Schweiz: Auf der längsten Rodelbahn der Alpen – Reise


15 Kilometer und 1700 Höhenmeter: Die längste Schlittenbahn der Alpen ist in der Schweiz. Sie zu fahren, erfordert Mut – und Muskeln.


Von Florian Sanktjohanser

Nein, das Märchen vom tapferen Säufer will Sandra Kaiser nicht glauben. Dass der Pintenfritz ins Dorf hinabrodelte, die ganze Nacht zechte, dann wieder aufs Faulhorn stieg und morgens in seinem Berghotel die Gäste begrüßte – „ein Mal hat er das vielleicht getan“, sagt die Touristenführerin, „aber sicher nicht regelmäßig“.

Nun, da die Wolken aufreißen, versteht man ihre Skepsis. Weit oben leuchtet die weiße Kuppe vor dem blauen Himmel, zwischen dem zackigen Massiv des Reeti und der Felsmauer der Sägisse. Wer genau hinschaut, erkennt sogar das Berghotel am Gipfel, das Fritz Bohren mit Strenge und Schalk führte. Dort beginnt die Schlittenbahn hinab nach Grindelwald, die zu seinen Ehren heute Big Pintenfritz heißt: 15 Kilometer, knapp 1700 Höhenmeter – die längste Rodelstrecke Europas.

„Besonders das obere Stück ist ziemlich steil“, sagt Sandra Kaiser, 61, die mit Lippenstift und Perlenohrringen nicht aussieht wie eine Rennrodlerin. Doch sie ist die Bahn ungezählte Male geschlittelt, früher mit ihren Töchtern, heute mit Gästen. Den weiten Weg zum Startpunkt hinauf beginnt sie an einem gelb geschindelten Haus mit roten Balken und grünen Fensterläden inmitten von Grindelwald. „Hotel Restaurant Bellevue“ steht rund um das Schild geschrieben und in der Mitte schlicht: Pinte. „Bohren ist in Grindelwald ein häufiger Familienname“, erklärt Kaiser. „Damit jeder weiß, wer gemeint ist, sagte man einfach: der Pintenfritz.“

Beine ausstrecken, zurücklehnen, gelenkt wird mit dem Seil

In der Seilbahn erzählt sie, dass Fritz Bohren bis zu seinem Tod im Jahr 1926 beide Häuser leitete, das Bellevue im Dorf und das Berghotel auf dem Faulhorn. Dem Berghotel, das zuvor als unbequemes Loch galt, verhalf er zu internationalem Ruf. Sein Essen war gut, und der Pintenfritz war ein begnadeter Sprüchereißer, der seine noblen Gäste oft auf den Arm nahm. Wer ihn nach dem Namen eines Bergs fragte, bekam meist ausgedachten Quatsch zu hören.

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Die Seilbahn endet am First. Im Hochwinter, wenn Grindelwald im Schatten des Eiger liegt, fahren die Senioren des Dorfs mit der Seilbahn zu diesem Sonnenplateau. Kaiser führt auf einem Stahlsteg entlang einer Schieferwand, über eine Hängebrücke und eine Spirale hinaus, auf eine überhängende Plattform. In der Ferne sieht man das rundliche Faulhorn. „Im Grunde ist es nur ein Hügel“, sagt Kaiser, „recht unspektakulär.“ Und von hier satte zweieinhalb Stunden Fußmarsch entfernt. Aber die Aussicht in 2681 Metern Höhe sei fantastisch: auf Brienzersee und Thunersee, auf Eiger, Mönch und Jungfrau. Für diesen Blick stapften einst Maler, Schriftsteller und Adelige zum Berghotel. Schon Postkarten von 1900 zeigen die „Schlittelpartie am Faulhorn“. Hermann Hesse schrieb, begeistert von den Freuden des Rodelns, ein Gedicht.

Groß ist also die Vorfreude – und noch größer die Enttäuschung, als der nette Herr vom Schlittenverleih sagt, dass das Faulhorn an diesem Tag unerreichbar ist. Lange ist in diesem Winter kaum Schnee gefallen im Berner Oberland, nun aber in einer Woche so viel, dass der Weg wegen des Lawinenrisikos geschlossen ist.



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