Harvey Weinstein: Das müssen Sie zum Prozessauftakt wissen

Harvey Weinstein auf dem Weg in den Gerichtssaal  ©JOHN ANGELILLOPicture Alliance
Es ist nicht vermessen zu sagen, dass unzählige Menschen – und vor allem Frauen – seit nunmehr zwei Jahren auf eben diesen Tag warten. Am heutigen Montag beginnt in New York der Strafprozess gegen den ehemaligen Filmproduzenten Harvey Weinstein. 

Harvey Weinstein: Prozessbeginn in New York

Mehr als 150 Journalisten haben sich akkreditiert, um über die Geschehnisse zu berichten. Der Richter, vor dem Weinstein Platz nehmen wird, heißt James Burke. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden viele der Frauen, die Weinstein sexualisierte Gewalt vorwerfen, in den Reihen hinter ihrem mutmaßlichen Peiniger Platz nehmen. Doch während in den vergangenen zweieinhalb Jahren mehr als 100 Frauen Vorwürfe gegen den 67-Jährigen erhoben haben (eine genaue Auflistung der Vorwürfe können Sie bei „The Cut“ lesen), geht es in dem Strafprozess im 15. Stock des New Yorker Gerichts lediglich um zwei Fälle.

Eines der mutmaßlichen Opfer heißt Mimi Haleyi. Haleyi arbeitete als Produktionsassistentin für die „Weinstein Company“. Sie behauptet, Weinstein habe sie im Jahr 2006 zum Oralsex gezwungen. Eine weitere Frau, die anonym bleiben möchte, wirft ihm vor, sie 2013 vergewaltigt zu haben.

Harvey Weinstein

Das ist Weinsteins Strategie

Beginnen wird der Prozess, so ist es üblich, mit der Auswahl der Jury. Dieser Vorgang ist sowohl für die Staatsanwaltschaft als auch für die Verteidigung von immenser Wichtigkeit. Zwei Wochen könnte die Entscheidung dauern. Erst dann beginnt der tatsächliche Prozess, währenddessen die Juroren isoliert von der Außenwelt untergebracht werden.

Interessant wird sein, was die geladenen Zeugen in dem Prozess sagen werden. „Sopranos“-Darstellerin Annabella Sciorra zum Beispiel. Sie wirft dem Hollywood-Mogul vor, sie 1993 vergewaltigt zu haben. Da der Vorfall mittlerweile verjährt ist, kann er strafrechtlich nicht verfolgt werden. Wie die „New York Times“ im August jedoch berichtete, hat eine Grand Jury Sciorra allerdings als Zeugin geladen. Die Ermittler erhoffen sich, dass sie die Berichte anderer Frauen damit unterstützen kann.

Bereits in Vorverhandlungen wurde deutlich, welche Strategie Weinsteins Anwaltsteam um Anwältin Donna Rotunno verfolgen wird. Ihr Ziel: Die Jury davon überzeugen, dass beide mutmaßlichen Opfer unglaubwürdig seien, weil sie nach den Vorfällen den Kontakt zu Weinstein angeblich nicht abgebrochen haben.

Er könnte freigesprochen werden

Im US-Rechtssystem entscheidet am Ende die zwölfköpfige Jury, ob der Angeklagte schuldig ist oder nicht. Über das Strafmaß verfügt hingegen der Richter. Bei einer Verurteilung droht Weinstein lebenslange Haft. Gut möglich ist aber auch, dass sein Team die Jury von der Unglaubwürdigkeit der Frauen überzeugen kann – und er freigesprochen wird. „Egal was sie über ihn wissen, er ist nur für Verbrechen angeklagt, die mit diesen beiden Frauen in Verbindung stehen“, erklärt die Strafverteidigerin und ehemalige Staatsanwältin Julie Rendelman der Zeitschrift „Variety“. „Wenn sich die Jury nur darauf konzentriert, hat der Staatsanwalt Probleme mit dem Fall“, sagt sie.

Weinsteins Anwältin, Donna Rotunno, ist dafür bekannt und berüchtigt, mutmaßliche Opfer ins Kreuzverhör zu nehmen. Unklar ist, ob Weinstein selbst aussagen wird. Experten schätzen das jedoch strategisch als ein zu hohes Risiko ein.

Wichtiges Zeichen (nicht nur) für Hollywood

Der Fall Weinstein trat im Herbst 2017 eine Welle los, ein kulturelles Umdenken und die #MeToo-Debatte. Frauen überall auf der Welt fühlten sich ermutigt, ihre eigenen Erfahrungen zu teilen und sich auszutauschen. Als Folge der Enthüllungen wurde unter anderem die „Time’s Up“-Initiative ins Leben gerufen, die rechtliche Unterstützung für Opfer sexualisierter Gewalt ermöglichen will.

Besonders in Hollywood wird seit dem Herbst 2017 darüber diskutiert, wie mit den veralteten Machtstrukturen – die auch heute noch existieren – umgegangen werden muss. Wie (besonders) Frauen besser geschützt werden können. Und wie man mehr Diversität vor und hinter die Kamera bringen kann. Tatsächlich ist das bislang noch nicht zur Genüge geglückt, wie die Golden Globes bewiesen haben. In der Kategorie „Beste Regie“ wurden erneut nur Männer nominiert.

Der Prozess gegen Harvey Weinstein könnte eine ganz spezielle Signalwirkung haben. Das liegt an dem schillerndem Umfeld, in dem der Produzent über Jahrzehnte seine Macht missbraucht haben soll. Und es liegt daran, dass sein Fall den Anstoß gegeben hat. Klar ist: Ab heute wird in New York Geschichte geschrieben.

Quellen: „New York Times“ / „Variety“ / „The Cut“

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