Nicht serienreif: VW muss Autos zurückkaufen – und will nur Billigpreise zahlen


Wieder ein VW-Skandal – und wieder macht VW eine äußerst unglückliche Figur. Vor einer Woche war ein skurriler Vorgang bekannt geworden: VW möchte Vorserienmodelle zurückbekommen, also Autos, die vor der eigentlichen, offiziellen Produktion hergestellt wurden und etwa auf Messen zu Vorführungszwecken genutzt wurden. Autohersteller verkaufen solche Exemplare häufig mit Rabatten. Das Problem: Nicht immer entspricht das Auto in jedem Detail dem allgemeinen Modell. Im Rahmen des Abgasskandals wurde bei VW offenbar jeder Stein umgedreht und nun auch diese Leiche im Keller entdeckt . Zuerst hatte das Magazin „Motor Talk“ darüber berichtet.

Gegenüber FOCUS Online sagte VW-Sprecher Andreas Brozat: „Im Rahmen von internen Überprüfungen haben wir festgestellt, dass in den Modelljahren von 2006 bis 2018 weltweit in Summe ca. 6700 Fahrzeuge in einem Bauzustand vermarktet worden sein könnten, der möglicherweise nicht dem Serienstand entspricht. Zumeist handelt es sich hierbei um Vorserienfahrzeuge. Betroffen sind Fahrzeuge der Modellreihen Up, e-up, Polo, Golf, e-Golf, Golf Plus, Golf Cabrio, Golf Variant, Sportsvan, Scirocco, Eos, Touran, Tiguan, Sharan, Volkswagen CC, Passat, Passat Variant, US-Passat, Phaeton und Touareg.“

6700 Autos diverser Baureihen

Man kaufe die Autos nun zurück, „weil möglicherweise Fahrzeuge aus der laufenden Serienfertigung, zu Versuchs- und Erprobungszwecken, mit noch nicht freigegebenen Prototypenteilen umgerüstet worden sind. Aber auch, weil Vorserien- und Serienfahrzeuge, die auf Automobilmessen ausgestellt werden, als Ankündigung auf künftige Innovationen und Technologieentwicklungen, mit noch nicht freigegeben Komponenten ausgerüstet worden sein könnten. Ob die vom Rückruf betroffenen Fahrzeuge nach Versuchs- oder Messeende wieder in den ursprünglichen Serienzustand zurückgebaut worden sind, wurde dabei leider nicht immer zweifelsfrei dokumentiert“, so Brozat.

Vorserienmodelle mit unklaren Änderungen

Dabei kann es sich um kleinere Abweichung wie die Beleuchtung im Handschuhfach handeln, jedoch auch um große, wie ein anderes ABS. Zwar muss man nicht davon ausgehen, dass es sich wirklich um sicherheitsrelevante Einschränkungen handelt; es handelt sich ja nicht um Prototypen oder Erlkönige, sondern um Vorserienfahrzeuge. Die werden zum Beispiel auch bei Fahrveranstaltungen für Journalisten, Kunden oder Händler benutzt und haben entsprechende Zulassungen. Doch manchmal finden bis zum Großserienstart noch leichte Überarbeitungen an Vorserienmodellen statt. Etwa bei der Abstimmung von Motor, Getriebe und Assistenzsystemen. Auch bei der Verarbeitung können Vorserienmodelle Abweichungen aufweisen. In jedem Fall sind solche „Überraschungsautos“ für Endkunden kaum zumutbar – es sei denn, sie wussten vorher genau, was sie da kaufen. Genau das scheint aber nicht der Fall zu sein.

„Ausschluss eventueller Schäden“

Ein VW-Sprecher erklärte, es sei erst im Rahmen des Dieselskandals aufgefallen, dass Wagen mit Abweichungen auf den Markt gekommen sind. FOCUS Online liegt ein Schreiben vor, mit dem ein VW Golf zurückgerufen wird. Man könne, heißt es in dem Schreiben, anhand der vorhandenen Fahrzeugdokumentation „nicht zweifelsfrei nachvollziehen“, ob „Einschränkungen einzelner Systeme vorliegen können“. Zum Ausschluss eventueller Schäden wolle man das Auto daher zurückkaufen. Die Golf-Besitzerin erkundigte sich daraufhin bei VW – und staunte nicht schlecht, wie ihr Anwalt berichtet: „Die Volkswagen AG hat am Telefon ein skandalöses Angebot zum Rückkauf unterbreitet. Dieses Angebot war für die Mandantin nicht im Ansatz annehmbar“, so Rechtsanwalt Dr. Ralf Stoll. Der Name dürfte bei VW die Ohren klingeln lassen, denn die Kanzlei Stoll & Sauer ist eine der führenden Kanzleien, die VW-Kunden im VW-Abgasskandal vertritt.

VW habe der Golf-Besitzerin den Rückkauf des Fahrzeugs zum aktuellen Marktwert angeboten, so der Anwalt. Das hält Stoll für deutlich zu wenig: „Berechnet man den Rückkaufswert anhand der Rechtsprechung, ergibt sich ein um 6000 Euro höherer Wert. Die Mandantin hat das Fahrzeug zu einem Kaufpreis von ca. 26.000 Euro erworben. Berechnet man den Rückabwicklungswert unter Berücksichtigung einer Nutzungsentschädigung mit einer Gesamtlaufleistung von 250.000 Kilometern, ergibt sich ein Betrag von ca. 19.300 Euro. Angeboten wurde von VW der Rückkauf zum aktuellen Marktpreis in Höhe von 13.600 Euro. Dies war für die Mandantin selbstverständlich nicht annehmbar“, so der Anwalt. Er erhebt nun in ihrem Auftrag Klage gegen VW.

Sammlerstücke?

Sollten sich unter den Vorserienfahrzeugen wirklich Autos mit zusätzlichen Extras oder anderen Motorabstimmungen befinden – denkbar wäre dabei auch mehr Motorleistung – könnten solche Fahrzeuge bei VW-Fans sogar zu Sammlerstücken werden. In jedem Fall erscheint ein Rückkauf zum Pflichtpreis alles andere als kundenfreundlich. Ob sich allerdings das Prinzip des Rückkaufs zum Kaufpreis abzüglich Nutzungsentschädigung – so wie es bereits viele Besitzer von VW-Modellen mit manipulierten Dieselmotoren vor Gericht durchfechten konnten – auch auf diesen Fall übertragen lässt, bleibt offen. Denn dazu müssten die Besitzer der Autos wohl nachweisen, dass ihnen tatsächlich ein Schaden entstanden ist. Der dürfte freilich spätestens dann eintreten, wenn etwa ein Motor nicht so lange hält wie vorgesehen – zum Beispiel, weil für ein Vorserienmodell mit einer anderen Motoreinstellung experimentiert wurde.



Source link

Reply