Unversöhnlich bis zum Schluss | ZEIT ONLINE


Der Chef des VfB ist über das WLAN-Kabel gestolpert. So lacht man nun im Fußballland über Stuttgart, denn Wolfgang Dietrich, der Präsident und Aufsichtsratschef, ist zurückgetreten, nachdem auf der Mitgliederversammlung am Sonntag eine Abstimmung über seine Abwahl nicht möglich gewesen war. Das drahtlose Internet funktionierte nicht. Einen Plan B hat man in Schwaben schon lange nicht mehr, offenbar nicht mal ein 56k-Modem.

Die wahren Gründe für Dietrichs Scheitern nach nicht mal drei Jahren sind natürlich andere. Erstens seine schwache Bilanz: Im Mai stieg der VfB trotz großer Ziele und Investments ab. Erneut mussten, wie schon unter seinen Vorgängern, mehrere Trainer und sportliche Führungskräfte nach kurzer Zeit gehen.

Das Haushalten gelang Dietrich auch selten. Viele Spieler waren oder sind überbezahlt, dem Sportdirektor Michael Reschke strich er eine Kündigungsklausel aus dem Vertrag, bevor er ihn entließ. Das schadete dem Verein finanziell, weil Reschke weiterverdiente.

Zweitens hinterlässt Dietrich eine vergiftete Atmosphäre. Der ehemalige S21-Sprecher konnte nicht gut mit internen Kritikern umgehen, deren Zahl stetig wuchs. Sie bemängelten nicht zuletzt einen sicher einmaligen und einmalig unwürdigen Vorgang im deutschen Profifußball: Gemäß einer Kicker-Recherche verdienen sein Sohn, aber auch, zumindest mittelbar, der Unternehmer Dietrich selbst am sportlichen Erfolg des Konkurrenten Union Berlin. Pikanterweise stieg der VfB gegen genau diesen Verein ab.

Prominenter Kritiker

Kein Wunder, dass viele VfB-Fans bei Heimspielen immer öfter und immer lauter „Dietrich raus!“ riefen. In den Wochen seit dem Abstieg wurde der Ton zwischen den zwei Lagern unter den 65.000 Mitgliedern auf ungute Art rauer.

Entsprechend war die Stimmung am Sonntag, als vor allem die Dietrich-Gegner überzeugten. Etwa ein gerade erwachsen gewordener Fan, aber auch Rainer Adrion, der ehemalige Co-Trainer von Joachim Löw und Jugendtrainer des VfB, seit vierzig Jahren VfB-Mitglied. Ihm wollte Dietrich das Mikrofon abdrehen, weil die Redezeit angeblich abgelaufen war. „Herr Adrion, auch Sie müssen sich an die Regeln halten“, sagte Dietrich. Adrion entgegnete: „Herr Dietrich, wenn Sie sich mal an Regeln hielten …“

Dietrich hat wohl gemerkt, dass er sich nicht mehr lange halten können würde, vielleicht haben ihm auch die VfB-Gremien den Rücktritt nahegelegt. Noch in seinen zornigen Abschiedsworten, die er bezeichnenderweise auf seiner Facebook-Seite veröffentlichte, gab er sich unversöhnlich und beklagte „Feindseligkeit und Häme“. Noch mit seiner letzten Handlung im Amt vertiefte er den Graben des gespaltenen Vereins, der diesem Begriff zurzeit nicht gerecht wird.

Potenzial Champions League

Allerdings ist auch nach Dietrichs Ende längst nicht alles gut, denn er ist nicht allein dafür verantwortlich, dass es mit dem VfB seit vielen Jahren bergab geht. Der Verein scheint gelenkt von Wirtschaftsleuten, Anwälten und Beratern, die mit ihren Methoden im Fußball nicht weit kommen. So wird der VfB überholt von kleineren Nachbarn wie Hoffenheim, Freiburg oder Augsburg, vielleicht bald auch von Sandhausen und Heidenheim, gegen die ein VfB-Profi früher nicht mal die Fußballschuhe angezogen hätte.

Dietrichs Nachfolger muss nun diplomatisch einiges leisten, wenn er Erfolg haben will. Ihn erwartet jedoch auch eine attraktive Aufgabe, nämlich einer der größten und reichsten Vereine Deutschlands, reich an Fans, reich an Wirtschaftskraft, reich an Ausstrahlung und Tradition.

Der VfB kickt in der Zweiten Liga, hat aber das Potenzial für die Champions League. Damit ist Stuttgart einer von vielen deutschen Fußballstandorten, wo große Möglichkeiten nicht annähernd ausgeschöpft werden. Sie sind aber vorhanden.



Source link

Reply