Die neuen Sportler | ZEIT ONLINE

Als Mack Horton nach der mittlerweile berühmt gewordenen Siegerehrung zurück ins Dorf der Athleten kam, gab es Beifall. Der ganze Essenssaal habe vor Applaus gebebt, erzählte die Schwimm-Olympiasiegerin Lilly King. Dabei beklatschten die Kollegen nicht die sportliche Leistung des australischen Sportlers, obwohl der kurz zuvor immerhin Zweiter über 400 Meter Freistil bei der WM im südkoreanischen Gwangju geworden war. Es ging um seinen Mut.

Horton hatte sich geweigert, dem Sieger Sun Yang die Hand zu schütteln. Horton stieg auch nicht mit aufs Podium, wie das die drei Erstplatzierten so machen, um dann am Ende gemeinsam für die Fotografen zu posieren. Der Australier, auch schon mal Olympiasieger, war wütend. Wütend auf Sun Yang, einen überführten Doper. Und wütend auf den Schwimmweltverband (Fina), der den Chinesen gewähren ließ.

Sun Yang war nämlich schon 2014 wegen Dopings gesperrt worden, zudem verursachte er im vorigen September mit der sogenannten Hammer-Affäre Aufsehen. Bei einer unangekündigten Dopingkontrolle soll ein Sicherheitsmann eine Blutprobe des dreimaligen Olympiasiegers mit einem Hammer zertrümmert haben. Der Weltschwimmverband Fina allerdings hat seinen Star freigesprochen, wohingegen wiederum die Welt-Anti-Doping-Agentur Einspruch einlegte, der aber erst im September verhandelt werden wird. Also gewann Sun Yang eben wieder.

Doch viel mehr wird in diesen Tagen über das Siegerfoto geredet, das eigentlich kein Siegerfoto ist: Der Chinese und der Zweitplatzierte Arm in Arm lächelnd, im Hintergrund aber blickt Mack Horton stoisch ins Nichts. Von vielen anderen Sportlern bekam Horton für diese Aktion reichlich Lob. „Alle waren froh, dass endlich mal ein Zeichen gesetzt wurde“, sagte Jacob Heidtmann, der Athletensprecher der deutschen Schwimmer. Dass Sun Yang bei der WM mitschwimme, sei „eine Frechheit für alle sauberen Athleten“. Und die US-Amerikanerin Lilly King sagte: „Ich glaube nicht, dass irgendjemand von der Fina sich für die Athleten stark machen wird. Also müssen die Athleten für sich selbst einstehen.“

Und das tun sie mehr und mehr. Für sich selbst, ihren Sport und andere. Unter der neuen Sportlergeneration scheinen viele weiterzudenken als bis zum Beckenrand oder der Seitenlinie. Der Footballer Colin Kaepernick machte auf die Polizeigewalt gegen Schwarze aufmerksam, die Fußballerin Megan Rapinoe bezeichnete sich selbst als wandelnden Trump-Protest, selbst Bundesligatrainer wie Christian Streich reden regelmäßig über gesellschaftliche Probleme.

Es ist nicht verwunderlich, dass vielen ein Thema besonders am Herzen liegt: der Kampf gegen Doping. Für einen sauberen Athleten, der sein Leben dem Spitzensport unterwirft, und Jahre, wenn nicht Jahrzehnte trainiert und schwitzt und stöhnt und sich selbst disziplinieren muss, gibt es nichts Schlimmeres, als am Ende betrogen zu werden. Statt die Probleme ihres Sports kleinzureden oder gar zu ignorieren – wer beschmutzt schon gerne das eigene Nest? –, scheinen sie nun immer öfter den Mund aufzumachen.

Als im Januar der Russe Alexander Loginow seinen ersten Weltcup-Sieg feierte, sagte der Franzose Martin Fourcade, fünfmaliger Olympiasieger: „Für mich ist es eine Schande. Er hat gewonnen, aber meinen Respekt bekommt er nicht.“ 2017 verließ Fourcade bei der Biathlon-WM eine Siegerehrung, wegen Loginow. Der war Jahre zuvor mit Epo erwischt worden. Auch Fourcades deutscher Kollege Arnd Peiffer fand deutliche Worte, als herauskam, dass Funktionäre des Biathlonweltverbands Dopingfälle vertuscht haben sollen. „Da kommt man sich als Athlet verschaukelt vor – und sicher auch die Zuschauer“, sagte er. Nachdem in diesem März bei der Nordischen Ski-WM ein Dopingnetzwerk ausgehoben und zwei österreichische Sportler festgenommen worden, nannte Peiffer die Doper „Idioten, die unseren ganzen Sport in Verruf bringen“.


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