Hamburg – Melodien für Millionen – Reise


König der Löwen, Mary Poppins, Tina: Hamburgs Tourismus profitiert immer noch vor allem von den Musicals.

Wer den Blick von der Plaza der Elbphilharmonie schweifen lässt, sieht am anderen Ufer der Elbe zwei große Theater, eines für den „König der Löwen“, das andere für „Mary Poppins“. Fähren laden in regelmäßigen Abständen Besucher vor ihren Türen ab. Somit hat der Schauende bereits zwei der größten Touristenattraktionen Hamburgs im Blick: die Musicals. Wenn er das Gebäude unter seinen Füßen mitzählt, sogar drei.

Während es die Menschen nach Berlin der Party und der Kultur wegen zieht, nach München eher weniger der Party, dafür aber auch der Kultur wegen, geben Hamburg-Besucher sehr oft „Musical“ als Reisegrund an. Die Stadt vermarktet sich nicht als Ort der Hochkultur, sondern nach wie vor als Musical-Metropole. Hamburg ist nach New York und London die Stadt mit den meisten Musicalbesuchern weltweit. Dabei reicht die Strahlkraft der Musicals, die meisten produziert von Stage Entertainment, so weit, dass die Hamburg Marketing GmbH Werbemaßnahmen eigentlich nur flankieren muss. Der Platzhirsch Stage Entertainment bespielt derzeit vier große Theater in Hamburg mit vier Musicals, allein 2018 sahen diese rund zwei Millionen Menschen: „Mary Poppins“ sowie „Der König der Löwen“ in den beiden Theatern an der Elbe und die zwei neuen Produktionen „Paramour“ und „Tina“. Die Geschichte um den tapferen Löwen Simba ist dabei ungeschlagener Liebling, seit der Premiere 2001 waren rund zwölf Millionen Menschen da, ein Ende in Hamburg ist nicht geplant. Warum auch?

Übernachtung, Essen, Fahrt über die Elbe: Den Gästen werden die Touren im Paket angeboten

Mit „Paramour“ hat Stage Entertainment jetzt das erste Musical des Cirque du Soleil nach Hamburg geholt. Die Story ist denkbar einfach: Ein Smalltown-Girl und ihren talentierten, aber glücklosen Freund verschlägt es ins Hollywood der noch goldenen Sechzigerjahre, wo sie von einem schmierigen Produzenten zur Filmdiva gemacht wird. Natürlich verliebt er sich in sie, und am Ende steckt sie in einem klassisches Liebesdilemma: erfolgreicher Schnösel oder glückloser Jugendfreund? In Zeiten von „Me too“ die Geschichte einer vom Produzenten bedrängten Schauspielerin zu erzählen, ohne das zum Thema zu machen, mag ungünstig erscheinen, stört die Besucher von „Paramour“ aber wenig. Die Show laufe gut, teilt Stage Entertainment mit. Vermutlich liegt das an den ungeheuer spektakulären Einlagen der Artisten des Cirque du Soleil, die durch die Neue Flora fliegen, das Theater, in dem traditionell viel herumgeflogen wird – siehe „Tarzan“ oder einst den Kronleuchter, der im „Phantom der Oper“ von der Decke herabsauste.

Wesentlich emanzipierter ist da ein anderes Smalltown-Girl, ebenfalls von einem schmierigen Typen entdeckt: Tina Turner alias Anna Mae Bullock. Von Ike Turner zuerst gefördert, dann gequält, macht sie schließlich Weltkarriere. Die Sängerin selbst hat „Tina“ mitentwickelt, im Frühjahr 2018 feierte das Musical in London Uraufführung. Stage Entertainment krallte sich das wirklich gute Stück sofort, nun läuft die Heldenreise der Tina Turner seit April im Operettenhaus an der Reeperbahn – mit einer gigantisch guten Kristina Love in der Titelrolle.

Entdeckt von einem schmierigen Typen, dann Weltruhm: Kristina Love als „Tina“ Turner.

(Foto: Manuel Harlan/Stage Theater)

„So was gibt es bei uns daheim ja nicht“, seufzt eine ältere Musicalbesucherin in der Pause von „Tina“ am Merchandise-Stand. Sie hätte gern die DVD gekauft, die gibt es aber nicht, die Leute sollen sich das Musical ja anschauen kommen, erklärt die Verkäuferin. Entschuldigung, wo ist denn „daheim“? „Na, in München!“, sagt die Frau, dann schimpft sie etwas über Münchens mangelnden Musical-Glamour und preist Hamburg.

An dieser Stelle ein kleiner Exkurs in die Achtzigerjahre. Dass Hamburg es überhaupt zur drittgrößten Musicalstadt geschafft hat, ist mitunter einem Produzenten namens Fritz Kurz geschuldet. Der bringt 1986 „Cats“, 1990 dann „Das Phantom der Oper“ auf die Bühne, nach amerikanischem Vorbild mehrmals die Woche. Das wirkt damals ungeheuer kühn, doch es funktioniert. Sehr viele Menschen wollen unbedingt Menschen in Katzenkostümen singen sehen. Hamburg holt fix die lokale Hotellerie, Gastronomie, Reise- und Werbewirtschaft mit an Bord. Man schnürt fleißig Pakete: Übernachtung, Abendessen und Musicalbesuch, heutzutage inklusive Überfahrt über die Elbe zum Theater.

Im Jahr 2000 dann ist der erste Boom vorbei, und man fragt sich, was nach singenden Katzen noch kommen könnte. „Da hatten viele bereits die Götterdämmerung des Musicals in Deutschland heraufbeschworen“, sagt Uschi Neuss, Geschäftsführerin von Stage Entertainment. Die Produktionsfirma holt also den „König der Löwen“ und baut ein beeindruckendes Theater um ihn herum, direkt am Hafen. 2014 entsteht ein zweites nebenan. Die Häuser sind längst Teil der Hamburger Silhouette geworden, unübersehbar.

Über Auslastung spricht Stage Entertainment zwar nicht, es heißt aber, die der beiden neuen Produktionen sei „ganz hervorragend“. Für „Tina“ wurden bereits knapp 250 000 Tickets verkauft. Zum Vergleich: Alle Opernproduktionen in der Hamburgischen Staatsoper sahen 205 000 Zuschauer – in der kompletten vergangenen Saison.

Die Musicals werden nur in deutscher Sprache aufgeführt, und so ist Hamburg auch vor allem eine Stadt für Besucher aus Deutschland. 2018 zählte man 14,5 Millionen Übernachtungen, 75 Prozent kamen aus Deutschland. In München waren es im gleichen Zeitraum mehr als 17 Millionen Gäste, etwas mehr als die Hälfte kam aus aller Welt. Der Strahlkraft der noch halbwegs neuen Elbphilharmonie wird in der Hamburger Bilanz eine Million Übernachtungen zugeschrieben. Wobei die Elbphilharmonie ja von Beginn an ein faszinierendes Eigenleben als Massenattraktion jenseits ihres als hochkulturell gedachten Musikprogramms führt. Vielleicht auch, weil man sich noch immer mächtig anstrengen muss, um Tickets für die Konzerte zu kriegen. Die Plaza mit Charme eines Einkaufszentrums darf hingegen jeder besuchen, an Pfingsten wurde dort der zehnmillionste Gast begrüßt.

Und in der Neuen Flora, wo früher schon „Tarzan“ flog, turnen jetzt die Artisten vom Cirque du Soleil.

(Foto: Joerg Sarbach/AP)

Kulturschaffende jenseits von Plaza und Musicalhäusern beklagen oft eine einseitige Vermarktung der Stadt. Jack Kurfess, der ehemalige Geschäftsführer der Elbphilharmonie, sagte in einem Interview mit der Welt, Hamburg setze zu sehr auf die Massenwirksamkeit. Um sich zur Kulturstadt zu entwickeln, fehle ein politischer Plan. Immer wieder startet die Stadt Kampagnen, auch Theater, Museen und Oper anzuschieben – mäßig erfolgreich. Die Auslastung der Oper war zuletzt eher mittelprächtig, die der Kunsthalle auch.

Hamburgs Kulturbehörde hat gerade eine Studie in Auftrag gegeben, die untersuchen soll, wer die Menschen eigentlich sind, die in die Elbphilharmonie strömen. Carsten Brosda, der Kultursenator (SPD), sagt: „Seit der Eröffnung der Elbphilharmonie hat die Wahrnehmung und Bedeutung Hamburgs als Kulturstadt erheblich zugenommen. Wir wollen gerne genauer wissen, welche kulturellen Angebote die Besucher der Elbphilharmonie und anderer Kultureinrichtungen noch interessieren, um so perspektivisch zusammen mit den Einrichtungen unsere Gäste noch zielgerichteter ansprechen zu können.“ Heißt: Vielleicht ließe sich der ein oder andere ja irgendwie einwickeln, nach der Plaza noch das nahe gelegene Komponistenquartier zu besuchen, wo er schon mal da ist.

2020 kommt auch noch Harry Potter nach Hamburg. Allerdings als Theaterstück

Von Frühjahr 2020 an wird die Stadt noch ein weiteres massentaugliches Angebot im Portfolio haben: „Harry Potter und das verwunschene Kind“, eine Fortsetzung der Romane von J. K. Rowling. Kein Musical, ein Theaterstück. Die Produktionsfirma „Mehr!“ baut schon fleißig das Theater am Großmarkt pottergerecht um, alles soll zum Thema passen. Auch Stage Entertainment gehen die Ideen nicht aus. Ende September löst „Pretty Woman“ „Mary Poppins“ ab. Geschäftsführerin Neuss sagt, man könne sich auch Disneys „Frozen“ und die gefeiertste Produktion der vergangenen Jahre, „Hamilton“, vorstellen. Übersetzt heißt das ja: Da sind wir längst dran.

Hamburg Tourismus bietet Pakete für Übernachtung und Musicalbesuch, z. B. eine Nacht im Henri Hotel Downtown und einen Besuch bei „Tina“ freitags um 19.30 Uhr, Preiskategorie 2 ab 253 Euro, www.hamburg-tourism.de/buchen/reisepakete

Hinweis der Redaktion

Die Recherchereisen für diese Ausgabe wurden zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.



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