Coachella-Festival – Der Bauchnabel der Welt – Stil


  • Die Modebranche hat Musikfestivals längst als Absatzmarkt entdeckt: Unter dem Begriff „Festival-Fashion“ hat sich ein Reservat bestimmter Looks und Trends etabliert, die nur bei solchen Events auftauchen.
  • Ein heißer Trend für die diesjährige Festival-Saison: die „Janties“, eine Mischung aus Jeans und Panties.

Wie Coachella wird, steht eigentlich immer schon vorher fest. Sicher im Line-up dabei: Hotpants, Blumenkleider, geflochtene Haare, Gladiatorensandalen und natürlich jede Menge Crop-Tops, also bauchfreie Oberteile. Schließlich findet dieses riesige Musikfestival, das an diesem Freitag begonnen hat, alljährlich in der kalifornischen Wüste statt. Wer zu viel anzieht, riskiert womöglich einen Hitzschlag.

Sicher, es gibt wie bei jedem Festival auch hier noch dieses andere Line-up. Beyoncé war vergangenes Jahr musikalische Hauptattraktion, dieses Jahr treten unter anderem Childish Gambino und Ariana Grande auf. Aber die Bühne abseits der Bühne ist mittlerweile mindestens genauso wichtig geworden.

Beyonce Knowles im April 2018 auf der Bühne.

(Foto: Kevin Winter/AFP)

Noch Wochen nach Coachella gehen Bilder von gut gelaunten, leicht bekleideten Konzertbesuchern um die Welt. Allen voran die Hadid-Model-Schwestern, die vergangenes Jahr Hand in Hand und farblich abgestimmt erschienen, oder Rihanna im pinkfarbenen Neopren-Badeanzug und Ballonseidehosen. Sogar die New York Times macht regelmäßig eine Bildergalerie zum besten „Coachella Street Style“, was ein bisschen lustig ist, weil „Straße“ vielleicht nicht ganz zutreffend für die platt getrampelte Wiese ist und weil die meisten – nicht einmal viele der Gäste selbst – ernsthaft so auf die Straße gehen würden. Aber genau das macht diese Veranstaltung für die Modebranche so interessant.

Unter dem Begriff „Festival-Fashion“ hat sich ein Reservat bestimmter Looks und Trends etabliert, die nur bei solchen Events auftauchen – und vor allem extra für diese Anlässe für gekauft werden. Längst bieten große Modeketten wie Forever 21 eigene Festival-Kollektionen an, Boutiquen wie Net-a-Porter stellen für ihre Kunden vorab eine luftige Auswahl zusammen, das Model Hailey Bieber ließ sich in Kooperation mit Levi’s beim Kofferpacken für Coachella filmen.

Grob angelehnt an das Ur-Festival Woodstock sieht das alles immer leicht hippiesk aus, ein bisschen rockig und fransig, Hut und Turban gehen immer. Aber weil die Leute selten kaufen, was sie sowieso schon im Schrank haben, und Models wie Normalsterbliche mit aufgeweckten Instagram-Followern unmöglich den Festival-Look vom Vorjahr tragen können, gibt es natürlich auch hier mit jeder Saison ein paar Neuerungen, also Micro-Trends in doppeltem Sinne.

„Tie-dye“ beispielsweise, dieses bunte, früher gern in Heimarbeit gefärbte Batikmuster, war schon in den Sommerkollektionen von Designern wie Stella McCartney und Prada eine große Sache. Bob Marley trug es, Chris Martin, Sänger der Band Coldplay, trat jahrelang im immer gleichen Tie-dye-Hemd auf. Shorts, Taschen und am Bauchnabel geknotete Batik-Shirts dürften eine sichere Sache auf den diesjährigen Festivals sein.

Außerdem werden bereits Wetten abgeschlossen, wer als erstes mit „Janties“ auflaufen wird. Die Wortschöpfung aus Jeans und Panties geistert schon seit einigen Wochen durchs Internet, seit das betreffende Stück Stoff im März von dem angesagten Label Y/Project auf den Markt gebracht wurde. Ein Höschen mit sehr hohem Beinausschnitt, der ziemlich dünne Beine und sauberes Wachsen der Bikini-Zone erfordert.

Die US-Webseite von Harper’s Bazaar schrieb, der Look schreie förmlich nach Coachella, was nur halb im Scherz gemeint war. Hier gelten eben nicht die Gesetze der Straße, sondern gewissermaßen die der Wildnis. Bei Saint Laurent findet sich übrigens schon lange ein Body mit gleich hohem Beinausschnitt. Wer doch noch Angst bekommt, beim Rocken könnte eine Pobacke ausbüxen, zieht eben eine Netzstrumpfhose drunter.

„Janties“: Jeans im Unterhöschen-Schnitt.

(Foto: Ssense)

Es gibt sogar harte Fakten für diese Prognosen: Die Mode-Suchmaschine Lyst untersuchte dieses Jahr im Vorhinein die „wichtigsten“ Trends für die aktuelle Festivalsaison und setzte das Mini-Höschen neben Neon, Batik, Radlerhosen und „Ugly Sandals“ mit auf die Liste. Lyst untersucht das Such- und Shoppingverhalten von fünf Millionen Online-Nutzern pro Monat. In den Seitenaufrufen der vergangenen Wochen sei ein 2250-prozentiger Anstieg zu verzeichnen gewesen, überall auf der Welt suchten Leute gerade nach „Janties“, heißt es in dem Report. Wobei die Suchanfragen für das vorher nicht existierende Wort wahrscheinlich anfangs eher gen null liefen, der irre klingende Zuwachs folglich keine Invasion der Micro-Höschen bedeuten dürfte.

Viel interessanter ist sowieso, dass Lyst überhaupt diese Daten für die Branche erhebt. Denn es zeigt, wie sehr Marken und Händler versuchen, auf dem Festivalboden Profit zu machen. Der Zeitpunkt könnte ja auch besser nicht sein: Im April und Mai finden keine Modenschauen statt, Bildmaterial von irgendwie interessant gekleideten Menschen ist heiß begehrt, um ein paar Sommerteile zu vermarkten. Das Coachella-Riesenrad und die, sagen wir, festive Stimmung tun ihr Übriges.

Und die Stars auf der Bühne? Die haben modisch natürlich genauso aufgerüstet. Beyoncé, in dieser Kategorie ohnehin schwer zu schlagen, schlüpfte vergangenes Jahr in fünf verschiedene, extra für Coachella angefertigte Bühnenoutfits von Balmain. Zwischenzeitlich hieß es, sie habe sogar ihre Nagellackfarbe gewechselt, was die Beauty-Foren dieser Welt tagelang in Atem hielt. Ariana Grande dürfte für ihren Auftritt an diesem Sonntag mit kaum weniger Gepäck anrücken.

Das Schaulaufen auf dem Trampelfeld erfordert also zwar wenig Kleidung, aber durchaus aufwendiges Styling. Wer sich jetzt wehmütig daran erinnert, wie er früher auf Festivals gezeltet hat, man es nachts manchmal nicht mehr bis zum Waschraum schaffte und am nächsten Tag einfach in den gleichen Klamotten wieder zur Bühne wankte, weil es ja um die Musik und nicht ums eigene Outfit ging – tja, die Zeiten sind mindestens beim Coachella weitgehend vorbei.

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