Andersdenkende sind unerwünscht – JUNGE FREIHEIT

Die St.Peter-und-Paul-Kirche in Potsdam Foto: picture alliance/Soeren Stache/dpa-Zentralbild/ZB
Die Katholische Kirche in Deutschland bläst im Advent zum verstärkten „Kampf gegen Rechts“ und gegen theologisch konservative Überzeugungen. Am Mittwoch gab der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, noch einmal die politische Marschrichtung vor. Der Präsident des größten katholischen Laienverbands in der Bundesrepublik, selbst CDU-Mitglied, warnte gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland vor „rechtsnationalen Einflüssen auf Gemeinden und Kirchenvorstände“. Es gebe in der katholischen Kirche „rechte Stimmen“ und „katholische Geistliche“, die sich positiv über die AfD äußerten: „Wir als große demokratische Mehrheit können uns nicht scharf genug dagegen abgrenzen“, so der ZdK-Präsident.

Wie diese Leitlinie in der Praxis aussieht, ist dieser Tage im katholischen Pfarrverbund Potsdam und Werder (Havel) zu beobachten. Bei den Wahlen zum Pfarrgemeinderat (PGR) vor gut drei Wochen wurde mit 86 Stimmen auch Organist und Vorsänger Hans-Cornelius Weber in die ehrenamtliche Gemeindevertretung gewählt. Ebenso wie Weber kandidierten erstmalig auch dessen Ehefrau sowie mit Christian Rudolf ein Redakteur dieser Zeitung. Beide verfehlten knapp den Einzug. Für alle drei hatten sich vor der Wahl Gemeindemitglieder per Unterschriftensammlung stark gemacht.

Der Pfarrer stellte Weber zur Rede

Von den etwa 6.300 wahlberechtigten Gemeindemitgliedern beteiligten sich am Ende 320 an der PGR-Wahl, wie ein Aushang in der St.-Peter-und-Paul-Kirche bescheinigt. Drei Stimmzettel waren ungültig. Stimmen konnten für mehrere der 14 Kandidaten abgegeben werden. Scharfmacher in der Gemeinde werfen dem Ehrenamtler Weber nun seine Tätigkeit für die AfD vor. Der 32jährige ist Kreisvorsitzender der AfD-Jugendorganisation Junge Alternative Potsdam und Schatzmeister im JA-Landesverband Brandenburg.

Jetzt ist die Rede von „Unruhe“ in Teilen der Gemeinde, von „Widerwillen“ zur Zusammenarbeit seitens anderer gewählter Gemeindevertreter, von „Unterwanderung“ und „Vertrauensbruch“. Nachdem das Wahlergebnis feststand, hat nach Informationen der JUNGEN FREIHEIT ein reger E-Mail-Verkehr zwischen Gemeindeoffiziellen eingesetzt. Tenor: „O nein, was machen wir nun?“ Die ursprünglich für den vergangenen Freitag abend angesetzte konstituierende Sitzung des neuen Pfarrgemeinderats wurde anderthalb Tage nach Einladung wieder abgeblasen.

Musiker Weber wurde nach der zurückliegenden Sonntagsmesse von Pfarrer Arnd Franke in der Peter-und-Paul-Kirche abgepaßt und unter Druck gesetzt, seinen Sitz niederzulegen, andernfalls drohten Neuwahlen. Auch Webers beim Wahlgang unterlegene Frau wurde zum Gespräch ins Potsdamer Pfarrhaus zitiert, wie Recherchen dieser Zeitung ergaben. Ihr sei vom Pfarrer vorgeworfen worden, sie habe als Ehefrau von Weber im Vorfeld der Wahl nicht auf diesen Umstand hingewiesen.

Einspruch gegen Wahl

Rudolf indessen sei am Wahltag von Gemeindereferentin Maria Rontschka angegangen worden – wegen dessen Arbeit im Verlag Junge Freiheit. „Sie arbeiten bei der Freiheit“, habe sie den Kandidaten vor dem Wahllokal angefaucht. Der entgegnete, daß eben nicht alle Bürger Sozialdemokraten seien. „‘Aber diese Richtung‘, warf sie mir an den Kopf“, so Rudolf, der seit mehreren Jahren ehrenamtlich in der Gemeinde ministriert und Küsterdienste übernimmt.

Wie die JF aus Gemeindekreisen erfuhr, sei Rontschka nach Feststellung des Wahlergebnisses im Beisein des Pfarrers mit dem Finger die Liste der Gewählten durchgegangen und habe diesem gezeigt, mit wem man zusammenarbeiten könne und mit wem nicht.

Gegen das Wahlergebnis und dessen Zustandekommen ist mittlerweile Einspruch erhoben worden, wie aus Presseberichten hervorgeht. Pfarrer Franke wolle demnach erst klären lassen, ob die Grundlage für eine „vertrauensvolle Zusammenarbeit“ im künftigen Pfarrgemeinderat gegeben sei.

AfD-Mitglieder wie Menschen zweiter Klasse behandelt

Er begrüße es sehr, wenn die Mitglieder des neuen PGR ihre unterschiedliche politische und kirchenpolitische Meinung und Neigung mitbrächten. Einzelne Kandidaten hätten bei der Vorstellung in der Gemeinde Ende Oktober jedoch „nicht offengelegt, welche Ehrenämter sie außerdem innehaben, beziehungsweise in welchem beruflichen Umfeld sie arbeiten“, so Franke. Auf wen das gemünzt war, erklärt sich aus der Vorgeschichte.

Tatsächlich regelt weder die Wahlordnung noch die Satzung für die Pfarrgemeinderäte im Erzbistum Berlin, wie die Kandidaten sich präsentieren sollen. Organist Weber, der erst vor anderthalb Jahren gemeinsam mit seiner Frau zum katholischen Glauben konvertierte, stellt klar: „Daß ich mich bei der JA engagiere, ist öffentlich bekannt. Das weiß jeder, der eine Suchmaschine für das Internet bedienen kann.“ Ihm einen Vertrauensbruch gegenüber der Pfarrei zu unterstellen, sei an den Haaren herbeigezogen: „Scheinbar gibt es Personen, die AfD-Mitglieder zu Menschen zweiter Klasse degradieren wollen. Das halte ich für gefährlich. Die Kirche ist keine Partei. Parteibücher sind in der Pfarrei bedeutungslos.“

Rudolf wiederum versteht die Aufregung nicht. „Seit den neunziger Jahren bin ich Mitglied der Peter-und-Paul-Gemeinde, einen Sonntag ohne heilige Messe gibt es für mich nicht. Jeder, der mich kennt, weiß, welchen Beruf ich ausübe und wo ich arbeite. Und daß ich Redakteur bin, habe ich bei der öffentlichen Pfarrversammlung gesagt.“ Woher solle man wissen, auf welche konkreten Angaben es der sehr heterogenen Gemeinde ankäme?

Hürden für Neuwahlen sind hoch

„Zu Fragen und Nachfragen war ausdrücklich Gelegenheit. Aber es kamen keine, ­ gerade weil man uns kennt und schätzt“, erinnert sich Rudolf. Den Vorwurf aus der Gemeindeleitung kann er nicht nachvollziehen. „Bei der Kandidatur für den PGR hat ja jeder seinen Beruf ins Formular geschrieben.“ Der Pfarrgemeinderatsvorsitzenden habe er beim gemeinsamen Kaffeetrinken persönlich seine Arbeitsstelle genannt, ebenso dem Diakon. „Vielleicht wird in Peter und Paul schlecht kommuniziert.“

Der besagte Einspruch gegen das Wahlergebnis könnte sich derweil als Dummejungenstreich erweisen. Denn die Beschwerde ist nach Informationen dieser Zeitung direkt ans Erzbistum in Berlin gerichtet gewesen. Die Wahlordnung bestimmt allerdings einen anderen Weg: Nach Paragraph 16 müssen Einsprüche an den noch amtierenden Pfarrgemeinderat adressiert sein.

Jedenfalls wird die zunächst abgesagte Sitzung des neuen Pfarrgemeinderats am kommenden vierten Adventssonntag nachgeholt. Laut Satzung ist das der letztmögliche Termin. Ein Mediator aus dem Erzbistum Berlin wird dann anwesend sein. Ebenso Hans-Cornelius Weber. Denn die Mitgliedschaft in dem Laiengremium kann nur durch den Erzbischof nach Anhörung des Betroffenen aberkannt werden. Die Hürden für Neuwahlen sind noch höher.

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