Die Traurigkeit der Nagelstudios | ZEIT ONLINE

Das so kunstfertig an sich selbst verzweifelnde Debüt des 30-jährigen
US-Autors Ocean Vuong wurde von der angloamerikanischen Literaturkritik so emphatisch begrüßt,
dass dieses Beben überall zu spüren war. Man feierte den Roman des jungen Dozenten an der
Universität von Massachusetts als einen Beitrag zu den aktuellen Identitäts- und
Migrationsdebatten. Der Autor hatte diese Rezeption in seinem Roman vorhergesagt. Man werde,
schrieb er im vollen Bewusstsein der politischen Gegenwart, in die sein Debüt in den USA
fallen wird, sein Buch „dringlich“ oder „notwendig“ nennen. Und so ist es dann ja auch
gekommen.

Jetzt erscheint sein Roman
Auf Erden sind wir kurz grandios
mit dem erwartbaren Begeisterungsvorschuss im Hanser Verlag, der angekündigt hat, bald auch Vuongs preisgekrönte Gedichte zu verlegen. In ihnen konnte man vor ein paar Jahren bereits die eigentümliche Weltverlorenheit des 1988 in Saigon geborenen Schriftstellers bemerken, die einem in den Verzweiflungsvignetten und leuchtenden Traurigkeitsbildern seines autobiografisch gefärbten Romans nun wieder entgegentritt. In ihm erzählt Vuong, der mit seiner Familie im Alter von zwei Jahren in die USA kam, von stummen Wintern in Connecticut, von Schülerjobs auf Tabakplantagen, von jungen Männern in Trailerparks, die tote Tiere auf die Ladeflächen ihrer Pick-ups werfen und nach drei Bier auf der Veranda weinen, von der ersten Liebe und dem Heroin. Er erzählt von der Liebe zur sterbenden Großmutter, die in wunderlichen Gleichnissen spricht, von der Tet-Offensive im Vietnamkrieg wie von den langen Wanderungen der Monarchfalter und von Marines, die im Dschungel Affenhirn essen. Er erzählt von einem Leben am Rand der amerikanischen Gesellschaft, von Demütigungen der Klassenkameraden, den Schüssen um zwei Uhr mittags und zwei Uhr nachts und von zahllosen Tagen, an denen man nichts mehr in den Händen hält außer die eigenen Hände.

Vor allem aber erzählt Vuong von seiner Beziehung zur anwesend- abwesenden Mutter, einer vietnamesischen Analphabetin, die kaum Englisch spricht und nachts aus den Chemiedämpfen des Nagelstudios, in dem sie arbeitet, nach Hause kommt, von ihren Schlägen und ihrem Schweigen und davon, wie sie sich auf dem Klo eines Dunkin’ Donuts übergibt, als ihr Sohn ihr gesteht, dass er schwul ist. Wenn sie mit ihm spricht, sagt sie ihm unentwegt: „Fall nicht auf, du bist schon vietnamesisch.“

Vuong schreibt der Mutter einen Brief, der der Erzählung den Rahmen gibt. Es ist keine weitere rachsüchtige Elternentledigung, wie man sie zuletzt beispielsweise von dem französischen Autor Edouard Louis lesen konnte. Vuongs Roman ließe sich im Gegenteil als ein Akt literarischer Gnade verstehen: Er will der Mutter, die „aus der Sprache herausgefallen ist“, ein Bild ihres Sohnes erschaffen – der dabei selbst auf die Erinnerungssplitter seines Lebens geworfen wird, die er in meist kürzeren Prosastücken heraufbeschwört.

Vuong schreibt all dies nicht im Schatullenton einer bewältigten Biografie. Nichts wird hier mit unverbindlicher Virtuosität geschmückt. Oft liegt eine Rohheit in seinem Ton, ein Ungestüm, das bisweilen auch eine gewisse Outriertheit produziert („Darüber biss sich eine Handvoll verstreuter Sterne durch den milchigen Dunst des Himmels.“ Oder: „Sein Mund eine klaffende Wunde der Jugend.“), allerdings auch aphoristische Lakonie. Als der Erzähler durchs Fenster eine glückliche Vorortfamilie beobachtet, wie sie Football schaut, bemerkt er: „In den blauen Wohnzimmern gewannen Menschen und andere Menschen verloren. So verging der Herbst.“

Meistens fängt Vuong sich ein paar Zeilen später selbst wieder ein, um seine Allegorien und seine poetischen Sprachbilder unter das stabile Vordach der französischen Kulturgeschichte zu stellen, Roland Barthes als Kronzeugen eines Gedankens aufzurufen, Simone Weil, Marcel Duchamp oder Albert Camus, der ebenfalls von einer beinahe stummen, analphabetischen Mutter großgezogen wurde. Es ist manchmal, als traue der Autor der Kraft seiner eigenen Sprache nicht. Als habe er zu tiefe Demut vor seiner Geschichte und der seiner Familie, vor der Einsamkeit, der Scham, der Gewalt und den Versehrungen, um sie seinen eigenen Sätzen zu überlassen, von denen er nie weiß, ob sie das Gewicht des erfahrenen Lebens ohne fremde Hilfe tragen können.

Sein verschachteltes Buch der Erinnerungen verwandelt sich immer wieder. Es verlässt den Rahmen einer melancholisch bestrahlten amerikanischen Romanerzählung, löst sich auf in unruhig irrlichternde Zeilen, die existenziell vor sich hinmurmeln, die hinübergleiten ins Essayistische, in den flüchtigen Trost eines seitenlangen Pointenreigens („Das einzig Gute an Nationalhymnen ist, dass wir schon auf den Beinen sind und somit bereit, loszurennen.“), in ein Requiem für seinen toten ersten Geliebten, dann zu den geborgten Geschichten der Großeltern hinüberschalten und wieder zurück ins Connecticut der Schulzeit, in Krankenhäuser, Schulbusse, verlassene Parkplätze, die Isolierstationen einer vietnamesischen Kindheit in Amerika.

Seiner Mutter schreibt er: „Ich erzähle dir weniger eine Geschichte als ein Schiffswrack.“ Die ästhetischen Kollisionen, die seine Verweigerung artiger literarischer Sortenreinheit erzeugt, scheint Vuong jedenfalls einkalkuliert zu haben. Und vielleicht gibt die Fragmentierung und Zersplitterung seiner Prosa auch die angemessene stilistische wie formale Antwort auf die Frage nach der Eindeutigkeit der Herkunft, die Vuong sich selbst und auch seiner Mutter mit diesem Roman erschreiben will.

Im Selbstporträt des jungen queeren vietnamesisch-amerikanischen Dichters bekommt ein programmatischer Vers von Walt Whitman aus seinem
Song of Myself
eine neue, zeitgemäße Gestalt:
I am large, I contain multitudes.
Bei Vuong müsste das multiple Ich entsprechend sagen: Ich bin Amerikaner, bin Vietnamese, bin Mann, bin schwul, bin Sohn, bin Enkel, bin Migrant, bin Verlassener und auch: bin Schriftsteller. Nicht zuletzt erzählt dieses Buch immer wieder von der Suche eines Autors nach der eigenen poetischen Stimme. Was man von ihr lesen kann, klingt bereits jetzt schon außergewöhnlich.

Ocean Vuong: „Auf Erden sind wir kurz grandios“. Roman; a. d. Engl. von A.-K. Mittag; Hanser, München 2019; 240 S., 22,– €, E-Book 16,99 €


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