Landessportbund fordert Solidarfonds: „Der Druck auf die Vereine wird mit jedem Tag größer“

Der Fußballplatz am Anhalter Bahnhof zu Hause.FOTO: PROMO

Thomas Härtel, 68, ist seit 2018 Präsident des Landessportbundes Berlin, in dem etwa 2.500 Vereinen zusammengeschlossen und rund 672.000 Mitglieder registriert sind. Wir haben mit Härtel über die Probleme und die Hoffnungen gesprochen, die der Berliner Sport in Coronavirus-Zeiten hat.

Herr Härtel, am Dienstag hat der Senat den für Ende September angesetzten Berlin-Marathon abgesagt. Jürgen Lock vom Veranstalter SCC Events war überrascht. Waren Sie es auch?
Doch, schon. Es stimmt mich und uns vom Landessportbund traurig, dass das so entschieden wurde. Wir hatten gehofft, dass vielleicht die Durchführung unter Einhaltung bestimmter Maßnahmen, etwa einer stark gedrosselten Anzahl an Teilnehmerinnen und Teilnehmern, möglich sein würde. Für die Veranstalter ist das eine sehr bittere Entscheidung. Viele Menschen hatten sich bereits angemeldet, die Absage ist mit enormen Kosten für den SCC verbunden. Aber uns ist auch klar, dass so ein Marathon ein großes Risiko ist. Distanz ist bei dieser Veranstaltung kaum zu wahren. Und der Infektionsschutz steht über allem anderen. Aber es ist ja nicht nur der Berlin-Marathon von den Maßnahmen betroffen.

Bis zum 24. Oktober dürfen in Berlin keine Sportveranstaltungen vor Zuschauern stattfinden.
Die Nennung eines solch späten Datums hat uns vom LSB sehr überrascht. Das trifft natürlich die Berliner Leuchttürme des Sports, nicht nur die beiden Fußball-Bundesligisten, sondern auch die BR Volleys, die Handballer von den Füchsen oder die Basketballer von Alba Berlin hart. Wir hätten uns gefreut, wenn das Datum für den Sport vor Zuschauern offengehalten worden wäre. Aber wer weiß, je nachdem wie die Entwicklung ist, könnte darüber noch einmal verhandelt werden.

Glauben Sie, dass es doch früher mit Sport vor Zuschauern losgehen könnte?
So wie das kommuniziert worden ist, gehe ich davon aus, dass die Entscheidung steht. Auf der anderen Seite habe ich noch ein Fünkchen Hoffnung, dass unter bestimmten Umständen doch noch eine Dynamik in dem Punkt reinkommt. Aber ich will hier nicht falsch verstanden werden. Auch wir vom Sport sind uns im Klaren, dass alles dafür getan werden muss, dass das Virus eingedämmt wird. Deswegen kommunizieren wir an unsere Mitglieder: Habt Geduld, wir müssen nun eine Durststrecke durchstehen.

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Vor allem der Vereinssport auf Amateurbasis ist betroffen. Die Fußballer der Profiklubs trainieren schon unter Auflagen, für die Amateure ist das nicht erlaubt.
Das stimmt, aber die Senatsbeschlüsse vom Dienstag waren ein Schritt in die richtige Richtung. Ungedeckte Sportanlagen, als Sportstätten im Freien, können nun für Individualsportler unter Auflagen wieder geöffnet werden. Und ab 4. Mai, so sehen wir die Senatsverordnung, dürfen Kleingruppen bis 20 Personen wieder unter der Einhaltung bestimmter Maßnahmen trainieren. Das ist ein wertvolles Signal an die vielen Sportlerinnen und Sportler in dieser Stadt.

Ab wann ist in dieser Stadt wieder mit Fußballspielen im Amateursport zu rechnen?
Es hängt von der weiteren Entwicklung der Pandemie ab. Fakt ist, dass bis auf Weiteres keine Wettkampfspiele in Mannschaftssportarten vorgesehen sind. Dennoch gibt es zum Beispiel auch für die Fußballer Hoffnung in der Hinsicht, dass ein vom Berliner Fußball-Verband aufgelegtes Mustertrainingsprogramm demnächst für die Amateurfußballer gelten darf. In kleinen Gruppen ist Training mit einzuhaltenden Abstandsregelungen wieder möglich. Das ist ein Anfang.

Vereinssport zeichnet sich durch Begegnung und Interaktion aus. Wird ein normales Vereinssportleben wieder möglich sein?
Davon bin ich fest überzeugt. Zusammen mit dem Sportmediziner Bernd Wolfarth von der Charité haben wir einen Kriterienkatalog erarbeitet, wie Sportangebote unter Beachtung der Hygiene- und Abstandsregeln durchgeführt werden können. Viele unserer Trainer und Trainerinnen, Übungsleiter und Übungsleiterinnen haben wir umfangreich instruiert. Wir sind auf das Sporttreiben unter den neuen Bedingungen vorbereitet.

Thomas Härtel, 68, ist seit 2018 Präsident des Landessportbundes Berlin, in dem  etwa 2.500 Vereinen zusammengeschlossen und rund…Foto: dpa

Die Theorie ist das eine, die Praxis das andere, wie man bei jedem Einkauf im Supermarkt erlebt.
Richtig, aber der Sport hat in dieser Hinsicht einen großen Vorteil: Er lebt von der Einhaltung seiner Regeln. Deswegen glaube ich, dass die Maßnahmen im Sport besonders gut umgesetzt werden können.

Mit welchen Problemen haben die rund 2500 Berliner Sportvereine zu kämpfen?
Das ist ganz unterschiedlich. Manche Vereine kommen gut durch die Krise, weil sie sich über Mitgliedsbeiträge finanzieren und kaum Ausgaben haben. Andere aber, besonders jene, die Kurse im Bereich der Gesundheit und Rehabilitation anbieten, haben enorme Verluste zu verzeichnen. Das sind Gelder, die durch die ärztlichen Verordnungen seitens der Krankenkassen fließen. Das fällt alles weg. Besonders schwer betroffen von den Einschränkungen im Vereinssport ist der Behindertensport, was sehr schmerzt. Und dann gibt es die vielen Vereine und Verbände, die einen Großteil ihrer Kosten durch Veranstaltungen decken. Mir fällt spontan die Tanzveranstaltung „Blaues Band der Spree“ ein, die in diesem Jahr wie so vieles andere bereits ins Wasser gefallen ist.

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Wie kann den Vereinen geholfen werden?
Zunächst einmal appellieren wir an die Solidarität der Mitglieder, indem wir sie bitten, die monatlichen Beiträge weiter zu zahlen, auch wenn wir bestimmte Angebote nicht durchführen können.

Mit Erfolg?
Bisher sind die Mitglieder sehr solidarisch. Aber klar ist auch, dass die Menschen nicht ewig bereit sein werden, Geld zu bezahlen, gerade für spezielle Kursangebote, die nicht durchgeführt werden können. Der Druck auf die Vereine wird mit jedem Tag größer. Deswegen sind wir mit dem Senat in Verhandlungen über einen Solidarfonds für den Sport.

Wie hoch soll der ausfallen?
Sechs Millionen Euro schätzen wir gegenwärtig für die ersten drei Monate der Krise. Und ich bin überzeugt, dass wir mit dem Senat konstruktive Gespräche führen, wie wir es schon während der Flüchtlingskrise gemacht haben, als wir hohe Ausfälle durch die Belegung der Sporthallen hatten. Zudem werden wir weiterhin fortlaufend die Probleme unserer Vereine und Verbände erfassen und gemeinsam Konzepte für deren Lösung erarbeiten.

Glauben Sie, dass der Vereinssport jemals wieder so sein wird wie vor der Coronavirus-Pandemie?
Davon bin ich fest überzeugt. Der Vereinssport kann sogar gestärkt aus der Krise hervorkommen, weil gerade jeder merkt, wie wichtig er für das Zusammenleben ist.

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