„Violetter Schnee“ an der Berliner Staatsoper: Unter fremder Sonne – Kultur



Die Dunkelheit verströmt ihren eigenen Geruch. Er breitet sich im Zuschauerraum der Staatsoper aus, noch bevor das Saallicht erloschen ist, und erinnert an frisch lackierte Fensterrahmen und erkaltete Winterkohleöfen. Der Duft entsteigt Hunderten von Programmbüchern, deren erstes Drittel aus überwiegend schwarz bedruckten Seiten besteht. Die Finger riechen nach dem Blättern ein bisschen nach Räucherspeck. Es sind letzte Reminiszenzen an Sesshaftigkeit, bevor der Komponist Beat Furrer mit seiner Oper „Violetter Schnee“ sein Publikum in einen nicht enden wollenden Winter entführt.

Fünf Personen versuchen, der ständig steigenden psychischen wie physischen Last des ununterbrochenen Schneefalls zu widerstehen. Von Anfang an besteht nur wenig Anlass zur Hoffnung, dass Silvia, Natascha, Jan, Peter und Jacques diese Extremsituation überleben werden. Schon die ersten Takte von Furrers Musik klingen nach einem Fanal, nach haltlosen Stürzen und zerscherbendem Aufprall, nach einem Glucksen tief unter einem gefrorenen See und auch einem gellenden Lachen, das nicht von dieser Welt ist.

Bruegels berühmtes Gemälde „Jäger im Schnee“ prägt die Bühne

Ein Bild prägt dieses Auftragswerk der Staatsoper Unter den Linden, es birgt eine der berühmtesten Winteransichten der Kunstgeschichte. „Die Jäger im Schnee“ von Pieter Bruegel ist ein grüngraues Tableau sich langsam enthüllenden Grauens. Denn die Idylle mit ihren Wintersportlichkeiten auf dem erstarrten Wasser trügt. Die Jäger kehren praktisch ohne Beute heim, ein Kaminbrand bedroht ein Haus, ein anderes könnte aus Nachlässigkeit jederzeit Raub der Flammen werden. Der Segen über dem Gasthaus hängt sichtbar schief, eine Vogelfalle kündigt dem wissenden Betrachter an, dass das Jüngste Gericht jederzeit beginnen könnte. „Die Jäger im Schnee“, entstanden in der Kleinen Eiszeit des Mittelalters, künden von der Apokalypse. Und sie tauchen dort wieder auf, wo der Mensch alle Gewissheit verliert, in Lars von Triers „Melancholia“ oder Andrei Tarkowskis „Solaris“.

Auch Beat Furrer, den österreichischen Komponisten mit Schweizer Wurzeln, reizte der Blick über den Planeten Solaris und sein unergründliches Plasmameer. Bereits 2010 traf er sich in Berlin mit Wladimir Sorokin, der der Idee, dem absolut Fremden zu begegnen, eine andere Gestalt gab. In seinem Entwurf ist es der Schneefall, der eine Gruppe in einem Haus festhält. Während sie gegen die Kältekrise anplaudern, werden sie schutzloser denn je, bis plötzlich eine fremde Sonne aufgeht und den Schnee violett leuchten lässt. Die Abkehr vom direkten „Solaris“-Bezug war auch strategisch sinnvoll, denn im Opernorbit kreist hoch über Berlin noch immer Detlev Glanerts Oper nach dem Stanisław-Lem-Roman, die eigentlich schon 2013 an der koproduzierenden Komischen Oper hätte landen sollen. Sorokins Text muss verschlungen und sicher auch von seinem beißenden Surrealismus gegerbt gewesen sein, jedenfalls kam er als Librettist nicht zum Zug. Das Uraufführungsteam mit Furrer, dem Dichter Händl Klaus und Regisseur Claus Guth legte sich auf Bruegel fest, die Staatsoper machte „Jäger im Schnee“ gleich zum Cover ihres Saisonprogramms.




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