„Ich stelle nicht die Schuldfrage“ | ZEIT ONLINE


Im Film spielen Justin Salinger (rechts) und Ella Smith (links) Ray und Liz, die Eltern von Richard (Jacob Tuton) und seines jüngeren Bruders (Callum Slater).
© Rapid Eye Movies

Richard Billingham macht sein Trauma zur Kunst. Während andere
Künstler abstrahieren und verfremden, der Rezipient interpretieren oder rätseln
muss, wer oder was den Schöpfer quälte oder noch immer quält, nimmt sich der
britische Filmemacher sein eigenes Leben zum Sujet: seine Kindheit und Jugend in
einem verwahrlosten Elternhaus.

Dieses Leben hielt Billingham zunächst in Fotografien fest.
Mit ihnen schaffte er es 2001 sogar bis auf die Shortlist für den Turner-Preis.
Doch damit hatte er das Thema noch lange nicht abgearbeitet. Jetzt folgt sein
Spielfilmdebüt Ray & Liz. Mit schonungsloser Offenheit zeigt Billingham darin
noch einmal die kaputten Familienverhältnisse in einem Vorort von Birmingham,
in die er 1970 hineingeboren wurde und in denen er aufwuchs: den alkoholkranken
Vater, die stark übergewichtige, kettenrauchende Mutter, die Tristesse eines
sozialen Brennpunkts. Die Bilder sind ein Fest der Farben und des Lichts,
zeigen dabei aber eben Szenen wie jene, in der Sooty, der Hund der Billinghams,
auf der Suche nach Futter im elterlichen Wohnzimmer nichts anderes findet als
das Erbrochene des Onkels, der seinen Rausch auf dem zerknautschten Sofa
ausschläft.

Der britische Künstler Richard Billingham
© Richard Billingham

Was ist das für ein Mann, der aus dem Ballast seiner Jugend
Kunst von solch ebenso bizarrer wie unbestreitbarer Schönheit entstehen lässt?

Richard Billingham gehört nicht zu den Künstlern, die den
großen Auftritt lieben. Der Brite wirkt etwas schüchtern, sehr nachdenklich und
lässt sich Zeit für seine Antworten, mit langen Pausen zwischen den
Sätzen. Trotz der schlechten Startbedingungen in sein Leben sagt er heute: „Ich
bin glücklich. Und – Sie werden es nicht glauben – ich war auch als Kind
glücklich. Ich war immer ein glücklicher Mensch. Denn ich kannte es damals nicht
anders. Wäre ich allerdings heute Kind, im Zeitalter des Internets, dann wäre
ich wahrscheinlich unglücklich, denn ich könnte sehen, was alle anderen haben. Dann
wäre ich vermutlich ängstlich und depressiv.“

Vielleicht
geht es wegen dieser Beteuerung des eigenen Glücks in seinem Film auch nicht
darum, die Eltern anzuklagen. Billingham beobachtet. Seine Bilder haben etwas
Dokumentarisches, sind nicht voyeuristisch. „Ich stelle nicht die Schuldfrage“,
sagt er. „Denn ich kann meinen Eltern nicht die Schuld geben. Niemand hat ihnen
gezeigt, wie man es richtig macht. Mein Vater dachte, dass die Schule meinem
Bruder und mir alles beibringt, was man im Leben wissen muss.“ Wenn man
Billingham fragt, ob er seinen Eltern vergeben hat, muss er lange überlegen: „Ich
fühle keinen Ärger, wenn ich an sie denke. Man hat mich auch gefragt, ob sich
meine Eltern bei mir entschuldigt haben. Aber wofür sollten sie sich
entschuldigen? Dafür, dass sie so schlechte Eltern waren? Nein, das haben sie
nie getan. Sie hatten einfach keine Ahnung, wie man sich um Kinder kümmert. Ich
bin mir nicht sicher, aber ich vermute, ich habe ihnen vergeben.“



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