Das Glück lauert an der Ecke | ZEIT ONLINE

Teilen ist Kümmern!


Wenn wir Entscheidungen treffen, wer agiert dann eigentlich? Das, wozu wir „ich“ zu sagen pflegen, ohne genau zu wissen, was wir damit meinen? Oder doch nur Abermillionen von Neuronen in unserem Gehirn? Sicher ist nur: entschieden wird. Selbst dann, wenn man alles dafür tut, sich der Verantwortung zu entziehen, während das Leben wie von selbst immer richtig zu laufen scheint.

So ungefähr muss Mick das Berlin der Neunzigerjahre erlebt haben. Mittendrin in dem Abenteuerspielplatz, den die wiedervereinigte Stadt bot. Eine einzige große Party sollte sein Leben sein – und wurde es. Für ein Jahrzehnt jedenfalls. Entscheidungen nahm man leicht, es würde sich schon alles finden. Das Geld war immer knapp, aber das Glück lauerte an jeder Ecke.

Mick ist die erste Hauptfigur in Jackie Thomaes neuem, für den Deutschen Buchpreis nominiertem Roman Brüder. Wie die Autorin ist er um 1970 herum in der DDR geboren, wie sie Kind eines afrikanischen Vaters, der zum Studium nach Deutschland gekommen war, aber allein bei der Mutter aufgewachsen. Um ein Memoir mit Genderwechsel handelt es sich bei diesem Buch allerdings nicht. Im Gegenteil, es ist eine Erzählung von einer solchen Spannweite, dass hinter der mittlerweile ja gelegentlich schlicht in der Hoffnung auf bessere Verkaufszahlen verwendeten Gattungsbezeichnung Roman nicht das kleinste Fragezeichen steht. Autobiografisches findet sich hier nur in Fragmenten, die wiederum als Keimzelle der Fiktion dienen.

Bis Mitte der Achtzigerjahre lebt Michi, wie er damals ganz deutsch genannt wird, in Ost-Berlin und ist ein ganz normales Kind der deutschen, sich demokratisch schimpfenden Republik, das lustlos das in der Schule verlangte Ideologiegedöns absolviert, um sich ansonsten den Themen der Pubertät zu widmen: Sex (in der Fantasie), Kleidung, die richtige Musik und Subkultur. Doch seine Mutter ist eine Frau mit unbändigem Freiheitsdrang. Sie stellt einen Ausreiseantrag. Mit 15 kommt er somit plötzlich in den Westen der Stadt, wo er dank seineswohlhabenden Stiefvaters in einer Sechs-Zimmer-Altbauwohnung zwei Zimmer und sein eigenes Bad okkupieren darf. Sein Abschiedsschmerz hält sich in Grenzen, viel zu aufregend ist der neue Überfluss. Außerdem nimmt ihn wegen seiner dunklen Hautfarbe niemand wirklich als Ossi wahr.

Thomae erzählt das leicht und souverän, ein sanftes Allwissen könnte man ihre Technik nennen, denn alles Auktoriale geht in der Empathie auf, mit der sie, oft in erlebter Rede, die Handlung aus der Perspektive ihrer Figuren schildert. In die männliche Rolle zu schlüpfen bereitet ihr keinerlei Mühe, aber ein beträchtlicher Teil des Geschehens wird auch aus Sicht von eigensinnigen, klugen Frauen berichtet, etwa der aus großbürgerlichen Verhältnissen kommenden Delia, die Micks langjährige Freundin wird und mit einer Art stolzen Duldsamkeit das einzige stabile Element in seinem Leben bildet.



Source link

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.