Huawei ohne Google: Alles ist ersetzlich

Im ersten Teil Huawei ohne Google: Was verlieren wir wirklich? habe ich eine erfreulich lange Liste an Apps gezeigt, die beim Wechsel auf ein Google-loses Honor-Smartphone (im Zuge des Tests des Honor 9X Pro) problemlos weiterliefen. Ein paar jedoch verursachten im Betrieb Probleme. Wie ich diese behoben habe, zeige ich Euch hier.

Apps, die ich durch eine Web-App ersetzen musste

  • Basecamp 3
  • Bring!
  • eBay
  • Hangouts
  • (Hangouts) Meet

Wenn Apps partout nicht starten, liegt das oft an den hartnäckig einprogrammierten Google-Diensten. Manche von ihnen könnt Ihr einfach als Web-App weiterverwenden. Ohne Probleme gelingt dies mit …

Bei anderen hingegen müsst Ihr tricksen. Denn manche Websites erkennen, dass Ihr sie mit einem Smartphone öffnet. Dann schlagen sie Euch vor, stattdessen die App aus dem Play Store herunterzuladen. Lasst Euch davon nicht entmutigen.

Im vorinstallierten Browser könnt Ihr für einzelne URLs (wie https://hangouts.google.com) festlegen, dass sie immer in der Desktop-Version geöffnet werden. Anschließend starten die Dienste im gewohnten Umfang. Leider ist die Bedienung der Desktop-Website auf einem Smartphone durch die kleinen Schriften und Schaltflächen äußerst kompliziert. Zudem erhaltet Ihr keine Benachrichtigungen. Eigentlich existieren Web-Benachrichtigungen, doch wollte der Huawei-Browser diese nicht zulassen. Immerhin: Bei der Video-Chat-App Hangouts Meet funktionierten sowohl Kamera als auch Mikrofon tadellos.

Ihr könnt Links zu den Web-Apps auf dem Startbildschirm ablegen. So fühlt es sich so an, als hättet Ihr tatsächlich die App installiert. Dummerweise öffnet der Standard-Browser dabei jedes Mal einen neuen Tab. Der Firefox-Browser (als „Fennec“ verfügbar in F-Droid) löst dies deutlich eleganter, indem er Web-Apps in eigenen Instanzen lädt und so jene Doppelungen vermeidet. Twitter nutze ich inzwischen ausschließlich in dieser Form.

Google will nicht

Zu Hangouts muss ich anmerken, dass der Umzug aus unterschiedlichen Gründen eine Katastrophe ist. Hangouts wird zum Glück bald abgeschaltet, daher ist die Trauer begrenzt. Jedoch hätte ich mir einen Drittanbieter-Client gewünscht. Der war in Form von HangupsDroid in der Mache, wurde jedoch vor einem Jahr eingestellt. Ein Log-in ist damit nicht mehr möglich. Das oben erläuterte Work-Around mit der Hangouts-Web-App funktioniert nur mit dem Desktop-Modus-Trick. Benachrichtigungen über neue Nachrichten erhaltet Ihr also nicht mehr.

Alternativen zu bekannten Apps

  • Google Assistant 🠺 Alexa (Amazon Store), AntennaPod (F-Droid)
  • Google-Kalender 🠺 Business Kalender 2 (AppGallery)
  • Google Maps 🠺 Maps.me (AppGallery)
  • Gmail 🠺 E-Mail (vorinstalliert)
  • Joey 🠺 Reddit (APK Pure)
  • Threema 🠺 Threema (Neukauf auf Threema.ch)

Den Google Assistant hatte ich vorwiegend zum Hören von Nachrichten-Podcasts verwendet („Okay Google, spiel Nachrichten“). Alexa beherrscht dieselbe Funktion, also hatte ich es mit dessen App probiert. Diese zeigt aber mit dem Honor 9X Pro erhebliche Probleme. Manchmal friert die Wiedergabe ein, manchmal laden Streams nicht, ein andermal kann ich einen Stream nach der Pause nicht wiederaufnehmen. In keinem Fall kann ich die Wiedergabe steuern und im Stream zu einer bestimmten Stelle springen. Ein richtiger Podcast-Player musste her. AntennaPod aus F-Droid ist der perfekte Ersatz. Um diese Neuentdeckung bin ich wirklich froh.

Alexa ist hingegen ein guter Ersatz für die Smart-Home-Steuerung, falls Ihr bislang auf Google gesetzt hattet. Natürlich empfiehlt sich aus Datenschutz-Gründen eher der Gang zu Open-Source-Lösungen wie hass.io oder OpenHAB. Deren Sprachsteuerung ist jedoch nicht so weit entwickelt.

Den Google-Kalender können wir zum Glück durch den in Berlin entwickelten Business Kalender 2 ersetzen. Dort loggt Ihr Euch mit Euren Google-Kontos ein (Bestätigung in zwei Schritten ist kein Problem) und binnen Sekunden sind all Eure Termine Synchronisiert – natürlich in beide Richtungen: Erstellt Ihr einen Termin, erhalten ihn auch Eure Kollegen.

Google-Kalender ist eigentlich kein Team-Player

Falls Ihr berufsbedingt auf den Google-Kalender als Online-Dienst angewiesen seid, solltet Ihr eigentlich über einen anderen Anbieter nachdenken. Denn Google ist nutzt von Haus aus nicht den Kalender-Standard CalDAV (oder den Kontakte-Standard CardDAV). Das schränkt die Auswahl kompatibler Kalender-Apps massiv ein und sorgt für eine Art Vendor Lock-in.

Google Maps nutze ich in erster Linie zum Fahrradfahren. Maps.me erwies sich als tauglicher Ersatz, jedoch gibt es noch weitere Alternativen. Here Maps ist wahrscheinlich für Autofahrer interessanter. Von Huaweis vermeintlicher TomTom-Kooperation habe ich noch nicht viel gemerkt. Das kommt wohl später.

Das originale Google Maps gibt es bei APKPure und funktioniert erstaunlicherweise tadellos. Ihr könnt Euch nur nicht anmelden und bei der Standort-Bestimmung gibt es eine Google-Play-Warnung. Die könnt Ihr jedoch ignorieren und trotzdem mit guter Ortung weitermachen.

Gmail konnte ich ohne Schwierigkeiten in der vorinstallierten E-Mail-App einrichten. Auch die Verifizierung in zwei Schritten war keine Hürde, wie sonst oft beim Google-Log-in in Drittanbieter-Apps. Die App lädt nur ein paar Dutzend E-Mails pro Postfach. Ich konnte trotzdem ältere E-Mails durchsuchen, da die App einen „Suche auf Server“-Button unter leeren Suchergebnissen anzeigt. Das hat erstaunlich gut funktioniert.

Apps und Funktionen, die Ihr verlieren werdet

Aus der im ersten Teil erwähnten Liste der Stichproben-Apps konnte ich folgende nicht ersetzen:

  • Swipetimes

Ich müsste mich hierfür also um einen Ersatz zur Zeiterfassungs-App umsehen oder eine andere Lösung finden.

Das Benachrichtigungs-System ist kaputt

Zudem kam mir reichlich Funktionalität abhanden. Fast alle Benachrichtigungen verstummten. Bloß noch gelegentliche E-Mails und – mit viel Verzögerung – neue Telegram-Nachrichten brachten mein Smartphone zum Vibrieren. Ansonsten herrschte Stille. eBay-Auktionen verstrichen, Slack-Nachrichten blieben unbeantwortet und Termine aus dem Google-Kalender fanden ohne mich statt; bis mich jemand genervt anrief.

Das ist jedoch auch dem aggressiven Energie-Management von EMUI geschuldet. Sämtliche Hintergrund-Aktivität von Apps wird dadurch unterbunden; und genau diese ist jedoch für das Benachrichtigungs-Management verantwortlich. Ohne Googles Firebase oder ein Äquivalent von Huawei als Vermittler, müsste jede App einzeln bei seiner Zentrale fragen, ob es etwas Neues gibt. Da das aber viel Energie verbraucht, killt die Huawei-Software derlei Prozesse; zum Leidwesen derer, die Eure Aufmerksamkeit suchen.

Huawei sollte also schleunigst ein zentrales System auf die Beine stellen, das diesem Usability-Manko ein Ende bereitet. Idealerweise ist es 1:1 kompatibel mit Googles Firebase-Schnittstelle, so dass App-Entwickler Apps gar nicht anpassen müssen. Wenn eine solche App dann auf einem Huawei-Smartphone installiert wird, greift sie automatisch auf HMS zurück. Energie wird gespart, Nachrichten kommen zügig an, alle sind glücklich. Bonus-Ziel: Dieses neue System ist Open Source, dezentral und unterliegt öffentlicher Überwachung.

Google Cast fehlt

Falls Ihr einen FireTV Stick, einen Chromecast oder Cast-fähige Lautsprecher habt, werdet Ihr mit Google-losen Smartphones keinen Cast-Button in Streaming-Apps vorfinden. Das ist insofern ärgerlich, als dass manche WLAN-Lautsprecher als Multi-Room-System sich besonders einfach via Google Cast zusammenschalten ließen. Solche Lautsprecher könntet Ihr allenfalls durch Alexa-kompatible ersetzen.

Es gibt die App LocalCast (AppGallery), bei der Ihr – wie der Name verrät – lokale Streams vom Smartphone an Google-Cast-Empfänger senden könnt. Die App versucht auch, Web-Streams per Teilen-Menü, URL-Eingabe und In-App-Browser auf Cast-Empfänger umzuleiten. Die Cast-Funktion über einen einfachen Button in Streaming-Apps wie Netflix kann dies aber nicht ersetzen.

Kontaktloses Bezahlen ist noch nicht drin

Huawei sollte sich schleunigst um eine Partnerschaft in Sachen kontaktloses Bezahlen kümmern. Ich blicke da zu Wirecard und PayPal als potenzielle Partner, lasse mich aber gerne überraschen. Google Pay hat dank umfangreicher Banken-Integration plus PayPal-Trick einen großen Vorsprung. Den hat sich Mountain View im neophoben Deutschland mühselig erkämpft. Will Huawei hier noch gleichziehen, müssten die Chinesen den Banken schon ein Angebot machen, das sie nicht ablehnen können.

Viele Apps außerhalb der Stichprobe

In einem separaten Artikel hatte ich bereits die Nutzererfahrung mit einem absichtlich entgoogleten Smartphone getestet. Besonders Car-Sharing-Apps, viele Spiele und manche Streaming-Apps funktionierten erst mit Tricks. In einem dritten Teil dieser Reihe müsste ich herausfinden, ob das MicroG-Framemwork die Google-Abhängigkeit jener Apps lindert und ob es mir gelingt, Google Apps auf dem Honor 9X Pro nachträglich zu installieren. Das wäre dann sozusagen der Boss-Kampf dieser Artikel-Trilogie.

Fazit

Im ersten Artikel schloss ich mit den Worten „Alles funktioniert irgendwie. Und tendenziell wird es einfacher.“ tatsächlich ist der Kampf gegen die alten Gewohnheiten mit diversen freudigen Neuentdeckungen und Aha-Erlebnissen verbunden. Jedoch bin ich von Berufs wegen wissbegierig und insbesondere im Gebiet Smartphones verbissen.

Ich kann verstehen, wenn jemand diese Verbissenheit für ein Gerät nicht aufbringen will, das das Leben eigentlich einfacher machen soll. Daher hoffe ich umso mehr, dass die Hinweise dieser Artikel-Serie Euch weiterhelfen und die Schwelle etwas absenken. Für weitere Fragen und Anregungen nutzt gerne die Kommentarfunktion.

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