Von der Teufelsfaust zur Pommesgabel | ZEIT ONLINE


Ding Dong! Der Beelzebub ruft! Und wer sich von ihm rufen lässt,
hat garantiert besseren Sex! Unheilig dunkel bimmelt es aus dem Kirchturm,
helle Sakristeiglöckchen kommen dazu, ein Hohepriester
murmelt etwas Lateinisches und ein Frauenchor antwortet ihm euphorisch
ergeben: „Rege Satanas! Hail Satan! Ave Satanas!“

Satanic Mass heißt dieses Stück,
das die aus Chicago stammende Rockgruppe Coven im Sommer 1969 herausgebracht
hat; es nimmt fast die gesamte zweite Seite ihres Debütalbums ein, Witchcraft
– Destroys Minds and Reaps Souls
. „Nach unserer Kenntnis ist dies die erste Tonaufnahme, die
jemals von einer Schwarzen Messe gemacht wurde“, heißt
es in den Liner Notes, darum werden schwarzmagische Laien auch vor der
Nachahmung gewarnt, zu groß seien die „Risiken und
Gefahren“ bei unsachgemäßem Verhalten. Wer
alles richtig macht, wird hingegen mit reichlich Spaß
und Ekstase belohnt: „Während die
Altarglocke abermals neunmal geläutet wird“,
heißt es weiter, „wandert der Hohe Priester durch die
Versammlung der 13 Hexen und berührt die Genitalien einer jeden Hexe
mit dem speziellen Segen des Satans, um den Erfolg der nachfolgenden Orgie zu
garantieren.“

Ein „Coven“, das ist eben eine
Versammlung aus 13 Hexen; 13 Minuten währt dann auch das zentrale Stück
des Coven-Debüts; die anderen dauern etwa die handelsüblichen
fünf Minuten und tragen Titel wie Pact With Lucifer, Wicked Woman
oder For
Unlawful Carnal Knowledge
. Von Jinx Dawson, der gewaltigen Sängerin
der Band, werden sie mit souveränem Walkürensopran
dargebracht, mit ebenso Furcht einflößender wie lockend-erotischer Stimme. Dazu spielen ihre vier Mitmusiker einen kräftigen, wenn auch
zeittypisch etwas verdüdelten psychedelischen Rock. Das von
einer Reise zum Hexenberg Brocken handelnde Eröffnungsstück Black Sabbath inspiriert eine ursprünglich
unter dem Namen Polka Tulk Blues Band gegründete Gruppe aus
Birmingham im Spätsommer desselben Jahres zu ihrem
neuen Namen.

Das ist jetzt genau 50 Jahre her, und in gewisser Weise kann man
sagen, dass wir mit dem Geburtstag des Coven-Debüts auch gerade den
50. Geburtstag des Heavy Metal begehen. Unter Metal- und Rock-Philologen gibt
es naturgemäß unterschiedliche Ansichten darüber,
welches Album welcher Band als Initialzündung des Genres anzusehen ist. Was
die Schwere und Wuchtigkeit des Sounds angeht, geben
auch Iron Butterfly mit ihren Alben Heavy
von 1968 und insbesondere In-A-Gadda-Da-Vida
aus dem folgenden Jahr oder Led Zeppelin mit ihrem gleichnamigen Debüt
aus dem Jahr 1969 gute Kandidaten dafür ab. Oder Steppenwolf, in deren
1968er-Song Born To Be Wild es heißt: „I like smoke and lightning, heavy
metal thunder, racin‘ with
the wind, and the feelin‘ that
I’m under.“

Die Innenseite des Coven-Debütalbums mit dem Teufelsgruß
© Mercury Records

Bei Coven aber findet man –
über die Musik hinaus –
auch erstmals in voll ausgebildeter Form jene Ikonografie, die für
die verschiedensten Spielarten des Metal in den folgenden Jahrzehnten
charakteristisch wird: die Huldigung des Teufels, die Feier schwarzer Messen und
den Gebrauch satanischer Symbole wie etwa des Pentagramms und des umgedrehten
Christenkreuzes. Oder eben den bis heute Metal-typischen Gruß
mit der Hand, bei dem man den Zeigefinger und den kleinen Finger
ausstreckt, während man den Daumen, den Mittel- und den Ringfinger
eingeklappt hält. Coven sind 1969 die erste Rockband überhaupt,
die diese Geste als Erkennungszeichen benutzen: Zu sehen ist es zum Beispiel auf der ausklappbaren Innenseite des Debütalbums. Dort
posieren die vier Instrumentalisten der Band nebst einiger anderer Männer,
die in Priestergewänder gekleidet sind, und entbieten mit
ihnen gemeinsam den satanischen Gruß. Die Sängerin von Coven,
Jinx Dawson, liegt derweil vor ihnen nackt auf einem Altar, mit einem Totenschädel
auf der Vulva und einem güldenen Kelch auf der Brust.

Auch bei den Konzerten der Band befand sich stets ein Altar auf
der Bühne – sowie ein Kreuz, an dem ein als
Christus verkleideter Roadie hing. Die Auftritte endeten stets mit einer schwarzmagischen
Taufe, bei der Jinx Dawson das Glaubensbekenntnis des satanistischen Vordenkers
Aleister Crowley rezitierte: „Do what thou wilt shall be the whole of the Law.“
Crowleys in den Sechzigerjahren bekanntester Schüler, der
Church-of-Satan-Hohepriester Anton LaVey, zählte denn auch zu den
Freunden der Band. Zu einem gemeinsam mit ihm für den Herbst 1969
geplanten „satanistischen Woodstock“
kam es allerdings nicht. Der Anfangserfolg der Band wurde dadurch
vereitelt, dass sie gegen Ende des Jahres, wenn auch ungerechtfertigter Weise,
mit der „Family“ des
Hippie-Gurus Charles Manson in Verbindung gebracht wurde. Als sich die
Nachricht von den Morden der Family im August 1969 verbreitete –
einige der Sektenmitglieder hatten auf Geheiß
ihres Führers unter anderem die schwangere Ehefrau Roman Polańskis,
Sharon Tate, in einer Villa in Hollywood massakriert –, nahmen die
meisten Schallplattenläden das Album von Coven aus den
Regalen. Von diesem Rückschlag hat sich die Band nicht
wieder erholt, nach dem dritten Album Blood on the Snow
löste sie sich 1975 auf. Seit 2013 spielt Jinx Dawson allerdings mit
anderen Musikern wieder unter diesem Namen und gibt im Rahmen ihrer 50
Years of Magickal Chaos
„-Jubiläumstournee
gerade auch einige Deutschlandkonzerte.



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