Es flogen Schuhe (Tageszeitung junge Welt)


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»In feindlicher Umgebung«: Hassan Al-Haidos (Katar) stellt im Halbfinale auf 3:0

Foto: Suhaib Salem/REUTERS

Es ist angerichtet: Im Finale des 17. Asien-Cups trifft der viermalige Titelgewinner Japan heute in Abu Dhabi auf Katar. Die Halbfinals waren nicht sehr knapp, Japan gewann 3:0 gegen den Iran, Katar sogar 4:0 gegen Gastgeber Vereinigte Arabische Emirate (VAR). Beide Finalisten konnten mit sechs Siegen in sechs Spielen überzeugen, Katar behielt gar eine makellose Bilanz: Bei 16 eigenen Treffern steht hinten die Null.

Im ersten Viertelfinale hatte sich Japan am Donnerstag voriger Woche gegen das überraschend weit gekommene Vietnam durchgesetzt. Dafür reichte ein Elfer, in der 57. Minute verwandelt von Ritsu Doan. Für das zweite Spiel des Tages wollten wir ursprünglich bei der Außenstelle der chinesischen Botschaft in Bad Godesberg anklopfen. Die Idee hatte Jürgen Repschläger, kulturpolitischer Sprecher der Bonner Linken. Zuletzt hielt er in unserem Team beim Nicaragua-Soliturnier den Kasten sauber. Leider holte uns beide der Alltag ein. Vielleicht besser so, China blieb beim 0:3 gegen den Iran chancenlos. Als ich die Spielszenen im Netz nacharbeite, sehe ich eine Volksrepublik mit einer völlig indisponierten Abwehr – aber es ist ja nur Fußball. Am nächsten Tag gratuliere ich im Copy-Shop meines Vertrauens. Woher ich das wüsste, fragt man erfreut. Nun gut, wir verabreden uns zum Halbfinale im Laden. Der Gegner wird gerade zwischen den Arabischen Emiraten und Australien ermittelt, hinter der Theke verfolgen sie gebannt den Livestream.

Die VAR sind in der nahe gelegenen Fährgasse direkt am Rhein mit einer Außenstelle der Botschaft präsent. Ein großes Gebäude in attraktiver Lage. Man weiß darin von einem Gesundheitsbüro, in Bonn ist der »Medizintourismus« vom Golf in aller Munde. Doch was läuft da sonst noch? Scheinbar kein Fußball, die Schotten sind dicht. Ich streife weiter um den Komplex, und siehe da: Im ersten Stock ein erleuchtetes Zimmer, bemannte Stuhlreihen. In der 68. Minute müssen sie dort aufgesprungen sein, als Ali Mabchut zum Endstand von 1:0 für die Hausherren einnetzte. Vorausgegangen war ein fürchterlicher Schnitzer von Milos Degenek. Für solch einen Rückpass werden andere geschmiert.

Kurz zuvor hatte Katar das favorisierte Südkorea mit 1:0 nach Hause geschickt, mit einer kompakten Abwehr und einer Spielweise auf der Höhe der Zeit. Das Tor des Tages machte Abdulasis Hatem in der 78. Minute: Distanzschuss rechts unten, kaum haltbar. Am selben Tag lese ich die Schlagzeile: »Bundesregierung genehmigt Waffenexport nach Katar«. Abschussstationen und Lenksuchköpfe aus den Rüstungsschmieden Diehl Defence und MBDA.

Im ersten Halbfinale wurde Japan seiner Favoritenrolle gerecht. Im Copyshop »A&A Digital Print Center« in der Bonner Innenstadt verfolge ich die letzten Minuten. Das Spiel läuft hinter der Theke, zwischen Kasse und Kaffeemaschine, auf einem kleinen Monitor. Es ist bereits abgehakt – man räumt ein, dass Japan klar besser war. In der Nachspielzeit macht Genki Haraguchi von Hannover 96 noch das 3:0. Auf einem Handy zeigen sie mir die beiden anderen Tore: Nach Unklarheiten in der iranischen Abwehr köpfte Yuya Osako von Werder Bremen in der 56. Minute zum 1:0 ein. Zum 2:0 (67.) verwandelte noch einmal Osako einen Elfer rechts unten, Alireza Beiranvand tauchte in die falsche Ecke.

Nach dem Vorrundenspiel gegen Saudi-Arabien kam es für Katar mit dem Halbfinale gegen die Gastgeber zum nächsten Politikum: Saudis und VAR führen seit Sommer 2017 die wirtschaftliche und diplomatische Blockade gegen den kleinen Golfstaat an. Wie sehr sich die Katerer in feindlicher Umgebung befanden, wurde schon vor der Partie deutlich. »90 Minuten Golfkrieg«, titele Spiegel online kurz vor Anpfiff reißerisch und verwies auf ein gesetzliches Verbot von Sympathiebekundungen für Katar (bis zu 15 Jahre Haft). Generalstaatsanwalt Hamad Saif Al-Shamsi: »Wir gehen energisch gegen jeden vor, der Sympathien oder jede Art von Voreingenommenheit für Katar zeigt, sei es in den sozialen Medien oder in jeglicher schriftlicher, visueller und verbaler Form.« Einige der rund 38.000 Zuschauer bewarfen die Katerer nicht nur mit Bechern und gefüllten Flaschen, es flogen auch Schuhe, was im arabischen Raum Zeichen von Beleidigung ist, wie man spätestens seit den Würfen des irakischen Journalisten Muntader Al-Saidi auf den damaligen US-Präsidenten George W. Bush weiß. Als die Stimmung derart hochkochte, stand es nach Treffern von Boualem Khoukhi (22.) und Almoez Abdulla (37.) bereits 2:0 für Katar. In der 80. Minute stellte Hassan Khalid Al-Haidos auf 3:0, bevor Hamid Ismail Khalifa in der turbulenten Nachspielzeit auf 4:0 erhöhte – kurz nachdem Ismail Ahmed (VAR) Rot gesehen hatte.

Die Grundlage des Erfolgs: Mit Blick auf die WM 2022 betreibt Katar seit über zehn Jahren mit schier unermesslichen Mitteln eine hochprofessionelle Jugendförderung. Laut Spiegel online wird »fast jedes Schulkind gesichtet«, mit einem »System, das an die Sportförderung in der DDR erinnert«. Verdammt, man hätte drauf kommen müssen.



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