„Karl“ und „Hannah“ unter Strom | ZEIT ONLINE


Die Herrenräder heißen Siegfried, Ludwig und
Wilhelm; ohne Oberrohr tragen die Räder die Namen Frieda oder Lotte. Der junge deutsche
Fahrradhersteller Schindelhauer benennt seine Modelle seit Anfang an mit
treudeutschen Vornamen. Deutsche Wertarbeit mit Bezeichnungen, die überall auf
der Welt als typisch deutsch gelten. „Wir exportieren aus Deutschland in mehr
als 30 Länder“, sagt Jörg Schindelhauer, Produktmanager des Unternehmens.

Schindelhauer liefert Premiumfahrräder, will
sich von den Massenherstellern durch ein modern-puristisches Design und
hochwertige Materialien unterscheiden und setzt auf einen wartungsarmen Riemenantrieb.
Seit gut neun Jahren verkauft das kleine Berliner Unternehmen mit seinen 15
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ausschließlich konventionell getriebene Fahrräder. Jetzt bringt
Schindelhauer erstmals auch E-Bikes auf den Markt – und auch für sie gilt die Namenslogik,
die ersten Elektromodelle erhielten die Namen Heinrich, Karl und Hannah.

Auch das Konzept, anspruchsvolle und zugleich
unkomplizierte Fahrräder zu bauen, wird bei den Pedelecs fortgesetzt. Der Akku
ist nicht wie bei manchen Billigmodellen am Rahmen angeflanscht oder unterm
Gepäckträger montiert, sondern aufwendig und unsichtbar ins dadurch deutlich
dickere Unterrohr integriert. Der Elektromotor von Bosch findet seinen Platz
zwischen den Pedalen.

Rücklicht in der Sattelstütze

„Der Kunde wird kein Kabel entdecken“, sagt Jörg
Schindelhauer. „Ob Kabel für die hydraulischen Scheibenbremsen, Schaltung,
Licht oder Motorbedienung, alles verschwindet durch das Steuerrohr in Gabel und
Alurahmen.“ Der Motor liefert 250 Watt und ein Drehmoment von 50 Newtonmetern.
Die Unterstützung beim Treten ist bis 25 km/h möglich. Je nach Fahrweise reicht
die Kapazität des herausnehmbaren Akkus, 500 Wattstunden, zwischen 80 und 200 Kilometer.
Nach rund vier Stunden Ladezeit an der Haushaltssteckdose ist der Akku wieder
voll.

Der ebenfalls von Bosch stammende
Bordcomputer am Lenker verrät per Daumenklick alle wichtigen Fahrdaten wie
Reichweite, Ladezustand oder zurückgelegte Strecke. Über ihn wird auch die Stärke
der Trethilfe gewählt, von „Turbo“ für maximale Motorkraft bis „Eco“ für sanfte
Unterstützung und maximale Reichweite. Wer will, kann auch einen Bordcomputer
wählen, der sich mit einer Smartphone-App koppeln lässt.

Das „Heinrich“ bietet einen Frontgepäckträger.
© Schindelhauer

Die E-Bikes verfügen über eine allen
Vorschriften genügende Beleuchtung. Bei den Modellen Karl und Adam hat Schindelhauer eine Hingucker-Idee umgesetzt: Das LED-Rücklicht ist fest in die Sattelstütze integriert. Beim Heinrich befindet
sich das Rücklicht am Schutzblech. Die 16-Zentimeter-Scheibenbremsen werden hydraulisch
aktiviert. Karl ist eher sportlich ausgelegt und kommt ohne Schaltung, die nötige
Tretarbeit wird von dem E-Motor erleichtert. Das 19,7 Kilogramm schwere Rad ist
vor allem für die Stadt gedacht, es kostet 4.000 Euro. Schutzbleche oder einen
Frontgepäckträger gibt es nur gegen Aufpreis.

Das alles ist beim Heinrich im Preis von
4.400 Euro bereits mit drin. Heinrich ist auch für längere Touren geeignet und
laut Jörg Schindelhauer „unser vielseitigstes Modell“. Der 37-Jährige setzt
insbesondere auf Umsteigerinnen vom Auto und bisherige Nicht-Radler. „Dank des
Hochleistungsakkus und der serienmäßigen Shimano-Achtgangschaltung bietet es
genug Freiheit für entspannte Fahrten ins Umland oder vom Umland in die Stadt.“
Das gilt ebenso für das technisch identische und gleichteure Damenmodell
Hannah. Ein Sportmodell mit E-Nabenmotor soll im Sommer erscheinen: Adam soll
nur 13,7 Kilogramm wiegen und 3.800 Euro kosten.

Das „Adam“ ist ein Elektrofahrrad im Fixie-Look.
© Schindelhauer

Schindelhauer folgt mit seiner Geschäftsidee
bekannten Vorbildern wie zum Beispiel Apple. Design und Technik werden in
Deutschland entwickelt, die Produktion übernehmen spezialisierte Firmen unter
anderem in Taiwan. Ähnliches gilt für eine Fülle von Accessoires, von der
Trinkflasche über spezielle Satteltaschen bis zur passenden Fahrradbekleidung.
Sogar eine eigene Kaffeesorte mit Namen Schindelhauer können die Fans ordern.
Die wird von der benachbarten Kiezrösterei Kreuzberg geliefert.



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