Ein ernüchternder Sieg | ZEIT ONLINE


Michael O’Neill, der Trainer Nordirlands, war enttäuscht. Verlierer sind immer enttäuscht, das war er sicher auch nach den früheren Niederlagen gegen Deutschland, zum Beispiel dem 0:1 bei der EM 2016 oder dem 1:3 vor zwei Jahren. Und doch war diesmal etwas anders. O’Neill schaute unter sich, schloss die Augen, als würde er noch ein paar Szenen aus dem Spiel innerlich an sich vorbeiziehen lassen, schwieg und sagte dann: „Diesmal war die große Gelegenheit da.“

Vor drei Jahren war sein Team chancenlos, auch wenn das Spiel scheinbar knapp 0:1 ausging. Diesmal gewann Deutschland 2:0, was klar klingen mag. Doch die deutsche Elf erwies sich nur ein bisschen besser als die Nordiren, die sich selbst als zweitklassig einstufen. Der ernüchternde Sieg fiel gemessen an den Spielanteilen zu hoch aus. Nordirland war bis in die Nachspielzeit dran, schien dem Ausgleich näher als Deutschland dem zweiten Tor. „Es war wirklich sehr knapp“, sagte O’Neill und seufzte.

Wo steht dieses Team?

Deutschland will bei der EM 2020, die zum Teil in München ausgetragen wird, wieder um den Titel mitspielen. Deutschland, Weltranglistenfünfzehnter, will wieder in die Weltspitze. Doch das Spiel in Belfast legte, gemeinsam mit der Niederlage gegen die Niederlande drei Tage zuvor, eher den Eindruck nahe, dass dieses Vorhaben noch etwas länger in Anspruch nehmen könnte als ein knappes Jahr. Zu viel Stückwerk, zu viele Problemzonen, zu wenig Spaß bereitet diese Mannschaft gegenwärtig.

In der ersten Halbzeit sah man kaum einen Unterschied in der Qualität beider Teams. Die Nordiren schnürten den Exweltmeister sogar zehn Minuten lang ein. Dessen Schwäche ermunterte sie, freilich taten auch die Fans ihr Bestes, sie sangen zur Melodie von Glory Glory Hallelujah:

We’re not Brazil
We’re Northern Ireland!
But it’s all the same to me

Nordirland spielte und trickste bisweilen. Der 21-jährige linke Verteidiger Jamal Lewis war der technisch beste Defensivspieler auf dem Feld, der Captain Steven Davis, vor zwei Jahren von der Queen zum Ritter geschlagen, lenkte sein Team geschickt. Manuel Neuer bewahrte die Deutschen vor dem Rückstand, nicht nur einmal.

Standen kurz vor der Trainerdebatte

Seine Vorderleute leisteten sich eine Unzahl an ungenauen Pässen. Manchmal fanden nicht mal Einwürfe den Mitspieler. Und ständig liefen die drei Offensiven raus aus den gefährlichen Zonen, um sich anspielen zu lassen oder wenn sie den Ball schon hatten. „Unsere Raumaufteilung stimmte im ersten Durchgang nicht“, sagte Jogi Löw nach dem Spiel. Zur Pause war der deutsche Fußball eine Halbzeit von einer Trainerdebatte entfernt.

Löw berichtete nach dem Spiel von seinen Korrekturen in der Kabine. Er habe in der Pause, sagte er, seine Stürmer angehalten, „die offensiven Positionen“ nicht zu verlassen und „zwischen den Linien“ zu bleiben. Tatsächlich klappte es dann besser. Wobei der Zufall assistieren musste. Der rechte Läufer Lukas Klostermann quetschte eine Flanke in die Mitte und die fand irgendwie seinen Leipziger Kollegen auf der anderen Seite, Marcel Halstenberg. Der Ball sollte nicht zu ihm, aber Halstenberg war’s einerlei. Mit einem spektakulären Halbvolley brachte er Deutschland in Führung. „Ausgerechnet“, riefen manche Deutsche im Stadion, denn Halstenberg war in der ersten Häfte wenig gelungen.

Die Deutschen versteckten den Ball

Es folgten ein paar weitere Angriffe und die beste Phase der Deutschen. Doch unerwartet verloren sie erneut die Kontrolle. Als Stuart Dallas auf der rechten Seite alle überrannte und Paddy McNair per Grundlinienrückpass einsetzte, duftete es kurz nach Ausgleich, doch der Schuss ging vorbei. Es war nicht die einzige heikle Situation für die Deutschen und die Fans trieben ihre Mannen nach vorne. Sie sangen Spirit in the Sky, eine Widmung an den verstorbenen George Best, Belfaster Fußballgenie und Lebemann. Mit dem Lied brachten sie ihre rührende Hoffnung zum Ausdruck, dass sie sich im Himmel mit ihm besaufen werden.

Going on up to a spirit in the sky
It’s where I’m gonna go when I die
And when I die and they lay me to rest
I’m gonna go on the piss with Georgie Best.

Dieser Musikalität hatten die deutschen Fans nahezu nichts entgegenzusetzen. Die deutschen Spieler erwehrten sich den offensiven Gegnern, indem sie den Ball tief in der eigenen Hälfte versteckten, mitunter gar im Strafraum. Sie spielten Rück- und Querpässe ohne Vorwärtsdrang.



Source link

Reply