Mein Lebenswerk braucht keine Zustimmung der SPD-Führung

Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder wird in einer Dokumentation begleitet, die sein selbstgerechtes und überhebliches Verhalten zeigt. Beim Golfen auf einem Golfplatz wird deutlich, dass Schröder trotz seines Selbstbewusstseins nicht immer erfolgreich ist. Er weicht kritischen Fragen aus und rechtfertigt sein Handeln, auch in Bezug auf seine Freundschaft zu Wladimir Putin und seinen Lobbyismus für Russland. Selbst als eine Kirchenpastorin ihn kritisiert, zeigt Schröder keine Reue. Er äußert harte Kritik an der China-Politik der deutschen Regierung und fühlt sich von der aktuellen Führung der SPD ungerecht behandelt. Trotz seines bevorstehenden 80. Geburtstags und seiner langjährigen politischen Karriere bleibt Schröder stur in seinen Überzeugungen und weigert sich, sich selbst zu reflektieren. Die Dokumentation zeigt Schröder als einen Mann, der gerne recht hat, aber dabei die Moral und Aufrichtigkeit vernachlässigt.

Gerhard Schröder: Ein Blick hinter die Kulissen

Er fährt im schwarzen VW-Transporter vor. Auf dem Golfplatz, na klar, wo ein Staatspensionär sich eben so rumtreibt, wenn er es einigermaßen geschafft zu haben glaubt. Kofferraumklappe auf, Schläger rausräumen, weiter Abschlag. „Na, der könnte sogar hinhauen“, sagt Gerhard Schröder, versemmelt es am Ende dann aber doch. Beim Putten schiebt er den kleinen Ball zweimal am Loch vorbei. „Siehste“, sagt der Alt-Kanzler und zieht, wie immer und überall begleitet von seiner Ehefrau Soyeon Schröder-Kim, zum nächsten Loch.

Gerhard Schröder: Die unbequeme Dokumentation

Außer Dienst? – Die Gerhard-Schröder-Story“ ist der Titel eines Dokumentar-Films, den die ARD an diesem Mittwoch in ihre Mediathek stellt und am nächsten Montag, 21 Uhr, im Ersten ausstrahlt. Ein halbes Jahr lang hat Autor Lucas Stratmann – für seine Kevin-Kühnert-Doku-Serie unter anderen mit dem Axel-Springer-Preis für jungen Journalismus ausgezeichnet – den früheren Bundeskanzler begleitet. Entstanden ist ein 60-minütiges Porträt, das jeden Eindruck bestätigt, den man von Schröder in den vergangenen Jahren gewinnen konnte. Selbstgerecht, selbstgewiss, überheblich, gekünstelt, bemitleidenswert. Eine Dokumentation als Trauerspiel.

„Das nutzt doch nicht, wenn man anfängt zu moralisieren“, sagt Schröder Dabei hat Autor Stratmann dem bald 80-jährigen Altkanzler tatsächlich viele gute Gelegenheiten zu Korrektur und Politur eingeräumt. In den Fragen, die er Schröder in dem Film stellt, lädt er diesen immer wieder ein, die eigene Rolle, die eigenen Positionen, sein Verhältnis zu Wladimir Putin, auch seinen Status als Paria der deutschen Politik zu reflektieren. Vergeblich. Schröder überlegt in den meisten Gesprächspassagen erst gar nicht. Er fällt dem Fragesteller lieber gleich ins Wort, dementiert, weicht aus, bagatellisiert, beharrt, überspielt, hat durchgehend recht.

Ein Blick auf die kontroversen Äußerungen

Stratmann: „Hinterlassen diese Kriegsverbrechen in der Ukraine Spuren an Ihrer Freundschaft zu Herrn Putin?“ Schröder: „Was heißt Spuren an der Freundschaft? Ich habe doch deutlich gemacht, was ich von diesem Krieg halte. Öffentlich. Das muss ich doch nicht jede Woche und jeden Tag erneut tun. Auch wenn mir immer ein Stöckchen hingehalten wird, über das ich springen soll. Tue ich nicht.“

Stratmann: „Haben Sie ihn (Putin, Anm.) denn auch gefragt, wieso er das (den Krieg, Anm.) überhaupt angefangen hat?“ Schröder: „Hören Se, wir machen doch kein Märchen. So führt man doch keine Verhandlungen auf der Ebene. Also, entschuldigung, es geht doch nicht um eine moralische Frage. Es geht darum, einen Konflikt zu beenden. Das nutzt doch überhaupt nicht, wenn man da anfängt zu moralisieren.“

Schröder kritisiert Baerbocks China-Politik Es sind bei Schröder, zumindest in dieser Dokumentation, vor allem die anderen, die sich an die Nase fassen sollten, nicht so sehr er selbst. Das gilt für die Pastorin in der Marktkirche. Das gilt erst recht für Politikerinnen und Politiker, die Schröder wegen dessen Russland-Lobbyismus kritisieren.

Kevin Kühnert, der amtierende SPD-Generalsekretär, ist für ihn ein „Wicht“. Die SPD-Bundestagsfraktion, die ihm nicht länger sein Büro finanzieren lassen will, bezeichnet er als „armselige Leute“. Der aktuellen Führung der Partei, der er selbst fünf Jahre vorgesessen hat, widmet er den Satz: „Ich brauch‘ doch für mein Lebenswerk, wenn Se so wollen, nicht die Zustimmung der jetzigen SPD-Führung.“

Fazit: Schröders unbeugsamer Standpunkt

Ein Repräsentant der Bundesrepublik, der am kommenden Sonntag 80 Jahre alt wird, gerne Golf spielt, sich in der SPD trotz aller Debatten der vergangenen zwei Jahre zwar „überhaupt nicht“ isoliert, aber doch ganz schön ungerecht behandelt fühlt – „mindestens das!“ Einer, der gerne reist und noch lieber recht hat. Und für dessen Bockbeinigkeit sich das Land am Ende dieser 60 Minuten ganz schön schämen muss.

Mein Lebenswerk braucht keine Zustimmung der SPD-Führung