steuer erlaubt.

Ein, zwei Bier und dann noch Auto fahren – das trauen sich somit viele erfahrene Verkehrsteilnehmer problemlos zu. Zu befürchten haben sie tatsächlich auch wenig, denn sie liegen damit zumeist noch im gesetzlich erlaubten Rahmen. Dennoch machen sich die Auswirkungen von Alkohol schon früher bemerkbar als erst bei der festgelegten Grenze von 0,5 Promille. Die Sehleistung vermindert sich, Aufmerksamkeit, Konzentration und Reaktionsfähigkeit lassen nach. Ist man damit eine Gefährdung für den Straßenverkehr? Es sind zumindest nicht die optimalen Voraussetzungen, um daran teilzunehmen.

So niedrig waren die Unfallzahlen noch nie – auch dank strengerer Regeln

Schließlich gefährden sich Autofahrer unter Alkoholeinfluss nicht nur selbst – das Risiko, das sie für andere darstellen, ist womöglich noch größer. Laut einer Auswertung des Deutschen Verkehrssicherheitsrats war im Jahr 2017 bei 4,4 Prozent aller Unfälle mit Personenschäden Alkohol im Spiel. Allerdings waren diese Unfälle überdurchschnittlich schwer: Jeder 14. Verkehrstote in Deutschland stirbt infolge eines Alkoholunfalls. 

Diese Zahlen sind noch nicht einmal besonders hoch, die Unfallrate geht seit Jahren kontinuierlich zurück. Das liegt auch an den immer strikter werdenden Alkohollimits: Erst 1998 wurde die 0,5-Promille-Grenze eingeführt, seit 2007 gilt die Null-Promille-Grenze für Anfänger. Der Effekt ist an den Statistiken ablesbar, noch nie gab es so wenige Unfälle, Verletzte und Tote im Zusammenhang mit Alkohol wie jetzt. Und dennoch sind 231 Tote immer noch zu viele: Nur logisch wäre es eigentlich, den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzuführen, um die Unfallzahlen weiter zu senken. 

„Kenn dein Limit“? Gar nicht so einfach.

Doch Forderungen nach einer für alle gültigen Null-Promille-Regelung sind schon lange nicht mehr zu hören gewesen. Stattdessen bleiben auch die Kampagnen der Bundesregierung im Ungefähren: „Alkohol? Kenn Dein Limit“ heißt deren Slogan. Den Bürger in die Verantwortung zu nehmen, mag ein ehrenwerter Ansatz sein – dass aber viele eben dieses Limit nicht kennen, lässt sich an jedem Wochenende (und darüber hinaus) tausendfach im ganzen Land feststellen.

Der Wert von 0,5 Promille gibt dem Autofahrer die Freiheit, nicht völlig auf seinen Alkoholkonsum verzichten zu müssen, wenn er noch fahren möchte oder muss. Und dennoch wird selbst der verantwortungsbewusste Fahrer, der kein Risiko für sich und andere Verkehrsteilnehmer sein möchte, damit ein Stück weit alleingelassen. Ein wenig Alkohol ist okay, wird ihm suggeriert – aber wer weiß schon, was 0,5 Promille sind? Ein großes Bier? Zwei kleine? Ein oder zwei Gläser Wein? Die eigene Fahrtüchtigkeit ist genauso schwer einzuschätzen wie der eigene Promillewert.

Eine Null-Promille-Grenze wie in New South Wales wäre da zumindest eine Überlegung wert. Bis die Politik in Deutschland auch so weit ist, muss jeder Autofahrer diese Grenze für sich selbst ziehen.

Susanne Kaloff spricht über ihr alkoholfreies Jahr



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